Ein guter Tag

Da gute Tage gerade irgendwie eher selten sind, finde ich es gerade wichtig, sie aufzuschreiben. Ich will nicht irgendwann mal auf eine rein negative Darstellung meines Lebens zurückblicken, wenn ich meinen Blog und meine nicht veröffentlichten Tagebuchfragmente lese. So schrecklich war es ja nicht mal am Anfang meines Blogs, als es noch um lebensbedrohlichen Liebeskummer, schwere (Oberstufen)Depressionen und Existenzängste ging. Selbst in dieser schweren Zeit habe ich über viele positive Tage geschrieben.

Nun denn, hier also eine Beschreibung eines guten Tags:

Es war der erste Tag nach einer langen Phase von eher deprimierenden Tagen, an dem ich ohne diesen dunklen betonschweren Schleier aufstehen konnte, es sogar wollte. Die Tage davor waren trist und dunkel und wurden von einer Schwere eingeleitet, die mich im Bett hielt. Ich fror selbst unter drei Decken (was bei mir eine Seltenheit war) und konnte einfach nicht aufstehen. Ich fühlte mich kraftlos. Am schlimmsten war es am Tag zuvor (Donnerstag). Ich lag morgens drei Stunden im Bett und fragte mich, warum ich auf der Welt sein musste. Ich beweinte mein Leben und sank so tief in mein Bett und meine Depressionen, dass ich damit verschmolz. Ich beweinte mein Schicksal, meine Krankheiten, mein Leben. Der Tag war eine Qual und ich fragte mich, warum ich nicht einfach aufhören konnte zu leben…

Der Freitag hingegen begann leicht wie eine Feder. Kein Vergleich zum Tag davor!

Ich hatte wieder Pläne, warf mir nicht andauernd vor, was für ein schrecklich fauler, dummer, arroganter, egoistischer und unfähiger Mensch ich war, sondern stand einfach auf. Locker. Ich duschte, frühsückte, hörte Musik und arbeitete etwas, bevor ich mich zur Apotheke begab, um noch etwas wegen einem Rezept zu klären bzw. es nachzureichen. Tags zuvor hatte ich mich zu meinem Hausarzt gequält, um es abzuholen bzw. auf meine Karte einlesen zu lassen, da es ein E-Rezept war. Natürlich hat es nicht so reibungslos funktioniert, wie es sollte, aber letzten Endes hat durch diesen „Spezialfall“ die Apotheke was dazu gelernt. Und ich hatte diese Sache endlich erledigt. Ich ließ mir auch meine Medi-Kosten von 2023 ausdrucken, um diese anschließend bei der Krankenkasse einzureichen, wie jedes Jahr. Ich hatte online keinen Termin vereinbart, weil ich meine Motivation, dort auch wirklich hinzugehen, nicht einschätzen konnte und auch nicht wusste, wie lange ich fürs Einkaufen brauchen würde, das ich zwischen diese beiden Erledigungen schieben wollte.

