Vom Prä-Alkoholismus

Und wieder einmal stelle ich mir die mit Abstand schwierigste Frage aller Fragen…: Ab wann ist es Sucht? Ab wann ist jemand wirklich ein Alkoholiker?

Irgendwie scheint mir dieses Thema immer wieder zu begegnen, obwohl ich seit einigen Jahren abstinent lebe. Und das aus freien Stücken, auch wenn ich nie Alkoholikerin war. In meinem Umfeld aber könnte es jeder sein. Oder auch keiner, denn es entspricht ja keiner dem „typischen“ an der eigenen Existenz gescheiterten Bild, das wir im Kopf haben, wenn wir an einen Alkoholiker denken. Dennoch bin ich der Meinung, dass der Konsum mancher meiner Mitmenschen definitiv nicht ganz der Norm entspricht.

Aber sind wirklich nur diejenigen Alkoholiker, die alles versoffen haben und morgens torkelnd einen Kurzen neben mir an der Bushaltestelle ziehen? Weil gerade solche extremen Verhaltensweisen ein so offensichtliches Indiz dafür sind?

Was ist denn mit all jenen, die „nur“ ihr tägliches Feierabendbierchen trinken – entweder alleine oder in einer Kneipe – einfach um „runterzukommen“ von einem anstrengenden Arbeitstag?
Mit all jenen die sich ein Gläschen edlen Wein zur Belohnung gönnen oder auch zwei bis drei… Flaschen?
Was ist mit all den Hausfrauen, die was erleben wollen und beginnen um die Häuser zu ziehen?
Mit all den Ehemännern, die im Grunde lieber in der Kneipe sind, die quasi ihr „zweites Wohnzimmer“ geworden ist?
Was ist mit all jenen, die immer einen Grund zum Feiern und damit auch zum Trinken haben?
Mit jenen, die unter der Woche nichts trinken und am Wochenende eskalieren?

Ist dann nicht jeder ein Alkoholiker?
Ich glaube wir kennen alle jemanden aus diesen Personenkreisen. Aber irgendwie empfinden wir ihr Trinkverhalten im ersten Moment eher als normal und nicht so schlimm. In unseren Augen sind sie eben keine Alkoholiker. Vielleicht gestehen wir uns es aber auch nicht ein und so würden wir es uns auch nie anmaßen es direkt anzusprechen. In erster Linie liegt das wohl daran, weil wir ihnen nahe stehen und weil sie sich ja nicht „typisch“ daneben verhalten.

Aber was ist das denn nun, ein Alkoholiker? Ist man es nur, wenn man offensichtlich seinen Flachmann irgendwo versteckt hat und im Grunde nicht mehr ohne kann? Ist es dann eigentlich nicht schon längst zu spät? Sollte man nicht schon viel früher sein Trinkverhalten ehrlich überprüfen?

Alkoholismus ist eine tückische Krankheit, die sich schleichend entwickelt und bei der die ersten Anzeichen oft verharmlost werden. Wenn das tägliche Feierabendbierchen mittlerweile dazu gehört, weil es einem hilft runterzukommen und zu entspannen, sollte man sich schon mal Gedanken machen. Für Männer gilt es zwar als unbedenklich ein 0,5l Bier pro Tag zu trinken, aber der eigentliche „Suchtgedanke“ dahinter sollte nicht heruntergespielt werden! Es wird in den meisten Fällen nämlich eine Sucht/Abhängigkeit nach sich ziehen. Das zu leugnen wäre fatal, denn die Gefahr ist extrem groß, wenn man sein Gehirn an den euphorischen Zustand gewöhnt, den das Rauschmittel hervorruft. Alles scheint leichter, lockerer, lustiger und man selbst auch mutiger. Man verknüpft dadurch jedoch auch psychologisch den positiv stimulierenden Reiz des Alkohols mit seinem Wohlbefinden. Das bedeutet, dass das Belohnungszentrum ein Defizit aufweist, wenn dieser Zustand ausbleibt.

