Von der Wahl der Qual…

Wie begegne ich eigentlich jemandem in einer Welt, in der sich die Fronten immer radikaler verhärten, die Meinungen auseinandergehen und jeder meint, dass seine Sicht die einzig richtige ist? Was ist denn überhaupt richtig in einem Land, das sich scheinbar immer extremer teilt? In gut und böse? In grünlinks versiffte Gutmenschen und Rechtspopulisten? In AFD und eben den ganzen Rest? In Flüchtlinge und Deutsche?

Was ist das für eine Welt,…
…in der so viele denken „ihre Seite“ mit allen Mitteln verteidigen zu müssen und meinen, sie müssten damit andere mitreißen, sie aufklären und ihnen den „richtigen Weg“ und das „wahre Übel“  aufzeigen?
…in der man bloß nicht Nazi genannt werden will, obwohl man genau das tut, was ein Nazi (zumindest laut heutiger Definition → AFD unterstützen) tut?
…in der Unsicherheit zu Angst wurde und diese zu Unzufriedenheit und dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, sich wehren und sein Land verteidigen zu müssen? Warum sind wir so damit beschäftigt uns tragisch missverstanden, verarscht und angegriffen zu fühlen anstatt unsere Wahrnehmungen zu ergänzen und einen gemeinsamen Weg zu finden?

Warum gibt es keine Mitte, wo sind all die Farben hin, die Schattierungen und Verläufe? Warum gibt es nur noch entweder oder, schwarz oder weiß, pro oder kontra, rechts- oder linksradikal?
Warum begegnen wir uns so oft entweder mit Populismus oder mit Schweigen?
Warum sind diese Diskussionen so unglaublich anstrengend, dass zumindest ich lieber davor fliehe und dem ganzen eher aus dem Weg gehe? Warum tut mir diese Sprachlosigkeit dazu so unglaublich weh? Warum kann ich nicht zu meinem Gefühl und meiner Meinung stehen aus Angst sie eben nicht so leicht verteidigen und somit dem ganzen Gespräch nicht stand halten zu können? Warum kann ich einfach all das in mir nicht so gut formulieren? Warum werde ich immer so unsicher, wenn ich mich rechtfertigen muss?

Vielleicht weil ich es nicht will!

Ich will einfach niemanden von meiner Wahrnehmung überzeugen oder sie irgendwie verteidigen müssen! Nein… eigentlich will ich in Harmonie leben! Mit Liebe und dem, was ich für gesunden Menschenverstand halte. Und ich will mich weder klein, schlecht und unterlegen fühlen, wenn AFD-Wähler ihre Meinung kundtun noch Angst und Verachtung für sie empfinden (auch wenn ich ihre Methoden in keinster Weise gutheiße). Aber sich gegenseitig so aufzuhetzen kann einfach nicht der richtige Weg sein…
Und ja, ich gebe zu, am liebsten würde ich wie eine naive Träumerin, wie eine Märchenfigur mit Liebe und Vertrauen die Welt retten. Und obwohl ich weiß, dass mein Wunsch nach Harmonie utopisch ist, kehre ich immer wieder dahin zurück, selbst wenn hier so viel Kaltes und Negatives kursiert, dass man eigentlich nicht mehr daran glauben kann, dass sich das alles noch zum Guten wendet.

Positiv zu bleiben trotz allem ist natürlich eine Herausforderung. Die noch größere Herausforderung ist momentan jedoch damit umzugehen, dass einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben die AFD wählt, sie durch das Teilen von Beiträgen immer wieder unterstützt und das wirklich ernst meint.
Ich habe lange darüber hinweggesehen und das Thema gemieden. Nun habe ich aber was gesagt und den Zwiespalt sichtbar gemacht:
Eigentlich lässt es meine Moral nicht zu, dass ich gehe und jemanden, den ich liebe, aufgrund seiner politischen Meinung im Stich lasse und mich abwende, obwohl ich für Toleranz bin. Aber gleichzeitig lässt sie es ebenso nicht zu, dass ich weiterhin jemanden, der die AFD wählt und ihr damit zu mehr Macht verhilft als besten Freund bezeichnen kann.

Was also tun?

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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12 Kommentare        

Gute Frage.

Wie verhältst du dich Muslimen gegenüber? Wie Mormonen? Wie verhältst du dich gegenüber jemanden, der eine andere Meinung als du hast?
Ab wann beginnt die Grenze wo man sie nicht mehr als Freund bezeichnen kann?

Ich probiere jetzt nicht, die AFD zu verteidigen, unsere Politik ist sowieso gerade ziemlich am Ende. Wir haben einen Innenminister, der 1984 als Handbuch ansieht. Wir haben eine Kanzlerin, die ihre eigene Partei nicht unter Kontrolle hat. Wir hatten einen rechtskräftig gewählten und vereidigten Ministerpräsidenten, der zurückgetreten ist, weil ihn eine Partei, die sehr weit rechts steht, gewählt hat.