Im Edeka neben der Apotheke besorgte ich an der Frischetheke das Fleisch, das ich später braten wollte, die vegane Majo, die sie nur dort hatten und Batterien, weil ich mit Akkus bei meinem Außenthermometer irgendwie kein Erfolg hatte.
Wie gewohnt stellte ich mich an die Kasse mit Mensch. Die Frau vor mir begann ihre Einkäufe aufs Band zu legen. Irgendwann fiel ihr Blick auf mich und meine drei Dinge und sie begann sich über mich zu beschweren. Sie sprach mich nicht einmal direkt an, meinte aber, dass Leute mit so wenig Sachen doch an die Selbstbedienungskasse gehen sollten. Ich war überrascht, weil ich doch hinter ihr stand, der Laden fast leer war und ich echt tiefenentspannt und keineswegs hektisch war. Sie war eine Millisekunde schneller an der Kasse gewesen als ich, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich ihr deshalb unbewusst einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen hätte. Mir war somit nicht klar, wo das Problem lag. Und dennoch antwortete ich auf jede indirekte Anschuldigung freundlich. Solche Menschen schaffen es nicht, mich wütend zu machen.
„Das geht doch da vorne viel schneller!“ – „Och, ich hab Zeit.“
„Dafür gilt es doch diese Kassen!“ – „Ich bin halt altmodisch.“
Und beim Blick auf die arme Kassierein: „Ich will ja hier keine Kunden vergraulen, aber…“ – „Ich bleibe lieber hier…“
Während ihres Monologs, der während des ganzen Kassiervorgangs nicht abbrach, hat sie durch mich hindurch gesehen und mich wirklich kein einziges Mal direkt angesprochen. Und dennoch fühlte ich, wie sie mich am liebsten persönlich über den Scanner der Selbstbedienungskasse gezogen hätte. Ich dachte mir hingegen nur: Wow, sie muss ja mal was echt Schlimmes an einer Kasse erlebt haben, dass ich sie so krass triggerte. Oder sie war selbst Kassiererin und fand Kunden wie mich ätzend. Anders konnte ich mir ihren Ausbruch nicht erklären. Ihren Einkauf zahlte sie mit Karte und ich fühlte mich kurz etwas gestrig, als ich in bar bezahlte. Aber auch irgendwie gut, weil ich eben so bin wie ich bin und lieber bei einem Menschen bezahle, obwohl ich gelegentlich Misantrop bin.

Mein nächstes Ziel war dann wirklich die AOK. Und obwohl ich keine Lust hatte zu laufen, wartete ich nicht auf einen Bus, sondern lief und lief und lief… Bewegung tut mir gut, das weiß ich, auch wenn ich es oft wirklich abgrundtief hasse. Besonders, wenn ich mich so schwach und kraftlos fühle wie die letzten Tage…
Im Kundenzentrum kam ich zum Glück auch ohne Termin relativ schnell dran. Die kurze Wartezeit verkürzte ich mir, indem ich die drei ausgedruckten Seiten meiner Apotheke überflog, auf der meine Medikamente aufgelistet waren. Von den ca. 500 Euro, die ich im letzten Jahr dort ausgegeben hatte, waren über 300 Euro Rezeptgebühren. Der Rest waren IBUs, Aspirin, Medis für Observer und wie ich feststellte: BTM-Gebühren fürs Medikinet, das ich wegen meinem AD(H)S nehme. Die wurden mir also nicht zu den Rezeptanteilen angrechnet. Ich fragte später meine Sachbearbeiterin, die wiederum ihre Kollegin fragte, aber das war offenbar so. Dass bei der Berechnung mal wieder mein Brutolohn und nicht mein Nettolohn relevant war, warf kurz die Frage in mir auf, wen ich denn heiraten könnte, damit ich als ledige und kinderlose Person nicht ganz so schlecht dastehe. Aber vermutlich würde das auch durch eine Heirat nicht wesentlich besser werden. Ein bisschen regte ich mich auf, aber dann dachte ich an die 180.000 Euro, die ich der AOK in den letzten 4 Jahren gekostet hatte und fühlte mich etwas besser. Immerhin bekam ich knapp 100 Euro zurück. Immerhin zahlten sie mir alle meine Medis. Immerhin gab es überhaupt Medis für meine Krankheiten…

Der restliche Tag verlief relativ ruhig. Ich war im Homeoffice und hatte nicht wahnsinnig viel zu tun. Gegen 16 Uhr telefonierte ich mit meiner besten Freundin Maze, woraus über zwei Stunden wurden, was unglaublich gut tat. Wir redeten über alles und nichts und es tat gut zu spüren, dass wir uns in so vielem so ähnlich sind und keiner von uns alleine ist. Seit bald 34 Jahren. Wir redeten auch über unseren Geburtstag und sie lud mich für nächste Woche ein. (Zur Info für neue bzw. vergessliche Leser: Wir sind am selben Tag geboren und unsere Mütter teilten sich vor „unserer Geburt“ ein Zimmer im Krankenhaus).
Während des Telefonats begann ich mich zu richten und zu schminken, weil ich vorhatte an diesem Abend auf eine Lesung zu gehen in der Vesperkirche, wo ich sogar schon mal vor Jahren mit meiner Nicht-Beziehung gegessen hatte. Ich war also schon mal dort gewesen, was mir etwas Sicherheit gab. Dennoch malte ich mir voll altmodisch eine Karte von Google Maps ab. Mein Smartphone hatte ich ja aus meinem Leben weitestgehend verbannt.