 

Ich glaube, dass es wohl wenige Krankheiten gibt, die leider so „unausgesprochen“ bleiben wie diese. Weil sprechen auch für jene an der Seite von Alkoholikern – seien es nun Eltern/andere Familienmitglieder oder der Partner – wohl etwas ist, das man Stück für Stück verlernt. Oder von Anfang an nie konnte, weil man darüber hinweggesehen hat.
Da fehlen einem aber auch einfach alle Worte. Und wenn sie mal da sind, sind sie unaussprechlich und fallen extrem schwer. Es erscheint nicht angemessen das Problem beim Namen zu nennen und gleichzeitig ist da die stille Gewissheit, dass es da ist und etwas nicht so recht stimmen kann.
Diese Schwelle zwischen dem Alkoholismus und einem „normalen Trinkverhalten“ zu ergründen und den Übertritt in die Krankheit zu erkennen und zu benennen ist wirklich nicht leicht, weil es absolut nicht eindeutig zu sein scheint. Es ist ja nicht so, dass die Existenz der geliebten Person auf Alkohol aufbaut, oder? Sie hat ja auch alles im Griff. Bis auf ein paar Gläschen zu viel. Gelegentlich. Also kann alles ja nicht soooo schlimm sein… Aber ist das wirklich so? Ab wann sollte man sich eher sagen: Es ist alles noch nicht so schlimm, kann aber schlimmer werden?
Wird es sich denn von selbst ändern oder wirklich so gediegen bleiben? (Ist es überhaupt „gediegen“?)
Werde ich es rechtzeitig merken, wenn es kippt?
Wann sage ich etwas?
Und vor allem: Was sage ich?!
Welche Worte wähle ich? Wie sage ich es?
Ich verspüre zwar oft das Bedürfnis, es bei manchen Menschen (so ehrlich wie ich sonst auch bin) beim Namen zu nennen, doch wie kann ich mir sicher sein, dass das überhaupt ankommt? Es ist ja keine Diagnose, sondern nur ein Gefühl…

Und was ist, wenn ich dem geliebten Menschen sage, dass das letzte Glas/die letzte Flasche zu viel waren und ich schon längst heim wollte und das einfach keine dauerhafte Wirkung hat, weil das etwas ist, das mit zweierlei Maß gemessen wird? Alkoholiker zeichnen sich auch dadurch aus, dass ihnen das Maß vollkommen fehlt. Auch bis zur Besinnungslosigkeit. Kontrollverlust. Gereiztheit. Impulsivität. Blackout. Filmriss. Vergessen was war. Und das bleibt nicht nur bei dem einen Mal…

Ja, was geschieht, wenn sich nichts ändert? Versprechen im Bezug auf den Konsum vom Partner des Alkoholikers irgendwann nicht mehr ernst genommen, gehört und nach und nach ausgeblendet werden, weil man sich und dem Alkoholiker einfach den Schmerz der Enttäuschung ersparen will?
Wenn man beginnt hinzunehmen anstatt etwas zu sagen? Wenn man lernt seine Gefühle des Unwohlseins abzuspalten, die immer dann auftauchen, wenn er sich mal wieder nach Stunden nicht meldet, in denen er unterwegs ist? Weil man es einfach Leid ist und man nicht dafür verantwortlich sein will, dass sich der andere nicht wohlfühlt, wo es ihm doch so wichtig zu sein scheint am „gesellschaftlichen Leben“ teilzuhaben? Ist das nicht sein Bier? Sollte er nicht auf sich selbst aufpassen können?
Dann ist die Krankheit längst zu einer Belastung für die Beziehung geworden. Das Resultat ist Gefühlskälte, Vertrauensverlust und trotz intensiver Vermeidung des Gefühls: blanke Enttäuschung.

Der Wille zum Aufhören muss aber auch von innen und nicht von außen kommen. Von außen sollte ein echtes Feedback im Bezug auf das Trinkverhalten kommen, was wie bereits angedeutet schwieriger ist, als es sich anhört. Denn auch wenn es immens wichtig für den Alkoholiker ist, dass dem bisherigen irgendwie zustimmenden Schweigen dadurch endlich ein Ende bereitet wird, kostet es enorm viel Mut sich als Außenstehender zu so einer Aussage zu überwinden. Es erfordert auch einiges an Fingerspitzengefühl, den Alkoholiker nicht durch diesen vermeintlichen „Angriff“ in eine Abwehrhaltung zu drängen, (bei der er womöglich erst recht trinkt.)
Aber ich habe den Eindruck, dass diese ehrlichen und ernsthaften Gespräche viel zu selten stattfinden. Besonders unter Männern fällt mir leider immer wieder aufs Neue auf, dass das Trinken ein Sport zu sein scheint, der auch noch gefeiert und dadurch erst recht heruntergespielt wird. Wer abstinent lebt, ist für die meisten irgendwie komisch und steht unter dem Stigma keinen Spaß haben zu können. So reißt man sich gegenseitig in den Abgrund, auch wenn man meint, auf sich und den anderen aufzupassen. Im Grunde unterstützt man sich jedoch nur in der Trinkerei des jeweils anderen.

