Was ist „normal“?

Man kann nie so genau sagen, was als normal gilt und was nicht, denn das sieht jeder anders. In der Regel ist es allerdings „die Gesellschaft“, die zwischen normal und nicht normal, also abnormal, verrückt, entscheidet. Der Ausdruck normal steht meiner Meinung nach für einen vorgegeben Richtwert, nach dem man sich richten kann (aber nicht muss), der sich allerdings immer ändert, da sich auch die Gesellschaft verändert.
[aus meinem Ethikreferat, irgendwann 2006/2007]

Das ist im Grunde sehr nüchtern und sachlich ausgedrückt. Und ich muss zugeben: Besser und einfacher könnte ich den Kern auch 14 Jahre später nicht beschreiben. Es ist auch eine sehr sanfte Definition, wenn man bedenkt, dass mir bereits damals in meiner Schulzeit der Begriff „normal“ so richtig auf den Keks ging.
Ich war schon immer Nonkonformist, irgendwie „anti“, habe rebelliert (innerlich wie äußerlich) und habe nie verstanden, warum andere diesen Begriff nicht wie ich hinterfragen, lieber einfach so in den Tag hineinleben, versuchen sich (unbewusst) nach irgendetwas zu richten (z.B. Trends) und warum sie sich so gar keine Gedanken dazu machen. Natürlich hat mich das damals unglaublich arrogant wirken lassen… und ich habe mit meiner (nennen wir es) „Anpassungsproblematik“ auch ganz schön krass zu spüren bekommen, wie es ist „anders“ zu sein und damit nicht dazuzugehören, egal wie ich mich verhalte…

Mittlerweile stehe ich dazu, dass ich bin wie ich bin und versuche eher mit einer Sanftheit zu rebellieren. Ich bin sehr bedacht darauf, mich nicht mit einer gewissen Arroganz abzuheben.
Allerdings bin auch ich wie jeder andere Mensch nicht frei von Vorurteilen. Nur richten sich diese nicht gegen einzelne Randgruppen sondern eher gegen die „große böse Masse“ namens „Gesellschaft“. Dazu gehört für mich auch das „normale“ Leben und Menschen, die ein „normales“ Leben führen (wollen). Und so offen ich im Grunde auch jedem Menschen gegenüber sein will, so ist es eben auch für mich nicht immer leicht, einzelne Individuen in dem System zu erkennen.
Daher trifft dies meist auf jene Situationen zu, in denen ich eben größeren Gruppen begegne und nicht einem einzelnen Menschen. Ist letzteres der Fall, so habe ich echt schon irgendwie das Glück entweder das Besondere in einem Menschen zu erkennen oder eben sehr oft sehr interessanten Menschen zu begegnen, die mich auf eine schöne Weise eines Besseren belehren und mir zeigen, dass mehr in einem Menschen stecken kann. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gerade die Menschen anziehe, die auch auf irgendeine Art rebellieren oder die in irgendeiner Weise unter dem System der Macht-, Wachstums-, Leistungs- und Haben-wollen-Gesellschaft leiden, selbst wenn bzw. gerade weil sie Teil dessen sind. Im Schlimmsten Fall zerbrechen sie beinahe daran.
Doch was ist eigentlich mit all diesen Menschen, die sich so abgrenzen (sei es nun „gewollt“, weil sie mit der Gesellschaft und der gängigen Vorstellung eines „normalen und richtigen“ Lebens nicht klar kommen oder ungewollt, weil sie es nicht schaffen Anschluss zu finden/sich anzupassen)? Oft kommt es mir so vor, als würden sie in einem Paralleluniversum leben, sich ihre Welt schaffen, in der sie existieren können, während sie in der „realen Welt“ in den seltensten Fällen das Glück haben, sie selbst sein zu können. Ansonsten werden sie im besten Fall belächelt oder bleiben unsichtbar. Im schlimmsten werden sie regelrecht zwangsangepasst, indem man ihnen spiegelt wie krank sie seien… oder sie gehen komplett unter und zugrunde… was so unglaublich schade ist, da sie aus meiner Sicht so wichtig für ein vielseitigeres Weltbild sind!

