Kind sein

Nur wenn ich mich von allem im Außen löse, kann ich locker lassen. Befreit chillen. Das zu viele Nachdenken auch mal vergessen und endlich aufhören mit dem mittlerweile viel zu verbohrten Kopf entscheiden zu wollen.
Denn eigentlich will ich einfach nur träumen wie ein kleines Kind, das nichts von all dem weiß, was auf es zukommen könnte. Das einfach nicht die „Realität“ eines Erwachsenen kennt. Das einfach ist und sein kann und dadurch grenzenlos frei ist!

Ach, könnte ich doch wieder ein Kind sein und mir völlig legitim (m)eine Welt erträumen! Dann könnte ich abschalten und wirklich daran glauben, dass alles gut wird. Dann könnte ich auch wahrhaft unvoreingenommen handeln und gewiss Berge versetzen, weil dadurch nichts mehr unmöglich scheint und ich mir so die gute Welt schaffen könnte, die ich mir so sehr wünsche. Weil ein Kind eben noch nichts vom möglichen Scheitern weiß oder glaubt auch nur irgendetwas zu wissen.
Und nie (!) würde ich so werden wollen wie ein Erwachsener! So beschränkt in meiner Denkweise. So angespannt gestresst, zugeknöpft, ernst und besserwisserisch. So klein im Inneren und gleichzeitig so bestrebt danach erhaben zu wirken; über den Dingen und den Anderen stehend. So voller Kontrollwahn, um auch noch die kleinste Unsicherheit in den Griff zu bekommen. So weit weg von allem und nichts…
So maskiert vor anderen und in sich gekehrt und zugleich so verborgen vor sich selbst. So überzeugt davon, dass die Mischung aus Verstecken und Mitziehen einen schützt.

Aber tief in meinem Inneren ist es auch noch verborgen, dieses kleine Kind. Das im Herzen rein und gut ist und einfach nur Vertrauen schenken und für sein Sein geliebt werden will. Das sich nichts mehr als die Harmonie und ein sicheres Zuhause wünscht und mit all dem Bösen auf der Welt und dem Misstrauen anderer so oft nicht zurecht kommt. Das nicht akzeptieren kann, wie wir uns uns manchmal lieber gegenseitig verurteilen, zerfleischen und die Schuld sowie alle anderen möglichen Gedanken zuschieben, anstatt besser miteinander umzugehen und zu reden. Das keine Vorurteile hat und losgelöst von alldem irgendwie mutig noch ehrlich sagen kann, was es fühlt…

Doch wenn es mit diesen Gedanken in die Welt stolpert, trifft es auf Mauern. Wird  kritisch beäugt von den Erwachsenen…
„Sei nicht so naiv!“
„Jaja, träum weiter!“
„Die Welt wird sich nicht ändern! Menschen sind so…!“
„Nichts ist sicher!“
„Es geht ums Überleben!“
„Du machst dir etwas vor!“
„Glücksgefühle? Die gehen auch wieder vorbei!“

Und während das eine Kind in mir sich wehrt gegen all diese Aussagen – mit Herz und Verstand, mit Händen und Füßen! – …
Während es rebelliert, raus und sich befreien will von all dem, was zum angeblichen „Erwachsensein“ dazugehören soll…
Sitzt da tief in meinem Inneren auch noch verborgen dieses andere kleine Kind – angekettet im Dunkeln, ohne Licht und Hoffnung, von unendlicher Schwärze umgeben. Und es hat verdammt große Angst vor der Zukunft und dass alle so laut sind, während es selbst wie gelähmt dasitzt, bis es irgendwann aufsteht und dann eben doch erwachsen wird… um dann zumindest nach Außen hin so zu wirken, als würde es voll im Leben stehen.
„Jaja, Nonkonformismus ist bewundernswert, aber nicht tragbar in dieser Welt. Letzten Endes habe ich zu funktionieren, wenn ich überleben will!“, sagt sich dann die erwachsene Person. Und tötet das Kind. Stück für Stück. Jahr für Jahr. Und damit auch die Träume, die es einst hatte…