Und so hält das Schweigen über all das oft viel zu lange an. So lange, dass der Entzug dem Alkoholiker auch den Boden unter den Füßen wegreißen kann. Das hat nichts mit Willensschwäche zu tun, die man Alkoholikern oft nachsagt. Es ist der Krankheit geschuldet, die scheinbar jahrelang dann doch irgendwie eine Existenzgrundlage war.
Leider sind viele Menschen, die ich kenne, weit davon entfernt, sich auch nur ansatzweise ein Leben ohne Alkohol vorstellen zu können oder dass ihr Trinkverhalten zum Problem werden könnte (oder es bereits ist). Ebenso sind sie der Meinung, dass sie ja nicht süchtig sind, weil es ja auch Tage gibt, an denen sie nichts trinken. Und auf der Arbeit sind sie ja auch nüchtern. Und überhaupt könnten sie ja jederzeit aufhören. Es gab ja auch schon Wochen, in denen sie nichts getrunken haben…
Aber warum bleiben sie dann nicht dabei?

 

Zum Abschluss möchte ich noch kurz die Diagnosekriterien nach ICD-10 für Alkoholismus auflisten. Vielleicht macht es das ja leichter, die Sucht zu erkennen bzw. sich mal über sein Trinkverhalten Gedanken zu machen? Und ich rate echt jedem mal für längere Zeit auf Alkohol zu verzichten und seine Erfahrungen ehrlich zu reflektieren…

Gemäß ICD-10 (WHO 2000) sind folgende Merkmale für Alkoholabhängigkeit kennzeichnend:

  • CRAVING – Gesteigertes, fast unbezwingbares Verlangen nach Alkohol
  • VERMINDERTE KONTROLLFÄHIGKEIT  – Beginn, Menge und Beendigung des Alkoholkonsums sind nicht mehr kontrollierbar
  • TOLERANZENTWICKLUNG  – Zunehmend größere Menge wird vertragen und benötigt; nach langjähriger Abhängigkeit erfolgt Toleranzminderung
  • ENTZUGSSYMPTOME – Körperliche Symptome (z. B. Erbrechen, Übelkeit) oder psychische Symptome (Angst, innere Unruhe) bei Abfall des Alkoholspiegels; Verschwinden der Symptome bei Alkoholkonsum
  • EINENGUNG AUF SUBSTANZMISSBRAUCH – Anlegen von (heimlichen) Alkoholvorräten; Organisation des Tagesablaufs, sodass Alkoholkonsum möglich ist; fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen
  • KONSUM TROTZ SCHÄDLICHER FOLGEN – Fortsetzung des Alkoholkonsums, obwohl körperliche Schäden, negative soziale Folgen oder psychische Veränderungen wahrgenommen werden

Werden gleichzeitig mindestens drei dieser Merkmale während des letzten Jahres festgestellt, dann liegt eine Alkoholabhängigkeit gemäß ICD-10 vor.

[Quelle: https://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/versorgung/suchtmedizin/alkohol/frueherkennung-und-diagnose/]

 


Anmerkungen:

Diesen Text hatte ich gegen Ende meiner Beziehung mit D. dem Großen im Oktober 2019 verfasst. Ich merkte vorher schon, dass das mit dem Alkoholkonsum ein größeres Thema werden könnte, aber da merkte ich es dann deutlich. Der Inhalt spiegelt somit auch meine eigene Gefühlslage wider. Wobei ich die Worte nach wie vor treffend finde, denn Alkoholismus begegnet mir immer noch in meinem Umfeld, wenn auch nicht mehr so extrem wie zu meinen eigenen „Kneipenzeiten“.