Eigentlich könnte ich jetzt einige Punkte aufzählen, von denen ich denke, dass der scheinbar große Teil der Gesellschaft sie als „normal“ und erstrebenswert empfindet… um das Abstrakte, das ich gerade beschreibe, begreifbar zu machen. Aber ich glaube, dass genau das der falsche Weg ist. Denn wer zum Henker legt das fest? Wer (be)schreibt eigentlich, was normal ist?!
Ich wäre keinen Deut besser als jene, die Menschen anderer Kultur, anderen Geschlechts, „einfachem“ oder keinem Job, ohne oder mit Abitur/Studium/Doktortitel/Professur in eine Schublade stecken…

Das einzige, was ich im Zusammenhang mit „normal“ sicher sagen kann und das alles irgendwie verbindet, ist der Wunsch nach irgendeiner Art von Sicherheit. Und anscheinend erlangen wir Menschen diese nur, wenn wir uns nach einer von niemandem je definierten „Norm“ richten und orientieren…
Aber was jetzt genau „normal“ ist oder sein soll, kann ich nach all den Jahren immer noch nicht genau sagen. Ich weiß nur, dass ich mich gegen den Begriff „normal“ wehre, selbst wenn ich vieles bestimmt auch auf eine „normale“ Art und Weise mache wie jeder andere Mensch auch. Doch ich will nicht an einer „Norm“ gemessen und alleine dadurch aussortiert werden oder mich so fühlen. Daher will ich lieber in keinen Rahmen passen und herausfallen – nicht aus Arroganz (wie es von außen wirken könnte), sondern um einerseits ich zu sein und andererseits zu zeigen, dass auch andere Wege möglich sind. Dass es nicht schlecht oder arrogant ist, so zu sein wie man ist, selbst wenn man sich herausnimmt einiges anders zu mache.
Und ich wünsche mir, dass das auch andere sehen können und ausbrechen aus ihren „auferlegten“ Mustern, unter denen sie teilweise leiden und welche ich als gesellschaftlich konditioniert ansehe (wie z.B durch Schule, Erziehung etc.). Ich wünsche mir, dass sie den Mut zu mehr Authentizität bekommen und dadurch eben nicht zum Außenseiter werden! Ich wünsche mir mehr hinterfragendes Denken, mehr ehrliches Fühlen, mehr Respekt gegenüber der Verletzlichkeit des Menschen, denn so viele trauen sich nicht Schwäche zu zeigen oder sich angreifbar zu machen. Ich wünsche mir, dass wir eine wertfreiere Beurteilung zulassen können und uns dadurch besser begegnen und wirklich kennen lernen – ohne das als Maßstab zu nutzen, was uns das Außen spiegelt.

Doch wie ist das möglich in einer Welt wie dieser, die scheinbar genau das so schwer macht?

Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.
[Jiddu Krishnamurti]


Weiterführende Links:

Psychische Störung oder ganz normal? Ganze Folge | Quarks 

Vourteile – warum uns das Schubladendenken im Griff hat | SRF Einstein 

Normopathie

MENSCHEN IN DER INDUSTRIENORM: NORMOPATHIE – vom Verlust der Vielfalt

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

«      |      »

2 comments

Und ich wünsche mir, dass das auch andere sehen können und ausbrechen aus ihren „auferlegten“ Mustern

Hm, warum wünscht Du Dir das? Wünschst Du es ihnen oder Dir selbst (um nicht allein so außen zu stehen)?

Mut zu mehr Authentizität

Was, wenn all diese Menschen authentisch sind, wenn sie genau das wollen, was sie tun? Wenn sie genau die Musik lieben, die überall gespielt wird, die Feste lieben, die überall gefeiert werden, die Wirtschaftspolitik genau so wollen, wie sie besteht, wenn sie es lieben, wenn alle Menschen irgendwie am selben Strang ziehen, ohne dass Außenseiter das verweigern?

der Wunsch nach irgendeiner Art von Sicherheit.

Hier sehe ich den Grund für die Existenz eines beherrschenden Mainstreams. Die Sicherheit, die in einer Gruppe zu finden ist. Sie mag trügerisch sein, doch ist sie fühlbar. Die meisten Menschen empfinden die „Gesellschaft“ als Schutz, nur wenige als Bedrohung. Genetisch? Erworben? Keine Ahnung, vielleicht ein Mix. Ich kenne jedenfalls Menschen, die sich erst entspannen, wenn sie sich in großer Gesellschaft fühlen. Und ich kenne die gegenteiligen Personen. Aber nur einzelne.Andererseits wird der Drang nach Individualität immer größer. Unsere Großeltern hätten weder gewagt noch gewollt, sich extravagante Frisuren zu gönnen. Der Grund war wohl, dass damals die Akzeptanz in der Gesellschaft, das Dazugehören, viel wichtiger war als heute. Wer heute den Rückhalt verliert, wird staatlich aufgefangen oder kann sich in der Anonymität der Großstadt verstecken. Damals – zumindest auf dem Land – war man am Arsch als Außenseiter. Und hier steckt wohl der Grund, warum die politisch garantierte Freiheit heute ein so großes Gut ist: Man kann anders sein und hat immernoch den staatlichen Schutz, selbst, wenn man den gesellschaftlichen verliert. Außenseiter in Staaten ohne garantierte Freiheit sind auch heute noch am Arsch.

