Wow, seit meinem letzten Blogeintrag ist echt eine ganze Weile vergangen… genauer gesagt: fast ein halbes Jahr!!
Dieses halbe Jahr ist zugegebenermaßen so rasend schnell vergangen und es ist so viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll… aber ich habe mir fest vorgenommen, es so gut es geht in einen Blogbeitrag zu packen. ; )
Warum man von mir überhaupt nichts mehr gehört oder gelesen hat, liegt daran, dass sich mein kompletter Fokus von einem Tag auf den anderen gewandelt hat. Er liegt gerade ausschließlich bei meiner Ausbildung zur Bauzeichnerin, die ich Mitte September begonnen habe und dem Bestreben, das möglichst sehr gut zu meistern.
Da mein erstes Ausbildungsjahr überwiegend schulisch stattfindet, habe ich an vier Tagen in der Woche Berufsschule und so spannende Fächer wie Mauern, Handzeichnen und Zimmern. Ich arbeite also echt mit Mauersteinen, Mörtel, Holz und allem Werkzeug, was man zur Bearbeitung braucht. Und ich zeichne total oldschool auf einer Zeichenplatte mit Geodreieck, Lineal und verschiedenen Bleistiften. Computeranwendung mit Word, Excel und „Maschineschreiben“ gehört auch noch zu dieser Art der Ausbildung, ist aber überwiegend nichts Neues für mich. Alles andere schon. (Okay, mit zehn Fingern schreiben kann ich zwar nicht, schreibe aber trotzdem sau schnell durch die jahrelange Übung, was zum Glück auch zählt.)
Mit den anderen aus meiner Klasse, die ebenfalls diese schulische Form der Ausbildung machen, sind wir insgesamt neun: acht Mädchen und ein Junge. Im gesamten ersten Lehrjahr sind wir insgesamt 26 oder so. Mit den anderen haben wir aber nur mittwochs Unterricht und alle zwei Wochen dienstags mit einem Teil davon. Die machen das erste Lehrjahr „normal“, bekommen also im Vergleich zu uns Vollzeitschülern Lehrlingsgehalt. Sie haben auch nur 1–2 Tage in der Woche Berufsschule und verbringen die Ausbildungszeit überwiegend im Betrieb oder in Praktika, welche sie nachweisen müssen. Da ich die Praxis bereits in der Berufsschule mitbekomme, muss ich das nicht.Dafür bin ich mit 35 Jahren noch mal Schülerin. Meine jüngste Klassenkameradin ist übrigens 16, die zweitälteste nach mir 21. Ja, es ist wirklich eine ganz neue Erfahrung, wenn der eigene Taschenrechner auf dem Tisch aus einer Zeit stammt, in der die alle noch nicht mal in Planung waren. Und meine Zeichenplatte, die ich von Observer habe, ist sogar so alt, dass da noch nicht mal ich auf der Welt gewesen bin.
Meine jüngste Lehrerin ist auch nur 5 Jahre älter als ich und mein Klassenlehrer knappe 10 Jahre. Mich stört das alles aber nicht, im Gegenteil. Ich empfinde mich sogar als relativ gute Verbindung zwischen diesen zum Teil doch recht unterschiedlichen Welten. Ebenso bin ich vermutlich auch für ein paar ein Vorbild durch meine enorme Strebsamkeit. Denn natürlich ist es so wie in meiner ersten Ausbildung und ich hänge mich so krass rein, dass ich fast nur Einsen habe. Der Preis dafür ist nur, dass sich weder hier noch mit meinem Buch, noch bei meinen sozialen Kontakten etwas tut. Außer Observer, der gerade wieder aus Hamburg zu Besuch ist, sehe ich eigentlich niemanden groß. Dafür habe ich täglich mit so vielen Menschen zu tun, dass ich auch gar keine sozialen Kapazitäten mehr dafür habe. Meine persönlichen Kontakte zu meinen Eltern und meiner besten Freundin Maze beschränken sich also auf gelegentliche Nachrichten und Telefonate und alle Treffen auf die Ferien, die ich als Schülerin ja auch wieder habe.
Und ja, man könnte nun sagen, dass ich doch als Schülerin echt viel Zeit haben sollte. Nun, die habe ich nicht wirklich. Die reine Wegzeit zur Schule und zurück beträgt zum Beispiel mindestens 2h pro Tag (15min zum Bahnhof, 30min Busfahrt, 15min den Berg hoch und das ganze zurück). Und da sind keine Wartezeiten und Verspätungen mit eingerechnet.
Ich selbst stehe kurz vor 4 Uhr auf, mache fast eine Stunde Yoga und gehe um 6 Uhr aus dem Haus, um nicht den übervollen Schülerbus nehmen zu müssen. Dafür bin ich gegen 0715 Uhr an der Schule und habe dann noch 45min für mich zum Lernen und zur Vorbereitung, bis der Unterricht beginnt. Und dieser endet entweder um 1215 oder um 1525 Uhr. Und was ich dann mache? Lernen, einkaufen, kochen, mich organisieren, den Alltag am Laufen halten,… zwischen 2000 und 2200 Uhr schlafen gehen.
