Von der Kunst des Lesens

Ja, ich weiß: Ich lese zu wenig…! Das fällt mit besonders dann auf, wenn ich in alten Tagebucheinträgen stöbere. Laut den Aufzeichnungen habe ich nämlich früher unglaublich viel gelesen und ich frage mich: Wo verdammt noch mal habe ich denn die Zeit dafür hergenommen?!

Die naheliegendste Antwort ist: Ich habe weniger anderen Kram gemacht und hatte somit den Kopf frei dafür. Allerdings trifft das nur teilweise zu, denn in meiner Ausbildungszeit habe ich zum Beispiel trotz der langen Arbeitstage unglaublich viel gelesen und dazu auch noch extrem viel gelernt, weil ich mein Einserzeugnis halten wollte. Dafür habe ich allerdings weniger geschrieben und vor allem hatte ich da auch Mr. Chocolate im background, der all die unangenehmen Aufgaben übernommen hat, die mich die meiste Energie gekostet hätten: einkaufen, kochen, gelegentlich den Haushalt führen, Rezepte für meine Medis organisieren,…
Dadurch, dass all das einfach nicht in meinem Kopf existiert hat, konnte ich unglaublich viel lesen und lernen und hatte auch die Kapazitäten dafür. Also liegt es nicht an der Anzahl der Tätigkeiten, die mich vom Lesen abhalten, sondern an der Schwere, welche sie für mich darstellen. (Ich frage mich manchmal, zu was ich noch alles fähig wäre, wenn ich den ganzen Mist nicht machen müsste, der eines jeden Menschen Alltag beherrscht und der mich oft mehr belastet als „normale“ Menschen…)

Seitdem ich alleine wohne (2016) bin ich zwar unglaublich selbstständig, was mir auch einen gewissen Drive gibt, aber das Lesen hat dadurch natürlich stark nachgelassen. Ich kann stolz auf mich sein, wenn ich mal ein Buch beende. Ansonsten fange ich sie nur an, bleibe aber bei bestimmt 95% der angefangenen Bücher nicht dran und verliere den Faden.
Muss ja arbeiten. Muss ja einkaufen. Muss was essen. Muss die Wäsche waschen. Ach ja, und ich muss Mails beantworten. Muss die Pflanzen gießen. Fuck. Und ich muss ein Buch schreiben!

Klar muss ich das. Aber kann es dann nicht auch sein, dass ich mir die Zeit fürs Lesen eben auch so nehmen MUSS, wenn ich wirklich lesen will? Leider habe ich es bisher noch nicht geschafft oder ernsthaft versucht meinen Lesewillen durch Disziplin zu entfachen, da ich ohne Lesen ja nicht pleite gehe, Menschen enttäusche, verhungere oder im Dreck versinke. Das schlimme ist ja: Es passiert gar nichts, wenn ich nicht lese. Und das, was passieren könnte, weiß ich vorher ja nicht.
Ja, Bücher haben zwar schon mein Leben verändert, aber das funktioniert nur, wenn ich mich auf sie einlasse und bewusst entscheide sie zu lesen, weil dann die Konzentration bleibt und sich nicht im Raum unendlicher Paralleluniversen verliert, in denen ich keine Ruhe finde, solange die Waschmaschine piepsen könnte und mir der Kühlschrank sagt, dass ich was kochen sollte, bevor alles schlecht wird.
Tja…und diese Entscheidung (zu lesen) bleibt zur Zeit sehr oft aus…

Aber – und das ist nun die wichtige und schöne Erkenntnis für mich – ich mache mich deshalb nicht fertig. Es gab mal eine Zeit in meinem Leben, in welcher ich mich jetzt unglaublich runter gemacht und wie eine Versagerin gefühlt hätte.

„Man, du Loser, andere schaffen das ja auch…!“

„Ja, das schaffen sie. Aber sie haben auch die Zeit dafür oder kommen besser mit ihrem Alltag klar! Sie schreiben keine eigenen Bücher. Sie arbeiten vielleicht nicht einmal so krass wie ich. Und sie haben vielleicht keine Einkaufsphobie und Motivationsschwierigkeiten!“

Ich tröste mich aber auch ein wenig damit, dass ich dafür etwas kann, was nur wenige Menschen können: Ich höre Bücher während der Arbeit (sofern diese nur aus der einfachen „monotonen“ Retusche eines Bildes besteht). Natürlich ist das nicht dasselbe und sicherlich bekomme ich auch nicht alles so mit, aber ich kann damit meinem drohenden schlechten Gewissen und meiner inneren negativen Stimme Madame S.  trotzen und dennoch komplett in die Welt eines Buches eintauchen.