Was mich persönlich am meisten „fasziniert“, wenn der Begriff „Normalität“ zum Thema wird, ist die Frage nach dem „Warum“. Normalität spaltet, wertet, trennt, definiert, grenzt ein bzw. aus, sorgt für Zugehörigkeit und Sicherheitsempfinden, vergleicht, sorgt für Ängste oder verführt (Gruppenzwang), macht sichtbar und gleichzeitig unsichtbar, man könnte das noch ewig und drei Tage fortführen. Gruppen(zugehörigkeiten) bieten spür- und sichtbare Identität, lassen Vergleiche zu anderen Gruppen oder einzelnen Personen zu, definieren Wertmaßtäbe u.v.m. Doch was ist es eigentlich, das Menschen immer wieder dazu „treibt“, sich quasi selbst Schubladen zuzuordnen, obwohl doch gerade das für so viele eher etwas Negatives inne hat, das dem persönlichen Freiheitsempfinden und dem Wunsch nach freier Entfaltung diametral entgegensteht? Es lässt sich häufig beobachten, wie der „typische Herdentrieb“ funktioniert, einer rennt vorne weg und „die Meute“ folgt brav hinterher, nicht selten ohne genaue Kenntnis von Zielsetzung und Sinnhaftigkeit. „Wenn viele dieselbe Richtung einschlagen (oder dieselbe Meinung vertreten usw.), dann wird es schon richtig sein“. Und dann gibt es diejenigen, meist in der Minderzahl, die sich ganz bewußt nicht „blindlings“ der Masse anschließen, die erstmal überlegen, eigene Gedanken denken, ein individuelles Handeln vorziehen und die bereit sind, andere, eigene Wege zu gehen. Da könnte man natürlich schnell auf den Gedanken kommen, es ginge dabei primär nur darum, sich bewußt anders zu verhalten, sei es nun aus Protest/Ablehnung, und unabhängig davon, ob die Masse nun „recht hat“ oder nicht. Oder darum, sich aufwerten zu wollen, in dem man sich für schlauer hält als alle anderen (z.B. Komplexe, Minderwertigkeitsgefühle, Selbstdarstellung usw.). Aber was ist, wenn gerade so ein Einzelner, ein Aussenseiter, ein Individualist „recht hat“ bzw. einen oder gar „den besseren Weg“ kennt? Was ist, wenn die große Masse tatsächlich nur ein Haufen naiver Schafe ist, der blindlings in sein Verderben läuft (ich übertreibe mal ganz bewußt, um es deutlicher zu machen)? Worum geht es beim Begriff „Normalität“ eigentlich und ist es eine quantitative oder eine qualitative Betrachtung, oder beides?

„Das ist doch nicht normal!“ Ich denke, jeder von uns hat sich diesen Ausspruch irgendwann in seinem Leben schon einmal von irgendwem anhören dürfen. Meist dann, wenn man etwas geäußert (oder getan) hat, dass nicht mit dem „Mainstream“ konform war, das nicht irgendwelchen „Standards“ entsprach, das schlichtweg „anders“ war. Und wie so oft (natürlich nicht immer) führt das dann zu einer Wertung. Mit etwas Glück kann man Akzeptanz oder gar Begeisterung erleben, oder aber man erlebt Vorwürfe und Ablehnung. So oder so bieten sich dann oft nur 2 Schubladen an: „dafür“ oder „dagegen“. Wie schön wäre es doch, noch eine dritte Schublade zur Auswahl zu haben: „weder noch“.

Anders zu sein, anders zu denken, anders wahrzunehmen, all das ist in einer Welt von Gruppenidentitäten ein großes Problem. Schnell kann man zum Aussenseiter, zum „Sonderling“, zum „Verrückten“, zum „Psycho“ oder gar als „Querulant“ abgestempelt werden. Oder es wird ein Aufmerksamkeitsdefizit unterstellt, ein übertriebenes Geltungsbedürfnis, was auch immer. So oder so, es besteht immer die Gefahr, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, einfach nur deshalb, weil man irgendwie „anders“ ist.

