Fazit: Slowenien

Ich liebe es ja, außergewöhnliche Dinge zu wagen. Dinge, die sich sonst keiner traut, weil sie ein gewisses Maß an Mut und den Willen dazu benötigen. Und mich vollkommen spontan an einem Sonntagmorgen nach einer Party und echt wenig Schlaf für ein Schreibreise anzumelden in ein Land, in dem ich echt noch nie war mit mir völlig fremden Menschen, denen ich noch nie zuvor begegnet bin, gehört ganz gewiss dazu!

Angst? Hatte ich in keinem Augenblick. Ich war sehr nervös, das bestreite ich nicht. Und auch am ersten Abend, als ich dann endlich wirklich angekommen bin, war ich regelrecht überfordert und geflashed von der neuen Situation und so vielen neuen Menschen, deren Namen ich nach dem ersten hören schon wieder vergessen hatte und mit denen ich nun quasi vier bis fünf Tage verbringen sollte. Auf einer einsamen Berghütte im Wald. In Slowenien. 8 km von einer richtigen Straße entfernt. Mit Kühen, die vom Gehege gegenüber ausbüchsen und direkt vor der Hütte grasen…
Der Sinn der Reise? Der war als Schreibretreat betitelt und somit war er auch für mich einfach nur das Schreiben in Ruhe und ohne Ablenkung! Und welche Umgebung wäre dafür besser geeignet als so ein Haus mitten im Nichts?

Meine Aufregung legte sich dann vollständig am ersten Morgen, als alles etwas Form annahm, ich mir doch noch die Namen merken konnte und 4/9 von uns mit einer gemeinsam erstellten Liste zum Einkaufen fuhren. Ich kam bisher mit allen wirklich gut klar. Jedoch waren wir auch alle  noch etwas distanziert. Bis auf einen, mit dem ich am Tag zuvor von Ulm aus mitgefahren war und schon einiges erlebt hatte. Die Distanz begann sich dann zu legen am zweiten Abend, als ich begann mir Gedanken um einen Mitreisenden zu machen, der schon den ganzen Tag mit dem Fahrrad weg war. Er hatte weder ein Handy noch eine Karte und sein Grund, warum er dabei war, war in erster Linie, dass er Briefe schreiben wollte. An seine Jetzige, seine Verflossene und soweit ich das verstanden habe an seine Eltern. Und ich zählte eins und eins zusammen wie nur ich es kann und begann mir echt einen Kopf zu machen. Zum Glück kam er irgendwann an. Zwar total kaputt, weil er sich verfahren hatte, aber er hatte es geschafft und war froh noch am Leben zu sein. Allso alles gut. Meine Gedanken dazu teilte ich jedoch zuvor mit der einzigen noch anderen Frau dort und das hatte irgendwie das Eis gebrochen und einiges an Vertrauen geschaffen. Interessanterweise ist sie wirklich Eismacherin!

Allerdings stellte sich daür ein anderes komisches Gefühl ein… Ich merkte sehr rasch, dass das alles sehr intelligente Menschen mit Abitur und Studium waren (auch wenn sie heute zum Teil was ganz anderes machen). Also stach ich nicht nur mit meiner Erscheinung, sondern auch damit hervor, dass ich eben kein Abitur sondern nur mittlere Reife habe. Anfangs traf mich das etwas und ich fühlte mich irgendwie doof. Das ist leider automatisch der Fall, wenn ich in von Menschen umgeben bin, die das Abi im Gegensatz zu mir geschafft haben und sich damit womöglich sogar um einiges leichter getan haben als ich.
Aber ich beschloss dann, diese zugegeben anfangs negativen Gedanken zu nutzen und an einer passenden Geschichte weiterzuschreiben. Und es war die richtige Entscheidung, das Gefühl auszunehmen, es in Worte zu fassen, ihm eine Form zu geben. So habe ich also an dem weiter geschrieben, was ich damals angefangen hatte, als ich versucht habe depressiv das Abitur zu machen. Aus meinen anfangs 24 Seiten (die ich noch mal grundlegend überarbeitet habe) waren dann am Ende der Reise 41 geworden.