Du kennst diese Person als Mensch, weißt wie Sie tickt. Es ist deine beste Freundin. Und wenn du jetzt an ihr zweifelst, dann muss man an deiner Menschenkenntnis zweifeln.

Eine Partei kann man nur von ihnen heraus ändern, der ganze Druck von außen sorgt nur dafür, dass die Partei immer radikaler wird. Das zieht dann noch mehr radikale an. Ein Teufelskreis. Mit dem Druck gibt man dieser Partei auch eine Bühne, auf der sie sich zeigen kann. Damit bleiben sie immer der Underdog, und Menschen mögen nunmal den Underdog.
Das Problem ist auch, dass die AFD sich bisher noch nicht beim Regieren beweisen musste. Die großen Partei müssen sich beweisen und versagen immer wieder, weil es auch nur Menschen sind.

Ok, ich glaub jetzt nicht, dass dir das weiter hilft, aber hör auf deinen Bauch, was der dir sagt.

Nun, das Ende vom Lied ist, dass wir erst mal nicht mehr zueinander finden werden. Er hat mir seither nur noch geschrieben, dass er mich von Facebook löschen wird (damit ich die AFD-Propaganda nicht mehr sehe…)
Wir kannten uns jetzt über 9 Jahre, haben viel zusammen erlebt, Verständnis für unsere Macken aufgebracht, waren füreinander da, haben gelacht, gezockt, Filme angesehen, gegessen, eingekauft, uns zur richtigen Zeit in Ruhe gelassen und waren dann wieder füreinander da… Wir hatten in der Anfangszeit auch mal ewig keinen Kontakt, weil so viel anderes im Leben war und dann hab ich mich irgendwann wieder gemeldet. Erst so über die letzten vier Jahre ist dann eine intensivere Freundschaft entstanden.
Es ist schade, dass es nun so auseinander gegangen ist… vielleicht finden wir ja eines Tages wieder zusammen, aber so schnell wird das nicht der Fall sein. Ich hoffe jedenfalls, dass er mich im Hinterkopf hat, wenn er die AFD wählt und irgendwann beginnt zu hinterfragen…

F

ok, traurige nachricht. man kann nur hoffen dass manche leute mal ihr hirn einschalten ….aber wie wir gesehen haben: wenn man von etwas überzeugt ist, ist es schwer davon abzulassen

Schokokäse

@ Journey:

Mist ☹️ Ich drücke die Daumen für eine nicht zu späte gute Erkenntnis seinerseits.

Ich verstehe dich so gut. Du hast Recht: das Schwarz-Weiß-Denken nimmt auch nach meiner Wahrnehmung zu. Dabei war es immer schon mein Schicksal, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Ich rede mit Person x über ein Thema und denke: Was der sagt ist cool. Dann rede ich mit y über dasselbe Thema und denke: Ja, auch richtig. Obwohl beide völlig entgegengesetzte Meinungen vertreten. Seit ich denken kann fällt es mir schwer, mich fest auf eine Seite zu schlagen. Und weißt Du auch warum: Vielleicht weil ich es nicht will! :-)

Ich sehe die Wahrheit so oft in der Mitte. Ich bin davon überzeugt, dass die Welt einfach viel zu kompliziert ist, als dass mein beschränktes Denken sich für Richtig oder Falsch entscheiden könnte. Daher lasse ich es einfach. Ich lasse alle Meinungen stehen, weil fast immer etwas dran ist. So bin ich z.B. nicht gläubig, aber auch kein Atheist. Auf welcher Grundlage sollte ich mich entscheiden?

Tja, und so eine Person, wie Du sie beschreibst, habe ich auch in der Familie und zwei weitere im Freundeskreis. Und wie Du weiß ich nicht damit umzugehen. Bei Facebook ignoriere ich sie, damit ich nicht vor Wut platze. So habe ich dann genug Gelassenheit, wenn ich ihnen persönlich begegne. Und dabei sparen wir die strittigen Themen meist aus. Ist scheiße, aber so können wir miteinander leben und uns weiterhin achten.

Obwohl es mir echt immer schwerer fällt :-(
Hm. Aber warum. Etwa, weil ich in manchen Dingen doch fest entschieden bin? Seltsam …

Ja, das gelegentliche Gefühl zwischen den Stühlen kenne ich auch zu gut. Aber ich will es auch nicht anders. : ) Ich sehe es nämlich als einen großen Vorteil! Ich bin davon überzeugt, dass uns das gelassener macht. Denn dadurch, dass wir auch die andere Seite verstehen wollen, können wir viel besser Verständnis aufbringen bzw. geraten auch weniger in Streitsituationen.

Und ich bin auch nicht gläubig, aber ebenso kein Atheist… Eher eine Art Agnostiker mit einem (mittlerweile) sehr intensiven Glauben an sich selbst und das Gute in den Menschen.