Unsere Welt ist unglaublich vielfältig und bietet unzählige Möglichkeiten, und doch fühlen sich viele Menschen anscheinend am Wohlsten, wenn sie strukturellen Halt innerhalb einer Gruppenzugehörigkeit finden können. Viele fragen nicht, was würde ICH gerne machen, sondern sie fragen stattdessen, was „DIE ANDEREN“ so machen bzw. was „MAN“ so macht. Sie suchen regelrecht nach Identität in einer Herde, der sie sich anschließen können, wo andere den Takt angeben, die Richtung vorgeben, über Denken und Handeln bestimmen. Vieles wird halt einfach „konsumiert“, wenn es einem gefällt oder wenn es sonst irgendeinen persönlichen Nutzen erfüllt. Daran ist im Grunde genommen sicher auch nichts auszusetzen, solange man sich dieser Mechanismen voll und ganz bewußt ist und diese auch immer wieder mal kritisch hinterfragt. Ganz besonders in Zeiten, wo einem Meinungen/Ansichten gerne mal als Wahrheiten mit gesellschaftlichem Konsens „verkauft“ werden, und nicht immer wird einem das so bewußt, ein Blick auf die „Verpackung“ und noch mehr auf die „Inhaltsstoffe“ halte ich für absolut empfehlenswert.Ebenso wichtig finde ich allerdings auch, eine eigene Meinung, einen eigenen Geschmack und eigene, nicht nur von anderen „vorgekaute Ware“ mit einzubringen.

Der Begriff „Freidenker/Freigeist“ kommt mir oft in den Sinn. Ich selbst wurde schon so bezeichnet und ich habe mir natürlich die Frage gestellt, ob das nun gut oder schlecht sein mag, vor allem aber hat mich persönlich interessiert, warum ich letztendlich diese „Schublade“ (ein Widerspruch in sich?) für mich passend fand. Was ist für mich das Hauptmotiv, mich nicht um Konformität zu bemühen, nicht blind irgendeinem Mainstream (unabhängig davon, ob dieser „falsch“ oder „richtig“ sein mag) zu folgen, nicht all den anderen „Schafen“ einfach zu vertrauen, denen ich mich doch einfach anschließen könnte? Ist es mein Drang nach „Freiheit“, (falscher) Stolz, ein wie auch immer zu begründender Drang zur Rebellion/Revolution, eine gefühlte Aufwertung gegenüber anderen?

Die Wissenschaft hat viele Antworten darauf, was es mit „Normalität“, Identität, Gruppen, Normen, Konformitäten u.v.m. auf sich hat, und das meiste ist plausibel und nachvollziehbar begründet, quasi eine Art Grundbedingung für ein gesellschaftliches Miteinander, ohne dass die Menschen kaum überlebensfähig wären. Und doch kann ich den Begriff „Normalität“ nur sehr schwer greifen, da er von so unglaublich vielen Faktoren abhängig ist und weil jeder Mensch trotz Konformität doch ein individuelles Wesen bleibt. Daher ist für mich vor allem wichtig, was die wahren Motive sind, die dazu führen, dass man sich für ein gesellschaftlich mehr oder weniger integriertes Leben entscheidet oder ob man „sein eigenes Ding macht“, unabhängig davon, ob nun mit oder gegen den Strom. Dass es schwer ist und keinesfalls den Anspruch auf Richtigkeit erheben kann, ein Außenseiterdasein zu führen, ist nachvollziehbar. In der Geschichte gibt es unzählige Beispiele von gesellschaftlich gescheiterten Existenzen aber eben auch von bis heute in den Geschichtsbüchern verewigten Persönlichkeiten, die diese Welt maßgeblich verändert haben, gerade weil sie anders waren, anders dachten, anders handelten.

Sind nun Aussenseiter oder angepasste Mainstreamer „besondere“ Menschen? Ich meine, dass sich diese Frage (für alle Beteiligten) erübrigt, wenn man den Begriff „Normalität“ weniger wertend betrachtet und weder das eine noch das andere infrage stellt. Manche Menschen sind eben anders (und haben sich das auch nicht unbedingt ausgesucht) und sie brauchen daher vielleicht auch andere „Lebensbedingungen“, was sie quasi automatisch davon abhält, sich irgendeiner Gruppe oder einem Mainstream unterzuordnen. Und doch brauchen sie als soziale Wesen, die wir nunmal alle(!) sind, ebenso den Kontakt zu anderen Wesen und Gruppen. So schwer es auch sein mag, mit Respekt, Akzeptanz und Aufgeschlossenheit könnten alle Beteiligten erkennen, welches Potential sich in der Vielfältigkeit des menschlichen Seins verbirgt, und so ein konstruktives Miteinander statt destruktivem Gegeneinander (er)leben. Der Blick durch die Augen des Anderen erlaubt potentiell immer auch spannende, neue und vielleicht ungeahnte Perspektiven, jedes Gespräch, jedes Aufeinanderzugehen öffnet Schubladen und gibt ihre Inhalte frei. Das wäre für mich meine ganz persönliche (Wunsch)Definition von „Normalität“.  ;-)

Schreibe einen Kommentar