Lesen vermisse ich dennoch etwas… und lernen. Aber vielleicht ist mein Leben wie ich es gerade lebe aber auch nicht darauf ausgerichtet Unmengen an Büchern zu lesen? Vielleicht kommt ja wieder meine Zeit?
Erzwingen kann ich es jedoch nicht… aber es wird wirklich besser, wenn ich mir z.B. ein Buch mit ins Arztwartezimmer nehme… weil in diesen Momenten einfach nichts anderes existiert außer dem Buch und mir.
Vielleicht sollte ich öfters einfach mal irgendwo hin gehen, wo weder Internet ist noch Rechner stehen… ich halte das nämlich für meine persönlichen Lesekiller, so wie es vermutlich  anderen mit Netflix und TV geht (was ich beides weitestgehend meide).

Wie ist denn euer Leseverhalten? Hat es sich auch so gewandelt? Was hat dafür gesorgt? Und fällt es euch auch so schwer, euch von den „bösen“ Medien zu lösen und ein analoges Buch in die in die Hand zu nehmen und euch darauf einzulassen? Stört euch das nicht manchmal auch? Wie geht ihr damit um?

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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5 Kommentare        

Das schlimme ist ja: Es passiert gar nichts, wenn ich nicht lese.

Naja, nicht so ganz. Dein selbstkritischer Beitrag zeigt es ja deutlich auf, dass "nicht lesen" für dich einen unbefriedigenden Zustand darstellt. Möglicherweise so unbefriedigend, dass genau das dich daran hindert, dir ein Buch zu schnappen und es zu lesen. Lesen ist halt ein sehr anspruchsvoller Prozess, es ist halt sehr viel mehr, als nur ein paar Seiten zu blättern und die Texte dabei "einzuscannen". Am deutlichsten merkt man das wohl, wenn man einige Zeit lang in einem Buch schmökert und entweder nicht von der Stelle kommt oder sich schon nach wenigen Seiten nicht mehr erinnern kann, was man gerade gelesen hat. Lesen braucht Zeit und Ruhe, innere Ruhe. Letzteres entsteht wohl nur, wenn man entweder alle anderen "Aufgaben" (siehe deine Aufzählung) erledigt hat oder aber in dem man Prioritäten setzt und dem Lesestoff eindeutig den Vorrang gibt. Eigentlich ganz simpel, aber ich merke an mir selbst, dass ich manchmal trotz Lesebedürfnis anderen Dingen eine höhere Priorität zuordne, so dass ich einfach nicht die Ruhe finde, die ich zum Lesen brauche. Es ist also aus meiner Sicht nicht Zeitmangel (klar, Zeit ist eine Grundvoraussetzung), sondern mein innerer Zustand, der mir das Lesen erlaubt oder auch nicht. So habe ich z.B. zweifellos mehr Zeit als du zur Verfügung, aber das nützt mir herzlich wenig, solange ich es nicht schaffe, der Lektüre die notwendige Aufmerksamkeit zu widmen.

Manche Bücher fesseln mich von Anfang an derart, dass ich fast schon automatisch in eine Art "Wahn" verfalle, der mich nicht mehr aufhören lässt, selbst wenn die ganze Bude in Flammen stünde, würde mich das nur schwer aus meinem Lesefluss herausreißen. Andere Bücher dagegen lesen sich wie Kaugummi, es ist irgendwie zäh und man kommt gefühlt einfach nicht vorwärts, man blättert unmotiviert Seite für Seite weiter und doch will der Text einfach nicht ankommen. Liegt das dann am Buch oder an mir (bzw. den Bedingungen, unter denen ich zu lesen versuche)? So ganz sicher bin ich mir da jedenfalls nicht, vielleicht hat jedes Buch einfach seine Zeit und will auch nur dann gelesen werden. Am ehesten funktioniert das für mich jedenfalls, wenn das Thema des Buches, sei es nun ein Fachbuch oder ein Roman, dem entspricht, was mich eh gerade gedanklich/gefühlsmäßig beschäftigt. Meist sind es dann aber die Bücher, die mich finden/auswählen und entscheiden, dass und wann ich sie lesen soll, alles, was ich dazu tun muß, ist diesem "Mechanismus" Aufmerksamkeit zu schenken und es zuzulassen. Erzwingen kann ich das jedenfalls nicht und so richtig erklären auch nicht. Nur meine Erfahrung lehrt mich bis heute, dass das zumindest bei mir genau so funktioniert. :)