An diesem Abend las ein Bekannter (W.) seine Kurzgeschichte vor, mit dem ich früher in der Literaturwerkstatt war. Er hatte im letzten Jahr den Kulturpreis Schwarzwald-Baar gewonnen mit zwei anderen und drei jüngeren Frauen, die an dem Abend leider nicht dabei waren. Ich traf auch auf seine Freundin und einen weiteren Bekannten aus der Werkstatt. Der Altersdurchschnitt in der Kirche entsprach in etwa dem der Werkstatt, weshalb sie sich auch aufgelöst hatte. Ich sah mich nicht fähig sie weiterzuführen und Nachwuchs anzuwerben. Mit meinen fast 34 Jahren war ich die jüngste. Fast alle waren mindestens doppelt so als wie ich. Alle Schreibenden waren somit Rentner. Was sagt das eigentlich aus? Im Arbeitsleben findet kaum jemand die Zeit, um sich kreativ zu betätigen? Im Alter braucht man eine Aufgabe und wird erst dadurch kreativ?
Durch W.s Freundin lernte ich eine weitere Frau kennen, die ganz fasziniert davon war, dass ich U.s Tochter bin. Sie war – wie W.s Freundin – ebenfalls mit meinem Vater auf der Schule und sogar in derselben Klasse und ganz begeistert, als sie hörte, dass ich ein Buch geschrieben hätte. Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich an diesem Abend solche Gespräche führen würde, denn ansonsten hätte ich ein paar Buch-Visitenkarten mitgenommen, die ich damals zu meiner Lesung gemacht hatte. Aber sie notierte es sich und wollte es sich ausleihen. Ich hatte der Stadtbücherei ja damals zwei Exemplare überlassen.

Der Abend endete damit aber noch nicht, denn ich ließ mich von W. und den anderen nach V. mitnehmen, wo ich noch ein wenig „uf die Gass“ gehen wollte (zu deutsch: Auf die Gasse, unter Leute…). Im Auto redeten wir noch etwas über meine Zukunft und wie es bei mir mit dem Schreiben lief. Ich antwortete, dass es nicht gut lief und ich noch nicht so recht wisse, was ich machen werde, sobald ich arbeitslos bin. Es war ein kurzes, aber sehr prägendes Gspräch, aus dem ich einige wichtige Erkenntnisse gewonnen habe:
– ein Abi oder Studium bedeutet nicht automatisch, dass man einen privilgierten Job ausübt bzw. darin Fuß fassen kann
– ich sollte mehr Geschichten schreiben anstatt Analysen darüber, warum ich in welchen Bereichen meines Lebens Probleme habe
– die Zeitungen suchen zwar gerade Redakteure für einfache Artikel (Sport, umgekippte Mülltonnen), werden aber auch Stellen abbauen
– meine größte Sorge ist die Zukunft meiner Beziehung, weil das Drumherum so unlösbar scheint

In V. traf ich mich dann mit meiner Mum im Chaos Cafe, wo jemand Rock und Metal auflegte, den ich auch schon ewig kenne. Damals war er mein Kindergärtner. So wirklich Kontakt haben wir aber erst seit einigen Jahren. Ich habe noch keinen passenden Namen hier für ihn, aber er wird denke ich noch öfters vorkommen und definitiv noch einen bekommen. Einmal hatte ich ihn schon erwähnt, als es um die Montagsfrage ging.  Er ist Künstler und hat auch mit einigen psychischen Problemen zu kämpfen, die er durch seine Bilder verarbeitet. Interessanterweise hat er mir angeboten, eine Lesung zu veranstalten in der V.-Bar, die in V. ist und die man mieten kann für alles Mögliche. Er wird dort ausstellen. Der Hintergrund ist, wie man mit Kunst persönliches verarbeitet, was wir ja beide machen.

