Wie frei ist Freiheit?

Bisher dachte ich ja, bereits sehr genau zu wissen, was „Freiheit“ eigentlich bedeutet und glaubte eine klare Vorstellung davon zu haben. Aber im Grunde genommen ist genau das ein Widerspruch. Denn wie frei kann ich schon sein, wenn ich den Begriff der Freiheit so umfassend definiere?

Und dennoch mache ich mir natürlich meine Gedanken und möchte etwas genauer auseinandernehmen, was eigentlich alles für mich persönlich zur Freiheit dazugehört. Dabei stelle ich mir als erstes die Frage, was es eigentlich mit diesem großen Freiheitswunsch in mir auf sich hat…

Wenn ich in meinem Blog so die Artikel durchlese, in denen der Begriff „Freiheit“ vorkommt, wird mir schnell klar, woher wohl meine immens große Freiheitsliebe kommt: Ich habe mich immer so extrem gefangen gefühlt in meiner Kindheit. In der Schule. Im Elternhaus… zwischen anderen…
Dabei war in mir schon immer der Wunsch einfach nur „ich“ sein zu dürfen und mich ausleben zu können in meinem Wesen mit all meinen Facetten. Eigentlich sollte das ja kein Problem sein… eigentlich sollte man die Freiheit besitzen dürfen man selbst zu sein ohne auf Mauern im Außen zu stoßen. Das war aber nicht der Fall. Ich habe gefühlt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt und mich lange Zeit einfach nur eingeschränkt… oder es eben versucht.

Zeitgleich habe ich auch immer wieder an anderen gesehen, was es bedeutet unfrei und in der (finanziellen oder emotionalen) Abhängigkeit von anderen Menschen gefangen zu sein. Daher wollte ich schon recht früh von jeglicher Bindung zu anderen ausbrechen, weglaufen, frei und unabhängig von allem und jedem sein!

 

Wer seine Miete nicht selber zahlen kann, für den ist Freiheit ein leeres Wort.
[Ildikó von Kürthy – Schwerelos]

Dieser Satz hat mich auch sehr stark geprägt. Laut dieser Definition habe ich meine absolute Unabhängigkeit dann 2016 endgültig erreicht, als ich zum ersten Mal in meinem Leben eben das tun konnte: Meine Miete selbst zahlen, so wie auch alles andere einfach alleine machen ohne mich in irgendwelche Abhängigkeiten zu begeben. Dieses Gefühl der Freiheit zu erleben war so intensiv und einfach mit nichts zu vergleichen!

Die folgenden Jahre stellte ich dann meine „Freiheitsliebe“ in quasi jeder Beziehung in den Vordergrund. Ich wollte nichts zwischen meine Selbstständigkeit und mich bringen lassen! Daher erklärte ich mich auch vor und während Beziehungen und Nicht-Beziehungen… und scheiterte irgendwie jedes Mal damit. Kein Wunder, denn auch wenn ich es nie so direkt aussprechen konnte oder wollte, fühlte ich mich im Grunde genommen bedroht von der bloßen Existenz eines Menschen an meiner Seite. Fühlte mich erdrückt von den Erwartungen und Forderungen an mich und dem leisen, aber für mich doch sehr stark spürbaren Wunsch anderer mich zu besitzen, der in mir immer einen Widerstand ausgelöst hat.
Das ist jedoch kein Vorwurf, denn ich glaube, dass die Männer „an meiner Seite“ sich all dessen nicht so wirklich bewusst waren oder mich verstehen konnten. Sie versicherten mir ja auch das Gegenteil und waren gewiss ehrlich zu mir. Aber sie belogen damit auch eher sich selbst anstatt mich wirklich frei zu lassen…

Da ich aber sehr harmoniebedürftig bin, versuchte ich eben überwiegend das verbindende mit anderen auszuleben und das andere zwar anzusprechen, mich aber zurückzunehmen. So kam es, dass ich mich tief in meinem Inneren unverstanden und nicht akzeptiert fühlte und den Drang verspürte mir meinen Raum zurückzuerobern. Letzten Endes beendete ich das Ganze dann wieder, um mich wirklich zu befreien und mir die wahre Freiheit zurückzuerobern. Deshalb ging es mir nach jeder Beziehung auch besser. Ich war dann wieder ich und bei mir…

Irgendwann gegen Ende letzten Jahres konnte ich mir dann nicht mehr wirklich vorstellen, dass es auch nur einen Menschen geben könnte, der in mir so komplett andere Gefühle auslöst und bei dem sich nicht nach einer Weile ein gefangenes Unwohlsein einstellt. Ich sah dann das Alleinsein als die einzige Möglichkeit mein Leben in Freiheit auszuleben und weder anderen noch mir zu schaden.

 

Aber… machte mich das wirklich frei? Wie viel Freiheit steckte denn in dieser „Entscheidung“, alleine zu bleiben? War meine Wahl, mein Wunsch nach Freiheit, am Ende vielleicht doch eine Art Resignation? Oder war es vermeintliche „Vernunft“, weil es mir unsinnig erschien meine Zeit mit etwas zu füllen, das mich einschränken könnte und bisher immer irgendwann alle Beteiligten unglücklich gemacht hat?

