Full of emptiness?

Eigentlich ist alles gut. Eigentlich ist ja nichts Schlimmes los. Keiner stresst. Alles easy. Kein Grund zur Sorge, …oder? Ich liege nicht im Sterben. Ich habe einen Job, wohne sehr gut und habe jemanden, den ich liebe und der mich liebt. Mein Bad ist sauber und der Rest der Wohnung auch. Meine Festplatten sind sortiert. Ich habe Eis im Kühlfach.
Und dennoch… zieht mir etwas den Stecker.

Hormone? Kann sein. Besonders bei ADS-Frauen ist die Woche vor der Woche manchmal der blanke Gefühlshorror.

Wetter? Sollte mir eigentlich gefallen. Die doofe Sonne scheint nicht und es ist nicht so heiß, dass ich zerfließe.

Job? Da stresst mich keiner oder selten… mein Chef ist lieb und ich habe noch Spaß an der Retusche, auch wenn meine Konzentration gerade irgendwie gefühlt nachlässt, was mich wiederum stresst…

…und sonst so?

Damals. Auf dem Weg zu irgendeiner Techno-Party. Laaaang ist’s her…

Irgendwie wünsche ich mir Urlaub. Von allem. Eine einsame Hütte wäre cool. Ohne Internet. Anderes Setting. Neue Motivation und Kraft tanken… ein Reset, um wieder zurück zu mir zu finden und zu den Dingen, die mir gut tun:

– tanzen für mich und das Leben feiern
– kochen mit Liebe anstatt nur, um halt was gegessen zu haben
– allgemein alles mit mehr Liebe machen… inklusive mich selbst mehr lieben
– schreiben und dabei hinterher klarer und erfüllter sein als zuvor
– mich neu finden in sozialen Interaktionen mit völlig Fremden beim Bahnfahren
– auch mal tagelang irgendein Game durchzocken und mich in der Geschichte verlieren und darauf freuen
– mich total schräg anziehen und die Leute schocken
– …

 

Aber was mache ich stattdessen?

Ich quäle mich morgens um vier vor die Tür und gehe spazieren, um zumindest das hinbekommen zu haben. Klar tut es mir gut. Aber es ist nicht mehr wie vor einem Jahr…

Ich quäle mich mehr oder weniger durch den Haushalt, weil ich Angst habe einkaufen zu gehen und den Deal mit mir ausmache, dass ich zumindest das machen sollte, wenn ich es schon nicht schaffe tagsüber  raus zu gehen (außer zur Arbeit).

Ich verliere mich in social networks.

Ich schiebe auf und vermeide. (So war ich jetzt über ein halbes Jahr nicht beim Friseur. Einfach, weil ich Angst habe anzurufen und einen Termin zu machen und zu fragen, ob ich einen Coronatest vorweisen muss.)

Ich knie mich entweder total in die Probleme anderer rein oder grenze mich radikal ab.

Ich meide soziale Kontakte. Ich antworte nicht auf Mails, gehe nicht ans Telefon. Ich will einfach nicht reden und so tun, als wäre alles gut. Ich will aber auch nicht jammern, denn es ist ja nichts. Ich will mich auch nicht in den Mittelpunkt drängen, weil ich gerade nicht weiß, wer ich bin…
Mit mir ist einfach… nichts…

Ich schreibe nicht mehr am Buch weiter und fange stattdessen zehn Texte an, von denen ich keinen poste, weil alles so wirr klingt und mir der Mut fehlt…. und ich wieder in meiner „Juckt-eh-keinen-was-du-schreibst-weil-du-es-nicht-kannst“-Phase bin…

Und ich weiß, das klingt jetzt alles unglaublich verzweifelt. Es fühlt sich auch genau so an. Zum Verzweifeln. Doch es befreit auch, es hier einfach mal loszuwerden…

Ja, es ist nicht das Ende der Welt…
Ich weiß, ich werde wieder einkaufen gehen.
Ich werde auch wieder kochen.
Ich werde irgendwann wieder tanzen für mich.
Ich werde irgendwann wieder Bahnfahren und Menschen begegnen.

Irgendwann wird alles wieder gut… und besser als es sich jetzt anfühlt. Ich weiß es einfach…

Aber ich weiß auch, dass nichts passiert, wenn mit mir nichts passiert… und ich mich meinen Ängsten nicht stelle.

Aber… worauf warte ich?

Was lähmt mich?

Was drückt mich nieder, obwohl „nichts“ ist?

 


Edit: Okay, es ist 2102 Uhr und ich habe mich vor ca. einer Stunde der Angst gestellt: Ja, ich habe tatsächlich das Haus verlassen. Im Beethoven-Kleid mit Hut und in meinen alten Technoschuhen, die ich definitiv nicht wegwerfen kann, auch wenn ich sie mehr als tot getanzt habe…

Und so machte ich mich auf dem Weg, berieselt vom Regen, der auf meine Haut niederfiel und beflügelt von der Musik, die durch die Ohren in mein Bewusstsein drang, um – ja! – mir einen Döner zu kaufen. Mit Ayran. Also voll rein in die Situation. Mit einkaufen! Mit Menschen, mit denen ich sogar gesprochen habe! Wow. Und ich lebe noch. Und besser: Der Dönerdealer sah mich, lächelte und stellte mir nach all der Zeit die alles entscheidende Frage, die mir auch die letzten Zweifel nahmen, dass ich ich bin. Dass ich wirken kann. Dass ich irgendwie… „zu Hause“ bin…

Wie immer?

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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