Was denkst du?

Ich sehe dich an und frage mich, was du wohl denkst…

„Hast du denn schon was zu Abend gegessen?“ fragst du mich.
Diese Frage kommt für mich wie aus dem Nichts und irritiert mich. Es wirft wiederum Fragen in mir auf: Was willst du mir denn jetzt damit sagen? Willst du das wirklich wissen oder geht es mal wieder nur um dich? Bist du denn um mein Wohl besorgt oder hast du selbst Hunger und es ist ein stiller Vorwurf, dass ich faule Person mal anfangen sollte mit Kochen? ‚So eine Unverschämtheit!‘ denke ich mir, während ich versuche deine Frage nachzuvollziehen und was dich wohl dazu bewogen haben könnte, sie mir jetzt zu stellen. Ich komme zu dem Schluss, dass es wohl nichts Gutes ist…
„Ich habe keinen Hunger“, antworte ich also, obwohl ich natürlich noch nichts zu Abend gegessen habe und ja eigentlich weiß, dass ich was essen sollte…dass wir was essen sollten… Ich habe aber keine Lust zu kochen, was ich dir natürlich nicht sage, weil du mich nicht für faul und unfähig halten sollst.
Nun legst deinen Kopf schräg und siehst mich mit leichter Besorgnis an.
„Was ist?“ frage ich, bevor du zu Wort kommst und klinge vermutlich schärfer und genervter, als ich eigentlich wirken möchte, was mich irgendwie noch mehr reizt.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“ fragst du mich.
Um da jetzt nicht doch noch ein unnötiges Drama draus zu machen, antworte ich unwahrheitsgemäß mit „Ja“. Du scheinst mir das zu glauben und widmest dich wieder dem Film, den wir uns gerade ansehen. Doch mein Kopf gibt keine Ruhe.

Ich sehe dich an und weiß, was du jetzt denkst. Oder denken könntest… ja, ich bin echt faul. Und egoistisch. Und ja, eigentlich mache mir selbst unzählige Vorwürfe. Und dir. Und uns. Aber nichts davon kann ich dir sagen. Was soll ich denn auch sagen? Es scheint alles so lächerlich. Du würdest es wohl eh nicht verstehen, mich nicht ernst nehmen und es bestimmt auch lächerlich finden, dass ich das so dramatisiere. Du könntest aber auch meine Schwäche ausnutzen und noch tiefer bohren… Eigentlich bin ich froh, wenn der Film vorbei ist und du wieder gehst. Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht, weil ich das denke. Und wiederum gleichzeitig…

Mein Gedankengang wird unterbrochen von dem Bild, das auf dem Fernseher einfriert und der plötzlichen Stille. Du hast auf Pause gedrückt, drehst dich zu mir und siehst mich an. Mir tief in die Augen. „Okay, ich merke, du siehst dir den Film gar nicht an, sondern starrst aus dem Fenster. Ich frage dich nun ein letztes Mal: Was ist los?“
Ich kann dir aber auch jetzt nicht ehrlich antworten, will dir auch gar nicht sagen, dass mich deine Frage gekränkt hat. Ist ja auch lächerlich und kindisch so ein Verhalten. Also tue ich weiterhin so als sei nichts. Ist ja auch nichts weiter. Ist alles okay. Hab gedanklich nur überreagiert…das solltest du gar nicht merken normalerweise…
„Hör zu, wenn irgendwas ist, das dich beschäftigt, dann möchte ich das jetzt gerne wissen…ich spüre da so eine komische Stimmung zwischen uns und wüsste einfach gerne, woran das liegt…ob ich was Falsches gesagt habe, der Film blöd ist oder ob du wegen etwas anderem sauer bist…“
„Ich bin nicht sauer…“ antworte ich, weil zumindest das etwas ist, von dem ich sagen kann, dass es stimmt. Und weil es mir noch lächerlicher vorkommt, jetzt nichts zu deinen wunderbar offenen und fürsorglichen Worten zu sagen, gebe ich nun doch offen zu, was mich beschäftigt hat. Jeder Gedanke, der mich seit deiner Frage plagt.
Hyperempfindlich beobachte ich dich daraufhin ganz genau und versuche abzuschätzen, was du denkst. Du seufzt. Ha, ich wusste, dass du es albern findest! Mit einem Mal bereue ich es, so ehrlich gewesen zu sein. Hätte ich doch bloß nichts gesagt…
Aber dann lächelst du und meinst: „Oh man… ach, ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob ich Pizza für uns bestellen soll…weil ich den Eindruck hatte, dass du keine Lust zum Kochen hast und ich dich damit erleichtern wollte…aber da ich mir nicht sicher war, habe ich gefragt, ob du schon was gegessen hast…“
Ich fühle mich ertappt. Schutzlos. Aber erleichtert. Muss selbst lächeln.
„Tut mir Leid…dass ich so ein lächerliches Drama daraus gemacht habe…“ gebe ich kleinlaut zu und werde von dir liebevoll in den Arm genommen.
„Alles gut…“ sagst du nur. Kühl? Reserviert? Oder bist du eigentlich genervt und tust nur so lieb, weil du denkst, dass ich das hören will? Willst du mich nicht beunruhigen mit deinen wahren Gedanken?
„Tu mir nur einen Gefallen…denk bitte nicht für mich mit. Frag mich, was ich wirklich denke und warum ich was frage oder wie ich etwas meine…“
Etwas unsicher frage ich also: „Hmmmm…wie meinst du das? Findest du mich nicht auch lächerlich, dass ich so überreagiere und wir jetzt so ein Drama daraus machen und etwas so albernes unnötig in die Länge ziehen? Bist du nicht in Wahrheit total genervt?“
„Gut, dass du mich das fragst, denn ich möchte nicht, dass du spekulierst und dich damit all zu lange alleine in deinen Gedanken verstrickst… Sag einfach ehrlich, was du denkst wie z.B. jetzt, dass du die Befürchtung hast, dass ich dich für lächerlich halten oder genervt sein könnte. Ich kann dich hoffentlich beruhigen, denn ich bin nicht genervt. Ich bin froh darüber, dass wir das jetzt auseinandernehmen. Es ist sogar sehr wichtig, dass wir das tun. Denn woher soll ich wissen, dass du dich so fühlst und dich das blockiert? Und wie soll ich dir dann früher sagen können, dass ich dich definitiv nicht für lächerlich halte? Ich bin dir bei sowas doch nicht böse…und auch nicht genervt. Sollte ich genervt sein, werde ich es dir sagen und auch was mich nervt. Das darfst du mir gerne glauben!“

Irgendwie gerührt sehe ich dich an und weiß, was du jetzt denkst. Denn ich habe dich gefragt. Und du? Hast es mir einfach gesagt. Und eigentlich ist das alles ganz einfach. Eigentlich…

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

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