Wie frei bin ich denn, wenn ich den Anspruch „frei sein zu wollen“ über alles andere stelle und alle anderen Bedürfnisse ignoriere und ihnen sogar ihre Existenz abspreche?

Wie frei bin ich denn wirklich, wenn ich mir durch meine zu starre Definition des Begriffs der „Freiheit“ ein Korsett auferlege, das mich daran hindert neue Erfahrungen zu machen, indem ich alles, was außerhalb meiner (beschränkten) Freiheits-Vorstellung existiert, einfach automatisch ausschließe? Wie frei bin ich, wenn ich an nichts Besonderes mehr glauben kann?

 

Am Ende bedeutet Freiheit auch der Ausbruch aus bisherigem und das Lösen der Ketten von Vorstellungen, wie etwas oder man selbst zu sein und wie etwas abzulaufen hat…
Ich mag es ja überhaupt nicht anzunehmen, dass Menschen sich nie ändern können. Mir widerstrebt es sogar zu glauben, dass es festgefahrene Menschen gibt, die für den Rest ihres Lebens dazu verdammt sind, sich nicht mehr zu ändern oder vielmehr: Ihre (Verhaltens)muster aufzulösen. Ich glaube jeder kann das und jeder sollte sich auch dieses Privileg nehmen dürfen. Denn das gehört auch zur Freiheit; zur Selbstentfaltung: sich in seinem Selbst verändern zu können ohne dabei das Gefühl zu haben, etwas zu verlieren. Weder die Freiheit, noch sich selbst, noch die anderen Menschen, die einen „kennen“. Es sollte vielmehr ein Gewinn sein!

Freiheit bedeutet somit auch die Chance wahrnehmen zu können, jene Seiten an sich zu entdecken, die einem bisher verborgen waren oder die man verdrängt hat, sie annehmen und dazu stehen zu können.

Sie bedeutet auch, sich nicht so radikal gegen etwas zu entscheiden und weiterhin den Mut zu haben neues, unbekanntes zuzulassen ohne voreingenommen zu sein. Chancen zuzulassen. Jedem Menschen neu zu begegnen, auch wenn einem die bisherigen Erlebnisse das Gegenteil gelehrt haben und wirklich alles an rationalem Verstand dagegen spricht, dass es auch nur einen Menschen geben könnte, der wirklich zu einem passt. Und dass dieser das, was man in sich trägt, nicht nur akzeptiert oder erträgt, sogar lieben kann.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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4 Kommentare        

Hallo Lui! :-)

Es erfordert sehr viel Mut und zeugt von deiner menschlichen Stärke, die eigenen (berechtigten bzw. nachvollziehbaren) Schutzmechanismen nicht zu sehr in einen goldenen Käfig zu verwandeln, in den man sich letztendlich nur selber einsperrt. Und es erfordert ebenso viel Mut, sich den eigenen Ängsten zu stellen (bzw. solchen, die man sich zu eigen gemacht hat …) und Veränderungen und somit neue und positive Erfahrungen zuzulassen.

Von all den Blogeinträgen, die du in den vielen Jahren hier verfasst hast, ist für mich persönlich der obige einer der schönsten Beiträge überhaupt, denn da schwingt so viel Positives und Zuversichtliches zwischen den Zeilen mit, dass ich gar nicht anders kann, als sie mit einem Lächeln zu lesen …

Ganz liebe Grüße! :-)

Hallo Observer! : )

Ja, es erfordert sehr viel Mut… und eben jene Zuversicht, die du herausliest!

An dem Blogeintrag habe ich ja eine ganze Weile geschrieben…
Es ist einer dieser Texte, die sich zunächst einmal ziehen und erst im Laufe der Zeit entwickeln, weil da sehr viele Überlegungen dazugehören, die erst mal gedacht und dann auch noch in Worte gefasst werden wollen. Ebenso gehört dazu der Austausch mit einem Menschen, der das alles versteht und einem zuhört und Feedback gibt. Ich glaube ohne die Mails und Gespräche mit dir und die Inspiration, die sie immer wieder in mir auslösen, wäre dieser Text jedenfalls nicht entstanden!

Ganz liebe Grüße auch an dich! : )

Ich wünschte ich könnte all diese Gedanken, die mir sehr bekannt vorkommen, genau so schön ausdrücken wie du. Mir fehlt heute die Zeit zu schreiben, aber ich hab beim lesen dieses Beitrags wieder echt Lust bekommen, selbst mal wieder in die Tasten zu hauen.

Vielen Dank für das tolle Feedback!
Ja, die Zeit zu finden ist nicht immer leicht… ich schaffe auch nur einen Bruchteil von all dem, über das ich noch so gerne schreiben würde…
Ich wünsche dir aber, dass auch du wieder etwas Zeit zum Schreiben finden wirst! Es darf einfach nicht sein, dass Menschen wie wir verstummen! Also…: hau rein! : )

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