Doch der Glaube wurde leider sehr auf die Probe gestellt durch das mit der AFD. Und letzten Endes muss ich hier zugeben, dass ich in diesem Punkt nichts mehr tun kann. Es belastet mich einfach zu sehr…
In der Familie AFD-Wähler zu haben klingt aber auch nicht sehr einfach, wenn man anders tickt*. Da dann das Verständnis aufzubringen ist wohl trotz unserer umgänglichen Art unglaublich schwer. Ich habe daher auch lange übersehen, was mich gestört hat und bin jetzt an der Grenze angelangt, wo nicht mehr will.
Mich hat das aber nie wütend gemacht, eher unendlich traurig. Aber beides liegt ja bekanntlich sehr Nahe beieinander und beidem liegt wohl ein Gefühl der „Machtlosigkeit“ inne…

*Und ja, eine Tendenz hat man wohl immer zu einer Entscheidung! Aber ist das schlimm? Ich glaube nicht, solange wir da nicht festgefahren sind und versuchen andere davon zu überzeugen… : )

Dir auch weiterhin viel Kraft in deinem Harmoniestreben, pass auf dich auf und bleib gesund!

Zuerst einmal meinen respekt für diesen Schritt. Ich weiß nicht, ob ich den in der Situation hätte gehen können.

Zugegeben, ich bin nicht gerade neutral, aber was sich eindeutig sagen lässt: Es ist erschreckend, wie sehr das allgemeine Sprach- und Meinungsspektrum in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren nach rechts gerückt ist. Abgesehen von Studien, die dies beweisen, zeigt sich dies auch daran, dass Rechte eine*n gleich als links oder gar linksradikal bzw. linksextrem ansehen, wenn mensch sich als Antifaschist bezeichnet. Antifaschistisch ist eigentlich eine der Werte schlechthin in einer demokratischen Mitte. Rechte vermischen aber gerne Antifaschisten und „die“ Antifa. Wobei dies auch nur eine offene Gruppierung ist, der sich jede*r zuzählen kann, ohne sich z.B. mit einem offiziellen Mitgliedsantrag bestimmtem Verhalten und konkreten Werten zu verpflichten.

Ja, miteinander reden ist wichtig. Aber nicht immer richtig. Richtig und wichtig ist das bei den Skeptikern, die unzufrieden sind und mit populistischen Sprüchen einfach zu holen sind, ohne aber restlos überzeugt zu sein. Und die teilweise auch heutzutage denken, die Alternativen Faschisten Deutschlands immer noch „nur aus Protest“ zu können.

Die überzeugten Faschisten bekommt man aber in den seltensten Fällen aus ihrer Welt der falschen Fakten wieder raus. Die Zeit ist in Reden mit den zuvor genannten „Wackelkandidaten“ wesentlich sinnvoller genutzt. Denn nur weil in den derzeit praktizierten Demokratien vieles falsch läuft, heißt das nicht, dass das System – insbesondere auf Kosten von Randgruppen durch Hetzte und Diskriminierung – komplett umgekrempelt werden muss.

Toleranz endet bei mir bei Intoleranz. Klar, das konsequent umzusetzen, ist nicht immer der einfachste Weg.

Deinen Wunsch kann ich als harmoniebedürftiger Mensch auch nur allzu gut nachvollziehen. Lasst uns die Hoffnung nicht verlieren!
https://invidio.us/watch?v=xY9_rA2RSsE

Ich finde die Differenzierung mittlerweile auch mehr als vergiftet. Kommt es mir nur so vor oder ist das erst so krass, seitdem es die AFD gibt?

Und ich gebe dir recht, dass mit überzeugten Faschisten nicht mehr zu reden ist. Aber selbst mit den Wackelkanditaten (zu denen ich eigentlich meinen ehemals besten Freund gezählt habe) ist es für mich unglaublich schwierig und kraftaufreibend nur daran zu denken…

Und mein Kommentar kommt zwar etwas spät, aber zu dieser Zeit habe ich sehr oft diesen Track auf soundcloud angehört. Pure Gänsehaut!
https://soundcloud.com/floskel/rede-an-die-menschheit

Schokokäse

@ Journey:

Zumindest hat die AfD einen großen Schritt dazu beigetragen.

Danke für den Track, eine schöne Version, hab ich mir gleich mal als MP3 gesichert.

Interessantes Buch, das im Artikel vorgestellt wird! Steht jetzt mal auf meiner Liste. Wobei das traurige ist ja, dass die AfD sich nicht belehren lässt, was ihren Sprachgebrauch angeht…das Auseinandernehmen und der Versuch mit ihnen irgendwie zu kommunizieren scheint mir oft vergebene Liebesmühe zu sein…

Schokokäse

@ Journey:

„Im Artikel“ klingt nach Singular. Es handelt sich um verschiedene Links, falls das nicht aufgefallen sein sollte 😉 Dabei bezehen sich die beiden ersten Links auf Heinrich Deterings „Was heißt hier ‚wir‘? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten“. Und im dritten Link wird zumindest unter anderem auch darauf Bezug genommen.

Haha, aber echt. Du verwirrst mich doch mit Absicht! : D Es sieht nämlich aus wie ein Link. Ich habe mich demnach auf den mittleren bezogen.

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