Ratlos

Sanft streicht eine Hand über meinen Kopf. Ich habe gar nicht bemerkt, wie sie das Arbeitszimmer betreten hat und zucke daher leicht zusammen. Blicke sie kurz an und nehme meine Kopfhörer von den Ohren, aus denen bis eben leise Musik tröpfelte, die mich irgendwie inspirieren sollte.
„Na, was macht die Kunst?“, fragt sie mich mit einem Lächeln in ihrem Gesicht, in welchem doch etwas die Sorge zu sehen ist.
„Ich bin echt ratlos…“, antworte ich, während ich meinen Kopf in meine Hände vergrabe und somit die Verzweiflung immer schlechter verbergen kann. Auf meinem Monitor signalisiert mir der blinkende Cursor auf diesem vollkommen weißen unbeschriebenen Blatt, dass es wohl doch nicht so einfach ist, mich mitzuteilen und dadurch mein Innerstes nach Außen zu tragen. Es zeigt mir, dass meine Fantasie nicht ausreicht, um einfach diesen einen genialen Text zu schreiben, der die Menschen zum Nachdenken anregt und dass ich die Welt nicht verändern werde mit dem, was ich mache. Und dass es mir gerade nicht gelingt überhaupt irgendetwas zu machen, macht es nicht besser…

Die Hand auf meinem Kopf zieht mich sanft in ihre Richtung und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Essen ist fertig“, meint sie einfach nur und erst jetzt nehme ich den Geruch von Gewürzen wahr, der sich durch die Wohnung zieht. Es scheint, als wären Stunden vergangen, in denen ich irgendwie nichts getan habe, während sie arbeiten und einkaufen war und auch noch gekocht hat. Und ich? Habe einfach nur nachgedacht, mich im Kreis gedreht und nicht einen Satz geschrieben, der es wert gewesen wäre stehen zu bleiben.
Am Esstisch reden wir nicht, obwohl so viel Ungesagtes in der Luft liegt. Meine Gedanken dazu kommen nach wie vor nicht zur Ruhe, doch ich lasse sie im Stillen ihren Lauf nehmen, auch wenn es vielleicht ganz gut wäre, sie mit einem Menschen zu teilen, der mich mehr versteht als jeder andere auf dieser Welt. Der mir ein Feedback voller Verständnis dazu geben könnte und der mich eigentlich bisher auch immer zu neuen Gedankenkonstrukten inspiriert hat. Ach, es wäre so gut all das endlich zu unterbrechen und wieder auf einen hoffnungsvolleren Pfad zu gelangen…
Aber ich kann und will es nicht riskieren sie runterzuziehen, denn zumindest einer von uns sollte funktionieren. Und so schweigen wir irgendwie lieber in eine Stille hinein, in welcher jedoch so viel Lautes steckt. So viel Verzweiflung. So viel Resignation. So viel von all dem, was ich eigentlich gar nicht fühlen will. Dabei würde ich so gerne meine Träume von einer besseren Welt in meine Texte umwandeln und andere durch meine Augen sehen lassen können, dass wir Menschen es tatsächlich in der Hand haben uns eine bessere Welt zu schaffen, wenn man uns die Fesseln der Unsicherheit und Machtlosigkeit nimmt.
Doch stattdessen schweige ich. Und dieses sprachlose Schweigen zieht sich durch mein Leben. Dieses unendliche Schweigen, das mich so sehr lähmen kann, obwohl ich es nicht will. Obwohl es so wichtig wäre in dieser Zeit über all das im Innen und Außen zu sprechen. Aber momentan schaffe ich es einfach nicht. Ich schaffe es weder über all das in mir zu sprechen noch zu schreiben.
Und dabei sind da so unendlich viele Worte, die raus müssten. Sich ihren Weg nach draußen bahnen wollen. Da sind so viele Worte, die anderen Mut machen könnten. Doch anstatt etwas zu schreiben und als Autor meinen Beitrag dazu zu leisten, dass sich irgendetwas ändern könnte, bin ich wie gelähmt. Und da ich nicht mal schreibe, bin ich… wer?

Nietzsche sagte einst: „Ich brauche nichts als ein Stück Papier und ein Schreibwerkzeug und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“

Aber warum fällt der Anfang so schwer?

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

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