Logbuch #85 Der Mann im Bus

Irgendwie kam heute alles wie es sollte… Ich stieg in den Bus, schnappte mir meine aktuelle Psycholektüre und setze mich in den „Vierersitzbereich“. Das mache ich immer noch automatisch, wenn nicht so viel los ist. Früher dachte ich mir dabei: ‚Hey, vielleicht setzt sich mir ja jemand gegenüber!?‘ Bei Corona und einem fast leeren Bus hatte ich aber nicht damit gerechnet…

So war ich also etwas irritiert, als sich mir tatsächlich wenig später ein Mann gegenüber setzte, den ich schon ein paar Mal gesehen habe. Er sah mich an, nickte freundlich und meinte: „Endlich Feierabend!“ Ich sah ihn auch an, nickte kurz und blickte dann wieder demonstrativ in mein Buch. ‚Bloß kein Smalltalk…‘, dachte ich mir.

Wir sind uns wie bereits erwähnt schon öfter im Bus begegnet und ich habe ihn immer nur über (für mich) eher belanglose Dinge mit anderen reden hören. Und das wollte ich jetzt einfach nicht, weil ich diese Gespräche als sehr anstrengend empfinde. Also habe ich mir eigentlich schon mein Urteil gebildet und bin davon ausgegangen, dass wir in einem Gespräch definitiv keinen gemeinsamen Nenner finden werden.

Aber er ließ nicht locker und fragte: „Gutes Buch?“ Ich  zeigte ihm das Cover: „Psycho? Logisch!“ stand groß drauf und was dann folgte war der Beginn einer so schön tiefen und von gegenseitigem Verständnis  geprägten Unterhaltung, wie ich sie diesem Mann im Blaumann ehrlich gesagt nicht zugetraut hätte! Ich legte irgendwann mein Buch weg und war Feuer und Flamme für das Gespräch über die menschliche Psyche, den Umgang damit in der Gesellschaft und den Umgang mit uns selbst.

Einige Haltestellen weiter gesellte sich zu uns noch jemand, den ich auch schon oft gesehen habe und der in meinen Augen bisher auch immer ein eher „einfacher Mann“ war. Er selbst äußerte sich nicht so explizit zu seiner Psyche wie der Herr im Blaumann und ich, aber man merkte ihm an, dass auch er sich verstanden fühlte.
Und wir alle kamen zu folgendem Schluss: Alles, was mit dem Thema Psychologie zu tun hat, fehlt nach wie vor in den Köpfen soooo vieler Menschen… und darum müssen wir reden, immer wieder darüber reden. Zeigen was mit uns los ist, das Stigma überwinden. Denn wenn wir, die davon betroffen waren oder sind, es nicht tun, wer macht es dann? Wer klärt denn auf? Wer gibt den stillen Zweiflern den Mut und die Kraft zu erkennen und auch zu sprechen? Wer hat die Macht es zu einer „Normalität“ werden zu lassen?

Menschen wie dieser Mann (der mich sogar schon beim letzten Mal zu dem Buch ansprechen wollte…), sind Menschen, die ich total bewundere. Die vollkommen aus dem Off die Situation nutzen und solche Themen ansprechen; was ihnen bestimmt nicht immer so leicht gefallen ist.
Und das bewundernswerteste, was er gesagt hat, war der Satz: „Und ich trinke seit 13 Jahren keinen Alkohol mehr, weil es mich krank gemacht hat!“

Chapeau! Sie verdienen eine Blogeintrag!
Vor allem auch, weil es mir Leid tut, dass ich so vorschnell geurteilt habe und ich mir damit nochmal ins Gedächtnis rufen will, dass ich so nicht sein will!

Posted by Journey

Kategorie: Logbuch

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