 

 

      

Danke für deinen ergänzenden Kommentar! : )

Das „Es passiert gar nichts“ war auch eher darauf bezogen, dass nichts im Außen passiert. Wenn ich z.B. nicht einkaufen gehe, kann ich nicht kochen. Wenn ich nicht koche, verhungere ich und sterbe. Wenn ich nicht lese,…hmm… dann ist das auch nicht gut, aber nicht lebensbedrohlich… sonst wären wir vermutlich seeeeeehr wenige Menschen auf diesem Planeten…
(Memo an mich UND Observer: Das ist mal eine coole Idee für eine Kurzgeschichte. ; ) )

Lesen braucht Zeit und Ruhe, innere Ruhe. Letzteres entsteht wohl nur, wenn man entweder alle anderen „Aufgaben“ (siehe deine Aufzählung) erledigt hat oder aber in dem man Prioritäten setzt und dem Lesestoff eindeutig den Vorrang gibt.

Ja, das hast du gut auf dem Punkt gebracht…
Ich brauche wohl dringend wieder mehr innere Ruhe… und vielleicht ein bisschen Motivation…? *stups* : D

Ich brauche wohl dringend wieder mehr innere Ruhe… und vielleicht ein bisschen Motivation…? *stups* : D

Ok ok, schon verstanden, ich werde also demnächst wieder ab und zu einkaufen und kochen. :D

Und ich freue mich schon sehr darauf, in meinem Lieblingsbuch zu lesen… :)

 

Memo an mich UND Observer: Das ist mal eine coole Idee für eine Kurzgeschichte. ; )

Notiert! ;)

 

 

Das kenne ich sehr gut. Ich konnte früher viel mehr lesen, heute schaffe ich kaum noch ein paar Seiten pro Tag. Und das nicht mal jeden Tag.

Bei mir liegt es zum einen an den Augen. Sie sind schlecht, bin kurzsichtig, entwickle mittlerweile schon eine Alterssichtigkeit und habe noch dazu grauen Star auf einem Auge, da fällt das Lesen leider schwer. Ich werde schnell müde, sobald ich anfange, die vielen kleinen Buchstaben als Geschichte wahrzunehmen.  

Dann ist da auch der Alltag. Arbeit, Haushalt und andere Pflichten halten mich ebenso vom Lesen ab. Daher lese ich inzwischen fast nur noch im Bett vorm Schlafen. Selbst wenn ich manchmal monatelang für ein Buch brauche, ich versuche, es fertig zu lesen. Wenn ein Buch richtig spannend ist, schaffe ich auch mal mehr, aber das kommt nicht so oft vor.

Ich werde mir demnächst eine Lesebrille kaufen und bin gespannt, ob es mir damit wieder leichter fällt, meine Bücher öfter in die Hand zu nehmen. Ich habe nämlich durch das Sammeln aus Bücherschränken usw. einen recht großen SUB zu Hause liegen :)

Hi Claudy, das mit der Lesebrille solltest du versuchen. Das löst zwar nicht das „Alltagsproblem“, aber vielleicht motiviert es dich das ja wieder mehr zum Lesen? : )

Observer hat das mit den Prioritäten und der inneren Ruhe schon sehr gut erkannt… irgendwie muss es ja möglich sein, sich die Zeit im Alltag einzuräumen… Vielleicht brauche ich ja einfach wieder etwas mehr Struktur? Zur Zeit ist mein Leben etwas laissez-faire…

Lesen vor dem Schlafengehen ist bei mir nicht immer so einfach, da ich dann schon sehr interessiert sein muss und ansonsten zu schnell müde werde…, aber ich denke, mir könnte es als erstes gut tun, wieder mein Internet früher auszuschalten…

Was ist denn ein SUB? : D

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