Die absolut grandiose Geschichte schreiben müssen

Es war immer mein Traum, eine Autorin zu sein. Einfach jemand, der schreibt. Nun sitze ich also hier, in einer einsamen Berghütte. Abgeschieden von absolut jeglichen Ablenkungen. So wie das eben sein sollte, wenn man wirklich große literarische Kunst vollbringen will. Allerdings sitze ich auch vor einem absolut leeren Blatt und denke darüber nach, was ich denn nun eigentlich schreiben will. Und ich stelle mit Erschrecken fest: Irgendwie hat das gerade so gar nichts mehr zu tun mit meinem Willen oder überhaupt mit meinem eigentlichen Wunsch, dem noch unförmigen Etwas in mir den nötigen Raum und die entsprechende Form mit Hilfe passender Worte zu verleihen. Und das blockiert mich etwas…

Denn natürlich muss das, was nun folgt, stilistisch absolut top und unantastbar sein! Das heißt ohne unschöne Wiederholungen und zu viele ausschweifende Metaphern. Nichts darf sich über viel zu viele Seiten ziehen oder am Ende gar irrelevant sein. Der Kern, um den sich die Geschichte dreht, muss immer im Auge behalten, gelegentlich sogar leicht angetastet werden und den Leser so immer wieder aufs Neue in seinen Sog mitreißen.

Vor allem die Protagonisten müssen absolut gut durchdacht sein. Man muss sich ihnen Nahe fühlen, sie greifen können. Authentisch müssen sie sein und wenn man sich schon nicht mit ihnen und ihren Beweggründen identifizieren kann, so sollten sie für einen Archetyp von Mensch stehen, der einem auch so im Alltag begegnen könnte. Aber diese Personen dürfen andererseits auch nicht zu banal und allgemein gehalten sein.

Und dann ist da natürlich noch die Frage nach der absolut grandiosen, einmaligen und nie zuvor dagewesenen und neu erdachten Background-Story. Sie ist der Rahmen, der sich um die Charaktere legt. Sie sanft und locker, aber dennoch fest und bestimmt umschließt und eine unerschütterliche durch keinen Kritiker anzutastende Einheit entstehen lässt.

Ein guter Autor schreibt eine flüssige sich langsam (aber nicht zu langsam) aufbauende und mit Spannung füllende Geschichte. Der Leser darf nicht enttäuscht werden, das ist das oberste Gebot! Er soll erst neugierig gefangen, dann gebannt gefesselt und gleichzeitig aber auch angeregt unterhalten werden. Und selbstverständlich sollte er auch etwas gefordert, aber nicht überanstrengt werden. Um dem ganzen also auch noch einen höheren Sinn zu verleihen, beschert man ihm unterschwellig noch einige Aha-Erlebnisse. Am besten ohne dass er es merkt, denn er will sich ja auch nicht manipuliert oder gar belehrt fühlen.

Selbstverständlich sollte das Buch natürlich auch für alle Arten von Lesern und Nichtlesern passen. Es muss dem Philosophiestudenten (ob nun am Studium gescheitert oder nicht), der sich normalerweise mit den Kanten Kants quält, ebenso viel Freude bereiten wie dem Rest der Bevölkerung. Und beide Gruppen sollten jeweils etwas für sich daraus ziehen können, sei es letzten Endes nur ein Unterhaltungswert.

Kurz: Wenn ich das alles also bedenke, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass mir absolut nichts einfällt und mein Blatt ebenso absolut leer bleibt. Vielleicht bin ich aber auch einfach keine „Autorin“ im klassischen Sinne? Und vielleicht ist es an der Zeit, sich endgültig und absolut damit abzufinden und bei dem zu bleiben, was meine Texte und mich ausmacht. Denn ist das nicht eigentlich der wichtigste Punkt von allen?

Finde deinen Stil!

 

[14. Oktober 2019 – geschrieben auf einer einsamen Berghütte unter überwiegend philosophisch studierter Bevölkerung]

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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