Und ich frage mich…:
Was wollen wir denn für Menschen sein?
Wollen wir wirklich erwachsen sein, wenn Erwachsensein bedeutet klug daher zu reden über Geld und Politik und Schönheit und Macht? Bringt uns irgendetwas davon wirklich unserem Wunsch näher, einfach nur für unser Dasein geliebt zu werden? Ist es überhaupt erwachsen, wie wir miteinander umgehen? Steckt nicht in jedem von uns eigentlich auch noch das „gute Kind“? Wollen wir es wirklich töten mit etwas, das wir „Realität“ nennen und was wir dadurch zu unserer Realität machen?


Weiterführende Links:

Schreibwettbewerb: Wenn Kinder in Deutschland was zu sagen hätten [Tagesspiegel, 30.06.2014]

2:38  Könige von Deutschland (Bester Satz ab ca. Minute 2:25 : „Wenn ich Königin von Deutschland wäre, dann würd ich das Geld abschaffen, weil dann gäb es wahrscheinlich auch keinen Krieg mehr und dann würd es auch kein arm und reich geben. Das find ich gut.“)

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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3 comments

Hm.
Wir leben in einer Realität. In einer, wo es, wenn man leben will, darum geht, ständig Energie zu tanken und als weiche Biologie vor der schroffen Welt geschützt zu sein. In der ganzen biologischen Welt geht es nur um Energie und Schutz. Und mit Energie meine ich nicht irgendeine esoterische Definition. Die Bäume kämpfen um das Licht, die Tiere um andere Geschöpfe als Nahrung, mit größtmöglicher Brutalität – sonst hätten sie nicht überlebt. In dieser Welt nützt es gar nichts, das Geld abzuschaffen!

Warum schreibe ich das? Das Kind in Dir hätte ein schönes Leben, aber ein sehr kurzes. Würden sich alle benehmen wie Kinder, gäbe es keine Menschheit mehr. Das Erwachsensein dient dazu, überhaupt leben zu können. Kindsein ist ein romantisches Bild, eine Wunschvorstellung, das in einer schroffen Welt leider nicht lange Platz findet. Es ist gut, dass wir erwachsen werden, und manche Geschichten, die von Menschen handeln, die nicht erwachsen werden wollen, enden mit Suizid.

Wir Menschen haben aber mit den Jahrhunderten in den Kampf mit der schroffen Welt auch das „zivilisierte“ Konzept der Nächstenliebe eingewebt. Mag sein, dass das auch manche Tiere haben. Ich finde, bei aller erwachsenen Vernunft, die wir fürs Überleben brauchen, können wir uns wunderbar in diesem Konzept ausleben. Für mich ist das ein guter Ersatz für das kindliche Denken und kann dafür sorgen, dass wir als Erwachsene – bei allem Streben nach Energie – gar nicht so negativ sind, wie Du es beschrieben hast.

Hallo Lui!

Kind sein und erwachsen sein, dies sind für mich eher unscharfe Begriffe, vielleicht wird es etwas deutlicher, wenn man stattdessen von menschlicher Reife sprechen würde, sowohl im Allgemeinen als auch differenziert von physischer Reife, mentaler Reife und der vielleicht wichtigsten Kategorie: emotionaler Reife! Gerade letztere ist diejenige Form von Reife, die man dem Erwachsensein gerne automatisch unterstellen und Kindern/jungen Menschen eher (noch) nicht zutrauen möchte. Im Idealfall mag das dann auch stimmen, doch sehe ich unsere Welt nicht gerade als ideal an, sie ist keine rein natürliche Welt sondern eine, die wir Menschen uns so erschaffen haben, wie sie heute ist und die uns alle maßgeblich prägt, auf die eine oder andere Weise.