Für andere mag das vielleicht nicht so recht nachvollziehbar sein, dass ich dann auch am Wochenende keine Zeit finde und mich lieber mit Lernkrams beschäftige oder den Haushalt nachhole, als Leute zu treffen. Für mich ist das alles eben nicht so easy und eine Herausforderung. Im Grunde fließt meine gesamte Energie ins Lernen und den Zusammenhalt meines Alltags, da (noch) keine wirklichen Routinen in meinem Leben bestehen und ich nun mal AD(H)S habe. Klar bin ich die organisierteste Person, die ich kenne. Aber nur, weil ich damit so verdammt gut klarkomme, heißt das nicht, dass das nicht deutlich anstrengender ist als für jemanden ohne dieses Handicap. Ich bin zum Teil ja sogar organisierter als diese Menschen. Aber all das hat eben auch seinen Preis. Es ist dann für nichts und niemanden mehr Platz. Einige verstehen das, andere vermissen mich und hätten gerne, dass ich mich öfter melde und blicken lasse. Doch ich habe einfach keine Kraft dafür und auch keine Nerven. Ich investiere einfach alles in meine Ausbildung, sowohl mental als auch finanziell.
Das klingt für Menschen, die soziale Kontakte und diesen Ausgleich brauchen, jetzt sehr hart, vielleicht sogar krankhaft. Aber da muss man sich echt keine Sorgen machen, denn auch da bin ich etwas anders als andere. Ich brauche weitaus weniger Kontakte und somit geht es mir damit sehr gut. Sie in meinen Alltag auch noch integrieren zu müssen, würde eher einen Systemabsturz hervorrufen. Für mich sind das zurückgezogene Lernen und vor allem der Spaß daran zugleich auch Ausgleich und Erfüllung. Es gibt zum Glück auch keinen einzigen Lerninhalt, der mich nicht interessiert. Selbst sanitäre Anlagen begeistern mich.
Neben den praktischen Fächern habe ich natürlich auch Theorie, wobei das gar nicht soooo viel ist. Ich mache halt mal wieder mehr draus, als ich müsste und lese abseits der Arbeitsblätter das Fachbuch und informiere mich weiter.
Momentan stehe ich fast überall auf einer Eins. Meine schlechteste Note war bisher auch nur meine Mauer, wobei ich an dem Tag zum einen hormonell angeschlagen war, der Mörtel Probleme machte bzw. das Anrühren. Zusätzlich haben mich meine Knie fast umgebracht. Mittlerweile habe ich aber Knieschoner. Ich bin auch in vielem etwas langsamer als die anderen. Zwar ist meine Mauer dadurch deutlich niedriger gewesen, aber dafür war sie gerade und ich habe das Prozedere vom Anzeichnen bis zum Setzen der Mauersteine gut gemacht. Die anderen Noten sind 1,0 (Deutsch), 1,0 (Wirtschaft), 1,2 (Handzeichnen), 1,0 (Computeranwendungen) und 1,2 (Berufstheorie). Gemeinschaftskunde und CAD bekommen wir noch zurück, wobei ich da auch jeweils mit 1,irgendwas rechne. Und im anderen Berufstheoriefach schreiben wir noch eine Arbeit. Wo ich im Zimmern stehe, weiß ich zwar nicht, aber mein Lehrer meinte, mein Werkstück sei perfekt. Ich bin auch echt geschickter als gedacht… Vieles davon habe ich zugegebenermaßen wirklich bei/durch meinen ehemaligen Chef MR gelernt, der ja eine Werkstatt hatte, wo wir uns Halterungen für die Produktfotografie ausgedacht und zusammengebastelt haben.
In CAD gehe ich übrigens wieder so auf wie in Photoshop. Eine Herausforderung ist nur, dass ich gleich zwei Programme lernen muss. Zum einen das, was wir in der Schule nutzen, zum anderen das, was mein Ausbildungsbetrieb nutzt, wo ich ja von April bis Juli gearbeitet habe und nun jeden Freitag bin. Und beide sind zum Teil sehr unterschiedlich… Aber zum Glück waren komplexe Computerprogramme noch nie ein Problem für mich. Bereits jetzt bin ich (schon wieder) diejenige, die von allen gefragt wird, wenn der Lehrer mal nicht da oder bei einem anderen Schüler ist. Und erschreckenderweise weiß ich fast immer die Antwort und komme auch an meiner eigenen Zeichnung weiter, obwohl ich gefühlt ständig am Erklären bin. Auch eine ganz neue Erfahrung: Anderen etwas zu erklären macht irgendwie voll Spaß und es in Worte zu fassen festigt noch mal das eigene Verständnis. Lustig ist auch, wie ich immer nach Gegenständen in der Umgebung suche, um Zusammenhänge zu erklären.
Ich finde es auch sehr schön, dass meine Mitschüler mich so akzeptieren und mir vertrauen. Oft bin es nämlich ich, die irgendwie mit einem Lehrer zusammentrifft und an Informationen kommt und sie weitergibt. Vielleicht sollte ich wieder Klassensprecherin werden, so wie in meiner ersten Ausbildung… im nächsten Jahr vielleicht. Und ich denke, dass zumindest meine Klasse mich einstimmig wählen würde. : )
Soweit nun also von mir und ein paar Eindrücke meiner letzten Monate, die von viel Lernstress, wenig sozialen Kontakten, keinen Schreibprojekten und zugleich sehr viel Freude geprägt waren. Dass ich hier kaum mehr etwas schreiben werde, daran wird sich wohl auch erst mal nichts ändern. Doch ich behalte meinen Blog nach wie vor.
Ich bin auch überzeugt davon, dass all das, was ich erlebe, die Erfahrungen, die ich sammle und die Menschen, die mir begegnen, mich eines Tages zu einer neuen Geschichte inspirieren werden! Zwar bin ich nun auch schon 35 (fast 36!) und auch ich merke, wie die Zeit immer schneller zwischen meinen Fingern zerrinnt… aber ich bin noch lange nicht am Ende meiner Reise. : )
In diesem Sinne wünsche ich all meinen verbliebenen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr und auf viele weitere abenteuerliche Reisen!