Ich habe diesen Beitrag auch einem sehr guten Bekannten zum Lesen gegeben der sich mit der Thematik auskennt. Er meinte, dass ich mehr auf die Co-Abhängigkeit (von Familienangehörigen/Partnern, Arbeitskollegen, Freunden) eingehen sollte. Ursprünglich wollte ich das hier noch mit einbringen, aber dann habe ich gemerkt, dass das den Rahmen sprengen würde und eigentlich ein separater Eintrag wert ist. Der folgt, sobald ich mit meiner Lektüre zum Thema fertig bin.

 


Auch interessant:

„Alkoholismus – Wenn das Trinken außer Kontrolle gerät“ [Sprechstunde im Deutschlandfunk vom 23.06.2020, Link zur Audiodatei]

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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1 Kommentar        

Wenn das Thema nicht so ernst wäre, würde ich überlegen, ob da eine versteckte Botschaft drin steckt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass meine sozialen Kontakte noch ausbaufähig sind. Denn:

Ich glaube wir kennen alle jemanden aus diesen Personenkreisen.

Wenn auch die Vergangenheit sowie die Vermutung gilt, okay. Aber ansonsten? Ich vermute, dass es beim letztes Jahr verstorbenen Onkel zuviel des „Guten“ (auch eine „tolle“ Redewendung in dem Zusammenhang) war. Für mehr als eine Vermutung fehlte da aber der ausrecihende Kontakt, um das besser einschätzen zu können. Zusammen mit dem Zigarrenkonsum wäre Alkohol zumindest ein Risikofaktor für eine Lungenembolie, an der er u.a. gestorben ist.

Meine Eltern trinken ab und zu wohl mal Wein und meine Mutter wohl auch vielleicht immer noch gerne mal zusammen mit ihren „Mädels“ einen Kurzen, aber das ist im Jahr wohl an einer Hand abzuzählen.

Ich selber habe Alkohol nie gemocht. Auf der einen Seite schade, da ich gerne etwas lockerer wäre, dann hätte ich vielleicht doch mal mehr Erfahrungen mit Frauen sammeln können. Aber auf der anderen Seite: Möchte ich das? Irgendwie ist das gruselig, mir vorzustellen, dass Alkohol aus mir eine „andere“ Person machen könnte. Und wenn dann eine von mir angesprochene Person nur darauf „abfährt“, ist damit ja auch nix gewonnen. Im Gegenteil, das könnte mich ja noch zu regelmäßigem Aloholkonsum ermutigen.

Okay, zugegeben, Feiern geh ich nicht. Mal abgesehen von Geburtstags- oder Einzugsfeiern. Aber gerade ersteres findet ebenso wie Silvester doch oft als Spielerunde statt. Somit entgehen mir schon einmal viele potenziell alkoholgeschwängerte Situationen.

Bei zwei Freunden kenn ich von zu seltenen Gelegenheiten den weiteren Freundeskreis, um deren Aloholkonsum einschätzen zu können. Bei Spieletreffs bei einem befreundeten Paar gibts Wasser und Tee. Da bin ich ja mit meinem Limonadenvorrat zuhause schlimmer drauf 😉 Auch wenn andere Freunde von denen mit dabei waren. Bis auf ich mit meinen Limos hatte sonst niemand mal eigene Getränke mitgebracht.

Auf der anderen Seite hat das aber natürlich Vorteile. Denn das hier Erwähnte bleibt mir in meinen Kreisen erspart:

Schwierig auch: Zu bestimmten Anlässen wird einfach erwartet, dass man trinkt. Zu Hochzeiten zum Beispiel. Wer die Feier über nur Cola trinkt, wird ständig gefragt: warum?

Aufgrund dieser Ferne kann ich mir die Situation auch schwer vorstellen, aber ich kann mir denken, wie schwer es auch mir fallen würde, Entscheidungen über mein Handeln oder Nichthandeln zu fällen, andere auf die (zumindest vermuetet) Gefährlichkeit ihrer Situation hinzuweisen 😕 Ich wünsche dir ein kluges Köpfchen und viel Kraft in diesen Situationen, sollten sie wiederkehren.

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