Das „Ich“-Ich und das „Wir“-Ich

Ich frage mich, wohin das alles führt. Und wann ich endlich wirklich bei mir sein werde. Wann der Tag kommt, an dem ich eine dauerhaft gefestigte Identität besitze, egal in welcher Lebenslage. Und ob dieser Wunsch danach vielleicht nicht doch eine Illusion ist…?

Denn es führt mich immer wieder an den gleichen Punkt in Beziehungen. Ich beginne mich als Person aufzulösen und zu etwas zu werden, das ich gar nicht mehr sein will. Es ist wohl für keinen mehr ein Geheimnis, dass ich der geborene Einzelgänger bin. Im Vergleich zu anderen bin ich in der Lage, mir ein Glücksgefühl von Herzen selbst zu bescheren und mich in der frei gewählten (und damit irgendwie positiven) Einsamkeit zu Hause zu fühlen. Ich kann mich nach ihr sehnen, wie andere sich nach ihrem Partner sehnen. Ich tanke in ihr Kraft, reflektiere in der Ruhe und bin mir darin meinem „Ich“-Ich näher denn je. Und manchmal ist meine Vorstellung von Ruhe auch die absolute Unruhe und totale Action. Aber auch das brauche ich gelegentlich. Mal etwas ganz anderes! Gerne auch mit Menschen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen.

Dafür kann ich mich jedoch erheblich schlechter als normale Menschen mit Zweisamkeit und meinem „Wir“-Ich in einer Beziehung identifizieren. Aus Liebe gehe ich das bis zu einem gewissen Maß gerne und wohl auch automatisch ein, selbst wenn es mir mit der Zeit auch mal die Energie entzieht. ‚Dann tanke ich sie eben später wieder auf! Wenn man mich nicht übermäßig bedrängt und mir die Ruhephasen lässt, dann wird das schon!‘ Dachte ich zumindest. Das Konzept begann irgendwie zu bröckeln, als der Punkt erreicht war, an dem mir das alles zu viel wurde und mir auch woanders die Kraft ausgegangen ist. Ab da schaffe ich es beim besten Willen nicht mehr mein „Beziehungs-Wir“-Ich aufrecht zu erhalten.

Mir hat es also irgendwie die Lebensenergie entzogen und ich wurde nach und nach immer depressiver, empfand alles immer mehr als belastend. Und ich glaube echt, ab da werde ich zu jemandem anderen, beginne zu sticheln, zu verletzen und von mir zu stoßen. Ich beginne mit spitzen Stacheln um mich zu schießen und ziehe innerhalb von Sekunden eine Mauer hoch, hinter der ich mich dann wieder sicher und geborgen und bei mir fühle. Und ich genieße jeden ruhigen Moment dahinter, sauge ihn auf, empfinde wieder Glück und verdränge vollkommen, dass das für meinen Partner wohl sehr verletzend sein muss. Und dabei hat das in erster Linie nicht mal mit Master N. als Person was zu tun oder dass ich das gerne und absichtlich mache. Er hat in unserer Beziehung enorm viel Verständnis für mich aufgebracht und sich zurückgenommen, auch wenn er eben anders sehr einnehmend war. Doch offenkundig hat er nichts falsch gemacht, konnte daher aber auch nichts tun, damit es mir wieder besser geht in der Beziehung. Und ich konnte es eben auch nicht.

Das, von dem ich bisher glaubte durch und in einer Beziehung zu erlangen oder zu lernen, scheint wohl doch zu wenig zu sein, wenn das innere Leid und die Sehnsucht nach mir Überhand nehmen. Dann wird alles komisch… Die letzten Monate habe ich versucht, mich von diesen allgegenwärtig tief in mir schlummernden Gedanken zu lösen, sie einfach nicht wahrzunehmen, nicht hervorkommen und damit zu stark werden zu lassen, wie es sonst immer der Fall gewesen ist. Ich habe stattdessen versucht, an mir zu arbeiten, um sowohl Raum für das „Wir“ als auch das „Ich“-Ich zu schaffen. Ich habe auch immer wieder Lösungen gefunden, die Master N. akzeptiert hat. Wir waren auch immer offen und ehrlich miteinander und standen in so engem Kontakt, wie ich es bisher noch mit keinem Mann erlebt habe. Und dennoch hat all das nicht den Knall in mir verhindert, der dann vor etwa zwei Wochen kam, aber eigentlich an Ostern schon seinen Ursprung hatte…