Und nicht nur das… die erneute Auseinandersetzung mit dem Thema und die Gespräche mit der sehr lieben Frau Eismacherin verleiteten mich auch noch zu einer Idee…: Warum das Abi nicht nachholen? Ich bin gewiss weiser als damals… und psychisch stabiler. Jetzt muss nur noch der Rahmen stimmen! Das bedeutet, meine Idee kann nur realisierbar sein, wenn ich meinen Job reduzieren kann und dennoch genug zum Leben habe (z.B. durch elternunabhängiges Bafög). Und vor allem sollte ich nicht wie damals aufhören zu essen und zu leben! Aber die Befürchtung habe ich nicht mehr. Ich bin wie gesagt um einiges weiser als damals… Leicht wird es gewiss nicht, aber ich möchte es versuchen (im nächsten Jahr dann). Schon alleine, um das endlich abzuschließen!

Was ich ansonsten erlebt habe? Nicht sehr viel um ehrlich zu sein. Also nichts Erwähnenswertes wie große Ausflüge etc. oder was man sonst so im Urlaub macht. Ich war im Gegensatz zu den anderen einfach lieber im Haus und habe an meiner Geschichte weitergeschrieben. Außer am letzten Abend, da bin ich natürlich mit zum Essen.
Ich habe auch nichts fotografiert bis auf EIN Foto (vom Staubsauger, weil der mich an dieses Video erinnert hat). Naja, ich war ja auch nicht dort zum Arbeiten. Und Fotografie ist für mich ja Arbeit, die so ohne konkrete Aufgabe/Herausforderung irgendwie keinen Spaß mehr macht.

Genossen habe ich dennoch jede Sekunde, auch mit den mir anfangs völlig fremden Menschen!
Ich habe mir ehrlich gesagt insgeheim gewünscht, noch eine Woche dort zu verbringen zu dürfen…


Ich wünsche mich in die unbeschwerte Zeit zurück. In eine Zeit, in der einfach nichts Anderes wichtig war außer dem Schreiben. Dem Gespräch. Und Tee, weil das Kochen eines Tees in einer Gemeinschaftsküche unweigerlich dazu führt, dass man auf ein anderes Individuum trifft. Sich kurz unterhält. Abgleicht wo man gerade steht, wer man ist und was vielleicht kommen wird. Keine anderen ungewollten störenden Ablenkungen. Kein WLAN. Einfach nichts Anderes, das in diesem Moment zählt. Nur die Gedanken und das Papier, auf das ich sie nach und nach ergieße wie das heiße Wasser über meinen Teebeutel.
Es war die vergangene Woche beinahe schon ein Ritual: Ich schreibe ununterbrochen. Blicke auf meinen Text. Bin stolz auf das, was da aus meinem Kopf nach und nach auf dem Blatt entsteht. Doch dann verspüre ich auf einmal eine Art Leere. Ein seltsam ungewohntes Gefühl. Ich beschließe, es mit Tee zu füllen. Etwas tun. Bewegung. Andere Gedanken! Aber vor allem suche ich die Nähe von anderen, unterhalte mich kurz oder lang über das, was mich beschäftigt. Dann gehe ich wieder in mein Zimmer. Arbeite weiter. Streiche. Forme weiter zu einem Text, der irgendwie Bedeutung hat.

Ich wünsche mir mich zurück in eine neue, leichtere Wirklichkeit. In der ich den Raum habe, das auszuleben, was mir zu Hause fehlt. In meiner Wohnung. Meinem Job. Meinem Leben zwischen Klassikmusik und Technopartys. Zwischen Fotografie, Bildbearbeitung, Buchhaltung und Datensicherungen. Zwischen so vielen To-Do-Punkten, die ich für mich und andere beachten soll oder auch will.

Ich wünsche mir im Grunde mehr zu sehen, mehr zu erleben, mehr zu reden und dann auch mehr zum Schreiben zu haben. Weil es das ist, was Autoren wirklich brauchen: Das Gespräch. Das in Worte fassen in einer Wirklichkeit und nicht nur für sich selbst auf einem Blatt in einem stillen Kämmerlein.
Ich habe noch nie so sehr erkannt, wie wichtig andere Menschen sind und wie wichtig es ist, einfach spontan anzusprechen, was in einem ist. In Worten aus einem heraus möchte.
[13.10.19-18.10.19]

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

«      |      »

Schreibe einen Kommentar

Ich akzeptiere