Gedankenexperiment (1)

Heue morgen bin ich mit einem sehr interessanten Gedanken aufgewacht… mit einem Gedankenexperiment!

Angenommen ich wache auf und finde mich wieder auf dem Boden meiner alten Schule; meines Gymnasiums, das ich nicht geschafft habe. Bin vielleicht vom Stuhl gekippt. Ohnmächtig geworden. Kreislaufzusammenbruch. Das ist zwar niemals vorgekommen, aber damals wäre das tatsächlich fast mal passiert nach einem Ausflug in den Schnee mit meiner Psychologieklasse, bei dem mich eine Mitschülerin zurück in die Schule bringen musste, weil mir schwindelig wurde…

Aber zurück zum Jetzt im Damals:
Angenommen ich wache dort auf im Januar 2010 mit all dem Wissen, das ich jetzt habe. Ich weiß von allen Ereignissen, die  noch passieren werden. Ich weiß, wie sich die Beziehungen in meinem Umfeld entwickeln. Ich weiß auch, dass ich es nicht geschafft habe das Abitur zu beenden. Ich weiß von der Klinik und einfach vom allem, was sich daraus entwickeln wird. Ich weiß, wann welche Beziehungen aus welchen Gründen enden werden und wann wer ein Tief hat. Ich weiß von Affären und Verlusten und einfach allem inklusive dem Weltgeschehen, was einmal sein wird.
Was würde ich tun? Würde ich versuchen, alles anders zu machen? Die anderen zu warnen?
Würde ich versuchen, um jeden Preis das Abitur zu schaffen und das zu studieren, wonach mir ist, weil ich um das Drama weiß, das sich daraus ergeben hat und das mich bis jetzt verfolgt? Löst das wirklich mein Problem? Macht es mich zu einem besseren Menschen? Schafft es vielleicht nur neue und andere Probleme?
Oder würde ich irgendwo hinfahren und jemanden kennen lernen, den ich bereits kenne und von dem ich weiß, dass das, was er tut, ihm nicht gut tut? Könnte ich es ihm so sagen ohne dass er mich für verrückt und vorlaut erklärt? Und würde er es verstehen, wo er doch selbst keinen Zeitsprung erlebt und das gesehen hat, was ich gesehen habe? Muss auch er diese Erfahrung vielleicht machen?

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Frustration, etwas zu wissen und eigentlich dann doch nicht den Lauf der Dinge ändern zu können (zumindest nicht bei anderen), wirklich heftig sein muss. Gleichzeitig kann ich aber mein eigenes Leben bestimmen. Ich entscheide, wie es weitergeht, indem ich mache, was ich eben mache. Natürlich weiß ich dann wieder nicht, was genau geschehen wird, wenn ich dieses Mal anders handle als zuvor. Wenn ich das Abi tatsächlich schaffe. Wenn ich jemandem sage, dass seine Beziehung zerbrechen wird, wenn es so weiterläuft. Wenn ich Kinder davon abhalte über die Straße zu gehen. Wenn ich jemanden rechtzeitig zur Krebsvorsorge schicke… wenn ich energischer versuche, andere von Alkohol fernzuhalten. Vielleicht rette ich ja wirklich jemanden? Vielleicht… aber auch nicht.
Ich gebe zu, ein bisschen bekannt ist mir das Gefühl zu wissen, was passieren könnte, ja schon … aber es genau zu wissen muss um einiges krasser sein… Vermutlich kann ich mich also besonders da nicht ganz raushalten aus den Leben der anderen… Aber ich muss vorsichtig sein, denn alle Schmerzen, von denen ich sie um drei Ecken befreien möchte, sind Erfahrungen, die ich ihnen vorenthalte und die ich anderen dadurch ebenso vorenthalte… weil wir ja nicht nur für uns existieren, sondern auch mit anderen zusammenhängen. Was ich mache und wie ich mich anderen gegenüber verhalte, hat also immer auch einen Einfluss auf mein Umfeld.

Ich glaube, dass jeder schon einmal den Gedanken hatte, den Lauf der Zeit zurückdrehen und vieles anders machen zu können mit dem Wissen von heute. Man sollte aber in Erwägung ziehen, dass dann nur DU alleine das Wissen besitzt DEIN Leben zu ändern. Allen anderen musst du überwiegend zusehen und akzeptieren, dass sie sich so entwickeln (oder auch nicht entwickeln), wie sie es eben tun… und dass sie nicht verstehen werden, wenn du versuchst etwas an ihrem Leben zu ändern.

Im Grunde ist das wirklich ein Gefühl, dass ich nach wie vor habe, auch wenn ich mich immer besser davon lösen kann. Aber ich kann es verstehen und auch, dass andere das vermutlich noch viel öfter haben, die zu viel nachdenken. Zu viel wissen. Nicht einfach nur vor sich hinleben und anderen dabei zusehen wollen…

Ich habe durch dieses Gedankenexperiment jedenfalls wieder einmal festgestellt, dass etwas einen Sinn haben muss, auch wenn es schmerzt und die Hölle ist. Weil besonders daraus eben etwas Neues entstehen kann.
Außerdem wurde mir einmal mehr bewusst, dass auch hier Gelassenheit wohl das Zauberwort ist. Das bedeutet nicht, dass ich jetzt nur zusehe und den Dingen ihren Lauf lasse… es bedeutet eher, dass ich mich eben auch nicht in das Leben der anderen einmische und das auch nicht muss. Die Kunst ist wohl zwischen diesen beiden Zuständen ein Gleichgewicht herzustellen und eben jene Gelassenheit zu erlernen, dass ich manchmal auch nichts ändere. Und dass das okay ist. Denn bewegen muss sich jeder schon selbst…in seinem Tempo und wie er es für richtig hält.


Anmerkung: Ich weiß, dass das gerade unglaublich komprimiert und komplex formuliert ist… und auch, dass das vielleicht nicht ganz der Definition eines philosophischen Gedankenexperiments entspricht… aber ich möchte das trotzdem erst mal so stehen lassen. Vielleicht regt es ja dennoch den ein oder anderen zum Nachdenken an. Und wenn diese Person nur einen Bruchteil aus meinem Text ziehen kann, dann war er es wert. ; )

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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1 comment

Du beschreibst etwas, was ich immer gerne so ausdrücke: „Wir Menschen sind einfach nicht für große Veränderungen in der Welt gemacht. Wir können nicht verantworten, die Welt großartig zu beeinflussen. Grund: Wir können alles, was wir anrichten, nicht zu Ende denken.“ Selbst wenn Du als Zeitreisende weißt, dass sich aus Diesem und Jenem etwas Schlimmes entwickeln wird, weißt Du leider gar nicht, was alles passiert, wenn Du es verhinderst. Es kann doch niemand auch nur im Ansatz erfassen, wie sich die Welt – oder auch nur die Beziehung zweier Menschen – entwickeln wird, wenn …

Die Kunst ist wohl zwischen diesen beiden Zuständen ein Gleichgewicht herzustellen und eben jene Gelassenheit zu erlernen, dass ich manchmal auch nichts ändere. Und dass das okay ist.

Ja, richtig. Ich halte es so: Ich versuche, in meinem persönlichen kleinen Umfeld Gutes zu tun. Klingt altbacken. Was ich meine ist: Menschen Respekt entgegenbringen, Achtung, Hilfe, ein Lächeln, nette Worte, Zuhören, Zuwendung, … Bei diesen Dingen bilde ich mir ein, die Welt positiv zu verändern – in ganz kleinem Rahmen, wo ich nur wenig falsch machen kann und ein Griff ins Klo nicht gleich eine Katastrophe wird.

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