Nach zwei Fanta begaben meine Mum und ich uns ins Nest, meiner ehemaligen Stammkneipe. Und wir bereuten es zutiefst. Wir traten ein und wurden von einer Lautstärke erschlagen, die es unmöglich machte, irgendetwas zu verstehen außer der Musik: Schlager. Ich hatte nicht erwartet 80er-Rock-Gedudel zu hören, wie es noch vor zehn Jahren der Fall gewesen war, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Das war nicht das Nest, wie ich es an einem Freitagabend in Erinnerung hatte. Ohne den Wirten und die ganzen Gäste war es auch nicht das Nest. Es würde nie wieder das Nest werden. Seit er aufgehört hatte, wurde es mit der ersten Wirtin in der Geschichte des Nests erst komisch und mit Bella Brot (den Namen hatte ich ihr vor über 10 Jahren mal hier gegeben) als Wirtin dann schräg. Mal sehen, wie die nächsten… Wirtinnennenenen so sein werden. Die eine kenne ich nur vom Namen her, die andere ist ihre Freundin. Bella hört jedenfalls auf, das Nest geht in lesbischer Hand weiter. Ich kann nur hoffen, dass sie die 80er wieder aufleben lassen…denn das Nest ist keine Schlagerkneipe. Jeder der vier toten Wirte würde sich im Grab umdrehen…

Während ich da so saß mit meiner Mutter und den Betrunkenen beim Tanzen und Abgehen zu Hardcore-Schlagermusik zusah, merkte ich, dass DAS nicht meine Welt war. Die Menschen, die hier saßen, waren entweder so krass betrunken, um die Musik zu ertragen oder sie liebten sie wirklich und es gab ihnen etwas. Mir gab es auch etwas: Die Erkenntnis, dass ich mich bei all dem Selbsthass und der Selbstbestrafungstendenz in meinem Leben niemals so sehr verachten könnte, um auch noch eine Sekunde länger dort zu sitzen. Ja, der Gesang über kaputte Liebe ließ mich mich wieder etwas mehr lieben. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut gefühlt wie in dem Moment, als sich die Tür hinter mir schloss und meine Mum und ich wieder auf der Straße standen.

Im Bus ließ ich den Tag Revue passieren und fragte mich, was ich eigentlich machen, als was ich arbeiten will… unabhängig davon, ob es möglich ist oder nicht. Das meiste davon wird aus finanziellen Gründen nicht möglich sein, vielleicht auch aus anderen. Aber hier ist mal meine Liste der Dinge, die mir spontan eingefallen sind:

  • (Bedienungs)Anleitungen erstellen
  • Layout von Büchern gestalten (Schulbücher z.B.)
  • allgemein was im Verlagswesen
  • irgendwas bei Lego
  • für die Psychologie Heute arbeiten
  • irgendwas bei der Bahn
  • Gestaltung von Arbeitsblättern
  • literarisches Schreiben studieren, am liebsten in Leipzig (was ich, wie ich gelesen habe, durch meine Ausbildung und Berufserfahrung auch ohne Abi könnte… ich müsste „nur“ den Aufnahmetest bestehen)
  • allgemein irgendetwas, bei dem ich meine Fähigkeit, Informationen logisch grafisch darzustellen, anwenden kann

Die Tendenz ist also eher eine Weiterbildung zur Mediengestalterin, was mir durch meine Photoshopkenntnisse und Grundkenntnisse mit InDesign nicht so schwer fallen dürfte.
Studieren wäre zwar mein Traum, aber nicht, wenn ich nebenher noch arbeiten müsste, weil ich das psychisch vermutlich nicht könnte. Psychisch bräuchte ich Geld und Unterstützung im Background, was ich beides aber ohne Schuldgefühle nicht annehmen kann.

 

Ja… insgesamt also ein erfolgreicher Tag. Ein guter Tag.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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1 Kommentar        

– irgendwas bei der Bahn

Lustig. Genau das überlege ich auch seit einiger Zeit 🙂

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