Nun ist meine Beziehung mit Master N. nach einer Pause beendet. Ich befürchte, dieses sich stetig wiederholende negative Gefühl, das ich nur in Beziehungen habe, wird sich einfach nicht ändern und immer wieder irgendwann auftauchen, egal um wen es sich handelt und was er tut oder nicht tut. Diesmal wollte ich die Beziehung eben nicht wie die letzten Male gleich beenden und habe somit erst mal den Kontakt pausiert in der Hoffnung, dass das schon wird. Aber es wurde eben nicht und mein „Beziehungs-Wir“-Ich kam einfach nicht wieder zurück…

Es klingt irgendwie grausam und gleichzeitig auch traurig, aber es macht mich irgendwie nicht so traurig. Traurig macht mich nur, dass ich einen Menschen (mal wieder) so sehr verletzt habe. Und auch wenn Master N. es mir nicht so recht glaubt, weil ich so ganz emotionslos auf der Sachebene bleibe und er sich daher missachtet fühlt und mich teilweise als den Ursprung allen Übels sieht, hoffe ich, dass er nicht für immer nur das schlechte oder die Dinge so einseitig bzw. schwarz-weiß sehen wird, egal um was es geht…

Ich jedenfalls beginne irgendwie so langsam zu realisieren, dass es wohl meine Bestimmung ist, alleine zu sein. Aber ich erkenne das nicht mit Frust und Resignation, sondern beginne eher es einfach anzunehmen und zu akzeptieren, dass kein Mensch an meine Seite gehört, weil etwas in mir das einfach nicht auf Dauer ertragen kann und ich es im Grunde, wenn ich wirklich ehrlich bin, auch nicht will. Bei Master N. dachte ich, dass das schon wird und dass ich nicht so schlimm bin, dass ich mich ändern und vielleicht Sehnsucht entwickeln kann, wenn ich es will. Aber was ich nicht will ist eben dieser dauerhafte Kampf mit mir selbst, wenn ich in einer Beziehung bin. Dieses lähmende zwischen meinem oft kleineren aber dennoch liebenden „Beziehungs-Wir“-Ich und meinem nach sich selbst sehnenden „Ich“-Ich. Ich will ebenso nicht den Stress spüren, wenn ein gemeinsames Wochenende ansteht, auch wenn es natürlich schöne Momente beinhaltet und ich in dieser Zeit ehrlich Liebe schenken kann. Aber in all der anderen Zeit will ich auch auf keinen Fall jemanden leiden lassen und eigentlich will ich auch nicht so grausam sein und einen Menschen, den ich liebe und der alles für mich tun würde und mich sogar entgegen seinem Wunsch nach Nähe in Ruhe gelassen hat, so verletzen. Aber etwas in mir sagt, dass es richtig war zu gehen.

Ich weiß, ich bin bei weitem nicht perfekt und vermutlich verrückt, das ganze so aufzuschlüsseln, aber das beschreibt mein inneres Wirrwarr in Beziehungen, dessen ich mir gewiss nicht erst seit gestern bewusst bin, eben am besten. Und ich weiß noch längst nicht alles über mich, habe aber so einiges neues in meiner Beziehung mit Master N. über mich erfahren. Dennoch will ich in Zukunft lieber wieder für mich leben und für meine Freunde, mein Buch (dem nicht mehr viel fehlt), meinem vielleicht nächsten Buch (dem noch sehr viel fehlt, was aber nicht schlimm ist), meine Arbeit und für das  gelegentliche Tanzen zu den monotonen bis harten Klängen des Techno…und ich will mehr auf Sinfoniekonzerte mit meiner Mum. Und nach Slowenien mit dem Autoren Gunnar Kaiser. Und an sich verreisen zu Freunden. Zug fahren. Mich mehr lieben lernen. Ausgeglichener werden und daran arbeiten es zu bleiben.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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