Kinder/junge Menschen sind bis zur „gesellschaftlich definierten Reife“ in einer eher kontrollierten Welt zu Hause, ganz im Gegensatz zu den Erwachsenen, die i.d.R. vor allem sich selbst genügen können. Das wäre an sich auch kein Problem, aber in der Welt der Erwachsenen geht es durchaus meist um existenzielle Elemente, die verantwortungsvolles Handeln mehr als wünschenswert machen. Doch sind die Handlungen der Erwachsenen tatsächlich immer so verantwortungsvoll?

Unsere Welt befindet sich im Umbruch, viele große Herausforderungen sind in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu meistern, die bisherigen Strukturen werden eine Wandlung erfahren müssen und trotz aller Bemühungen, dies zu kommunizieren, darüber zu informieren und die notwendigen Handlungen zu forcieren, zeigt sich einmal mehr der menschliche Widerstand gegenüber Veränderungen. Dafür gibt es viele nachvollziehbare Gründe, aber ganz unabhängig davon sind es eben primär die Erwachsenen, denen diese Herausforderung abverlangt wird.

Kinder/junge Menschen mögen vielleicht in mancher Hinsicht noch nicht die Reife haben , für die es einfach seine Zeit braucht, aber vielleicht ist genau deren „Naivität“ im Denken und Handeln etwas, das den Erwachsenen nicht (mehr bzw. in diesem Ausmaß) zugänglich ist, etwas, das mit zunehmender Reife verloren geht. Irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass gerade diese Einfachheit und Direktheit vielleicht für so viele festgefahrene Situationen eine Form der Problemlösung sein könnte.

Kindisches/naives Verhalten kann man in allen Altersgruppen finden, ebenso aber auch das Gegenteil! Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn man Naivität und Reife gemeinsam nutzt und in verantwortungsvolles Handeln umsetzt. Es hat sich gerade in der letzten Zeit immer wieder eindrucksvoll gezeigt, dass das durchaus möglich ist und auch funktionieren kann. Ich würde mir daher wünschen, dass wir alle gemeinsam die Weichen für die Zukunft stellen und dass auch Kinder/junge Menschen ein wichtiger und gehörter(!) Teil dieses Prozesses sind.

Wir alle haben Wünsche und Träume, Ängste und Sorgen, das ist kein Privileg einzelner Personengruppen, das geht uns alle an, in jedem Alter und in jedem Stadium der Reife. Auch sollten sich alle stets bewusst machen, dass diese Weichen nunmal primär den jüngeren Generationen den Weg in die Zukunft ebnen sollen und werden, es erscheint mir also folgerichtig zu sein, Kinder/junge Menschen nicht mehr so stark gesellschaftlich hinsichtlich bestehender Strukturen zu konditionieren sondern auch darauf zu achten, dass genug Raum entsteht, um neue, andere und im Idealfall bessere Wege gehen zu können. Die Ideen dafür dürfen dabei gerne naiver Natur sein, nur anhören sollte man sie sich schon, denn auch Kinder/junge Menschen möchten wahrgenommen und respektiert werden. Alleine das könnte sicher dazu beitragen, sich weniger hilf- und machtlos zu fühlen.

Wie bei so vielen anderen Themen auch scheint mir die Kommunikation eine wesentliche Schlüsselrolle dabei einzunehmen …

Just my 2 cents … ;-)

Wow vielen Dank euch beiden für eure tollen Gedankenimpulse zu diesem Thema! : )


@Pit:
Mit meinem Text wollte ich natürlich nicht aussagen, dass wir uns alle auf einmal wie Kinder benehmen sollten. Es war mir eher wichtig unser „erwachsenes“ Verhalten infrage zu stellen, mit dem wir einfach sehr vieles ablegen bzw. in meinen Augen wirklich töten. Wir erhalten uns so zwar unsere Welt wie sie ist, unterbinden dadurch aber auch den Spielraum zur Veränderung.

