Zwischen Stühlen

Bin mal wieder zwischen den Stühlen
Und sitze auf dem Boden
Weil da immer noch keine Brücke ist
Nichts Gemeinsames
Keine Verbindung

Fühle mich selbst klein
So tief unten
Kindperspektive
Blicke nur auf und erkenne…
Nichts.

Nur zwei große imposante Stühle
So weit oben
So auseinander
So gefangen
So aggressiv enttäuscht voneinander
Und dennoch schweigend
Jeder für sich

 

Und ich?
Will da unten eigentlich gar nicht mehr sitzen
Will jetzt lieber auf Augenhöhe sein
Mit beiden Stühlen gleichzeitig
Doch schaffe es nicht aufzustehen
Fühle mich wie gelähmt
Weil alles da oben schreit
Und laut ist
(Aber nicht streitet)

Und die Stühle?
Schaffen es so natürlich nicht
Zu mir herunter zu kommen
Weil der Boden ja eine Ebene ist
Und eine gemeinsame Ebene kennen sie nicht
(Oder nicht mehr?)
Somit existiert sie nicht
In ihrer jeweiligen Welt

 

So sitze ich also immer noch da
Nach drei Jahrzehnten
Und erkenne mehr denn je:
Die Wucht des Schweigens und falscher Kommunikation
Das Wechselspiel aus Bedüfnisunterdrückung und Enttäuschung
Die sich zu Respektlosigkeit und verbaler Aggression entwickelt haben
So wurden aus ungelösten unlösbare Probleme
Die sich jetzt immer rascher zuspitzen
Nach wie vor laut und doch schweigend

Und zugleich habe ich das Gefühl
Mittlerweile zur Lösung beitragen zu können
Es sogar zu müssen
Als Mensch, der ich ohne diese Stühle geworden bin
Als Mensch, der anderen Menschen ein Stück ihrer Selbst zeigen will
Aber dazu muss auch ich mich zeigen…

Nun liegt es also an mir
Ohne Vorwürfe endlich all das Ungesagte in mir zu benennen
Von dem wohl keiner
(Einschließlich mir)
Überhaupt ahnen kann
Wie viel das eigentlich ist
Wie schwer mir das alles fällt…
Und wie groß die Angst ist
All dem immer noch nicht gewachsen zu sein
Erneut zu erleben
Wie alle anderen eine andere Sprache sprechen
Und so nicht verhindern zu können
Dass es ein Ende voller Hass und Schuldzuweisungen wird
Ein Ende ohne wirklich neuen Anfang…

Posted by Journey

Kategorie: Gedichte

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