Verarbeitungskram…

Sorry, aber das wird jetzt kein leichter Artikel…

Aber aus gegebenem Anlass blogge ich jetzt mal über ein Thema, das für mich heute nach wie vor sehr aktuell ist, wenn auch nicht mehr ganz so wie früher. Eigentlich wollte ich das im Buch aufgreifen (was ich auch mache), aber es brennt mir gerade einfach unter den Nägeln das loszuwerden…

 

Ich habe besonders zu den Anfängen meiner Bloggerzeit ja immer wieder mal erwähnt, wie absolut krank es mich gemacht hat, mit meinen Eltern unter einem Dach zu leben. Das habe ich stellenweise auch sehr hart, emotional und radikal formuliert, weil ich absolut an der Situation verzweifelt bin. Für mich wurde die Stimmung in meinem Elternhaus immer mehr zu einer absolut untragbaren Situation. Vor dem Mobbing in der Schule konnte ich mich in meinem Zimmer immerhin gut verstecken und so tun als wäre nichts. Vor meinen Eltern, die mich nicht wahrnehmen konnten, konnte ich dieses Spiel ebenso spielen und mich ein Stück weit verstecken. Kam man mir jedoch zu Nahe, tickte ich aus. Denn natürlich änderte das alles nichts an der Situation mit ihnen unter einem Dach leben zu müssen und ihnen finanziell komplett ausgeliefert zu sein.

„Bei meinen Eltern zu wohnen wurde für mich durch meinen immer wieder enttäuschten Wunsch nach Verständnis bzw. einer anderen Form von Liebe und die gefühlte Hilflosigkeit des Ausgeliefertseins zu einem der schlimmsten negativen Erlebnisse überhaupt. Ich glaube kaum einer kann nachvollziehen, wie sehr ich darunter gelitten habe dort festzusitzen.“

Mir wird gerade jetzt beim Schreiben meiner Autobiografie noch mal richtig deutlich bewusst, wie sehr mich das eigentlich geprägt hat…

„Mein Wesen strebte nämlich nach Harmonie und ich war ein sehr sensibles Kind, das mit den Stimmungen nicht zurecht kam, welche unausgesprochen in der Luft lagen.
Ich verachtete es so sehr, zwischen den Stühlen meiner Eltern zu stehen und diese zynische Nichtkommunikation zwischen ihren zu ertragen, dass ich sie öfter mal darum bat, dass sie sich doch endlich scheiden lassen sollen. In meinen Augen waren wir nie eine Familie, die zusammen hielt, wie es eigentlich der Fall sein sollte. Also fragte ich mich berechtigterweise, warum man eigentlich zusammen war, wenn man so böse übereinander dachte und mit Worten um sich schlug.“

Das Verhältnis hat sich bis heute nicht geändert. Meine Eltern sind immer noch verheiratet und das alles andere als glücklich. Und ich fühle mich nach wie vor zwischen den Stühlen, auch wenn ich mit 20 ausgezogen bin. Mein Lebenswille war damals zum Glück stärker, denn stellenweise habe ich wirklich nur noch den Tod als Ausweg gesehen. Für einen Depressiven können Menschen, die diese Depression nicht ernst nehmen nämlich wirklich lebensgefährlich werden. (Wenn das auch noch die eigenen Eltern sind, die einen eigentlich kennen, zuhören und Verständnis entgegen bringen sollten, ist das noch mal krasser.) Und ich war bereits mit 13 schwer depressiv, was mir mit 15 bestätigt wurde… aber um eine Therapie habe ich mich dann erst Jahre später selbst gekümmert…

 

Was haben die Jahre bei meinen Eltern jedoch mit mir gemacht?

Natürlich hat es mein Bild von Beziehungen extrem negativ geprägt…(was jetzt aber zu viel wäre, um es näher auszuführen)
Weitaus schlimmer jedoch finde ich die Tatsache, dass ich in meiner Kindheit so oft das Gefühl hatte  von meiner Umgebung nicht ernst genommen zu werden, mir alles nur einzubilden und irgendwie falsch mit meiner Wahrnehmung zu sein. Das ist auch die größte Emotion, an die ich mich erinnern kann.

Ich war gewiss kein blödes Kind, auch wenn immer und immer wieder bei mir ankam, dass ich das bin. Natürlich habe ich kapiert, dass meine Eltern sich nicht lieben und vielleicht gegenseitig keine Liebe geben konnten. Mir ja, aber untereinander gab es in meinen Augen entweder nur ein nebeneinander herleben, ein streiten und – sobald jemand den Mund aufmachte – Stress. Diese Beobachtungen habe ich auch geäußert. Wieder und wieder und wieder… hat nur nichts gebracht.

Mit Sicherheit war ich kein normales und einfaches Kind. Von klein auf mied ich eher soziale Interaktionen und spielte lieber alleine, war aber neugierig, kreativ und hatte meinen eigenen Kopf. Was ich in meinem Elternhaus jedoch lernte war das Anpassen und Schweigen über sensible Themen, weil meine Mum mit ihrem Temperament nicht angemessen damit umgehen konnte und mich mehr als einmal damit unglücklich gemacht hat und U. ja nie da war bzw. emotional auch nicht zugänglich.

 

Hier noch ein paar Ausschnitte aus dem Buch, das ich gerade schreibe…

„Ich schwankte also zwischen Anpassung und Ausbruch und ich glaube keiner, der mich von klein auf kennt, realisiert, dass ich in den ersten Jahren meines Lebens eigentlich gar nicht wirklich gelebt habe. Mit Sicherheit hatte ich auch Spaß in meiner Kindheit, habe den ein oder anderen schönen Moment mit Maze und anderen Freundinnen erlebt, mich auch ausprobiert, habe gespielt und war mal irgendwo zugehörig und fühlte mich in den Momenten auch so. Aber im Nachhinein lebte ich überwiegend im Stillen und in meinen Traumwelten, die ich mir ausdachte.“

„Mit den Jahren wurde das mit den Welten besser und ich auch ehrlicher und mutiger, aber die Anpassung und das Zurücknehmen meiner Person mit ihren Bedürfnissen bei Menschen, die mich lange kennen, zieht sich bis heute durch mein Leben…“

Ich merke immer wieder in sozialen Interaktionen, dass ich um einiges länger brauche, um mir über bestimmte Dinge in mir bewusst zu werden. Es ist nicht direkt eine Anpassung, aber ein automatisches zurücknehmen. Wer so lange seine Emotionen irgendwie versucht zu unterdrücken, weil sie kein Gehör finden, wird zwangsläufig stiller. Depressiv. Und dieses „Muster“ verschwindet nicht einfach so von heute auf morgen…

 

Und zum Schluss das Wichtigste:

Diesen Beitrag habe ich nicht mit einem Gefühl der Rache und mit Aggression im Blut geschrieben, auch wenn ich in den Augen anderer vielleicht allen Grund dazu habe und das damals auch so empfunden habe. Mich macht es heute einfach nur unglaublich traurig, dass meine Eltern es nach 31 Jahren nicht schaffen, miteinander offen zu kommunizieren und sich so näher zu kommen. Auch wenn dieses Näherkommen bedeuten würde, sich danach zu trennen. Manchmal kann das auch eine Form von Liebe sein…

Außerdem schreibe ich diesen Beitrag für alle Kinder, die ähnliches erlebt haben oder erleben… und für alle Eltern, die mit ihrem unbedachten Umgang miteinander manchmal so tiefe Kerben in eine sensible Kinderseele ritzen können, die selbst nach Jahren noch so schmerzen wie im Moment des Erlebens.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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