„Das Erwachsensein dient dazu, überhaupt leben zu können. Kindsein ist ein romantisches Bild, eine Wunschvorstellung, das in einer schroffen Welt leider nicht lange Platz findet. Es ist gut, dass wir erwachsen werden, und manche Geschichten, die von Menschen handeln, die nicht erwachsen werden wollen, enden mit Suizid.“

Leider hast du insofern recht, Pit, dass für übermäßige Träumerein in dieser Welt kein Platz zu sein scheint und somit „realitätsfremde“ Menschen (oft Genies) daran kaputt gehen. Und es gibt so unglaublich viele, die durch das Raster fallen und die daran zerbrechen und von denen wir auch so gar nichts mitbekommen… Aber sind sie nun daran Schuld, weil sie sich nicht anpassen, nicht „erwachsen werden“ können? Oder ist es das vorherrschende gesellschaftliche Umfeld/System, das sie zerstört? Ist unsere Welt, wie sie ist, dann wirklich ideal?

Vielleicht würde es uns „Erwachsenen“ auch mal ganz gut tun, wenn wir solche naiven Träume und scheinbaren Spinnereien nicht von vornherein als utopisch und kindisch und als nicht umsetzbar einstufen würden. Ich glaube, es bräuchte daher wirklich eine Art Mittelweg, wie es Observer so schön beschreibt:

„Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn man Naivität und Reife gemeinsam nutzt und in verantwortungsvolles Handeln umsetzt.“

Ich will einfach nicht daran glauben, dass diese Welt so sein muss. Sie hat sich so entwickelt und ich finde, dass wir oft viel zu schnell resignieren, indem wir uns (um zu überleben/gut darin leben zu können) eben damit abfinden, wie es ist. Dadurch ändert sich aber definitiv nichts (was ich mit meinem aktuellen Gedicht zum Ausdruck bringen will).
Daher ist wohl die größte Kunst, seinen Teil zur Veränderung beizutragen, aber keine schnellen und radikalen Fortschritte zu erwarten. Das sind nämlich alles Prozesse, die Zeit brauchen. Mein Menschenbild ist jedoch ein positives und ich lasse auch nicht zu, dass es von einigen wenigen Menschen zerstört wird. Ich glaube einfach daran, dass sich eines Tages irgendetwas von dem, was ich sage, schreibe oder tue, in irgendeiner Weise auszahlt. Hätte ich nicht diesen Glauben an eine bessere Welt (von mir aus auch nach meinem Tod), so könnte ich hier wohl auch nicht überleben. Ich habe zwar einen Job und stehe nach außen hin voll im Leben, aber im Grunde genommen hatte ich in meiner Entwicklung wahnsinnig viel Glück und würde ansonsten auch durch das Raster fallen…


„Wir Menschen haben aber mit den Jahrhunderten in den Kampf mit der schroffen Welt auch das „zivilisierte“ Konzept der Nächstenliebe eingewebt.“

Und das ist auch gut so! Dafür mussten allerdings Menschen kämpfen und sterben…Menschen, die sich entweder in irgendeiner Weise gegen ein vorherrschendes Gesellschaftssystem aufgelehnt und somit die Nachwelt geprägt haben oder die einfach sinnlos leiden oder sterben mussten…
Es hat sich zwar vieles in den letzten Jahrhunderten durch all die Geschehnisse verbessert, aber ich sehe da nach wie vor erheblich viel Luft nach oben! Und ich würde mir einfach wünschen, dass in dieser „zivilisierten“ Welt, in der wir leben, noch mehr geschieht… Ohne Tod. Mit Verstand!


@Observer:
Emotionale Reife…

„[…] ist diejenige Form von Reife, die man dem Erwachsensein gerne automatisch unterstellen und Kindern/jungen Menschen eher (noch) nicht zutrauen möchte. Im Idealfall mag das dann auch stimmen, doch sehe ich unsere Welt nicht gerade als ideal an, sie ist keine rein natürliche Welt sondern eine, die wir Menschen uns so erschaffen haben, wie sie heute ist und die uns alle maßgeblich prägt, auf die eine oder andere Weise.“

Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis(!): Zum einen schaffen wir uns dieses „System“, zum anderen werden wir da hineingeboren und davon geprägt.

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