Beziehungsgedanken again

Seit etlichen Jahren frage ich mich, was ich eigentlich für ein Beziehungstyp bin. Mit dem Gedanken an eine „normale Beziehung“ konnte ich mich aber ehrlich gesagt noch nie so wirklich anfreunden. Dennoch habe ich es immer wieder versucht und beim Scheitern neues über mich erfahren. Dann habe ich versucht, es eben beim nächsten Mal anders und besser zu machen. Nach und nach ist mir dadurch bewusst geworden, was ich eigentlich für mein Wohlbefinden brauche und was mich regelrecht depressiv macht.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, ein sehr freiheitsliebender Mensch zu sein. Das hat sich in den letzten Jahren einfach immer und immer wieder bestätigt. Allerdings beziehe ich das nicht auf die Bindung an sich oder die Sexualität. Über Polyamorie, offene Beziehungen und freie Liebe habe ich mir jedoch auch Gedanken gemacht (besonders nach einem sehr interessanten, lustigen und absolut spontanen Date, das ich vor ein paar Tagen hatte). Doch das ist eigentlich nicht der Bereich, wo ich mich aktuell sehe, da mir ja meist schon ein Partner auf Dauer zu viel ist.

Meine Freiheitsliebe beziehe ich eher auf etwas anders.
Ich verreise zum Beispiel sehr gerne ganz alleine oder eben zu Freunden. Oder ich fahre ganz ohne Ziel Zug, um zu schreiben oder zur Ruhe zu kommen. Mich entspannt das richtig und ich fühle mich bei solchen Journeys einfach wohl.
Es macht mich jedoch unglücklich, wenn ich spüre, dass das für einen anderen Menschen eigentlich nicht okay ist, er mich vermisst und Sehnsucht hat. Damit komme ich wirklich überhaupt nicht zurecht. Mich plagt dann das schlechte Gewissen, weil ich eben nicht so bin, dass ich so krass jemanden vermisse. Und ich will natürlich kein Arschloch sein und niemandem wehtun…
Im Umkehrschluss kann ich also nichts von dem, was mich eigentlich erfüllt, genießen. Wie könnte ich das auch tun in dem Wissen, dass ich jemanden mit Verlustängsten im Stich gelassen habe? Ebenso kann ich nicht die Erlebnisse hinterher mit dieser Person teilen, weil es wohl taktlos und verletzend ist von etwas zu schwärmen, was ich alleine und ohne die Person erlebt habe.
Ich habe andererseits aber auch nicht die Kraft meinem Gegenüber die Chance einzuräumen zu lernen damit umzugehen, unabhängig davon ob er seine Sehnsucht nun ausspricht oder nicht. Ich spüre manchmal nämlich, wenn er etwas sagt, was er aber nicht so meint. Damit meine ich z.B., dass ich schon oft gefühlt habe, dass etwas eigentlich nicht okay ist, auch wenn mein Partner mir das Gegenteil versichert hat. Da ich aber andererseits versuche davon auszugehen, dass andere mir sagen, wenn ihnen etwas nicht passt, befinde ich mich in einem zusätzlichen Zwiespalt…

Neben dieser einen Eigenart bin ich außerdem kein Mensch, der sein Glück an einem Partner festmachen will. Die Zweisamkeit mit jemandem gehört gewiss zu einem schönen Leben, aber mein Bedarf danach ist wohl im Vergleich zu anderen Menschen sehr gering (vor allem, weil ich mittlerweile gemerkt habe, dass ich anderen nicht so recht in ihrem Nähebedürfnis nachkommen kann, will ich das gar nicht mehr so wirklich und bleibe lieber alleine und für mich). Ich habe wohl früh lernen müssen, mit mir selbst auszukommen und bin aber auch relativ froh das zu können und sowohl finanziell als auch emotional von niemandem abhängig zu sein oder mich abhängig machen zu müssen. Ich habe so nur ganz selten das Gefühl, dass mir was fehlt.
Das bedeutet aber nicht, dass ich emotional abgestumpft bin und gar keine Bindungen eingehen kann. Ich habe neben meiner Steppenwolfmentalität ja auch sehr enge und intensive Bindungen aufgebaut, die auch immer stärker werden. Außerdem denke ich, dass ich an sich auch erheblich offener Fremden gegenüber bin als andere. Somit beschränkt sich meine Sozialkompetenz nicht nur auf einen ausgewählten Personenkreis.

Zusätzlich zu all dem bin ich noch jemand, der gerne viel arbeitet, für sich kocht, Ordnung hält und sich organisiert, schreibt, weggeht,…und da auch viel Energie reinsteckt. Leider ist somit auch nur sehr schwer Platz für jemanden, der mehr als max. 20% meines Lebens ausmachen will und das aber auch braucht.
Ich habe festgestellt, dass das aber ein Bedürfnis ist, welches ein Großteil der Menschen hat. Oder zumindest die, denen ich so begegne. Denn irgendwie habe ich nämlich immer das Glück an Männer zu geraten, die mich als bessere Hälfte und „die Eine“ sehen wollen. Aber ich kann nun mal aus 20% keine 50% machen ohne mich einzuschränken oder mein Wesen zu verändern, was auf Dauer ja auch keine Lösung ist. Bisher habe ich versucht zumindest in die wenigen max. 20% alles aus Liebe reinzustecken, doch das war auch nicht der richtige Weg, weil ich es einfach nicht durchhalten und dem damit verbundenen Druck (etwas gerecht werden zu müssen und es zugleich aber nie zu können) standhalten kann.

Vielleicht klingt das nun alles so, als wäre ich einfach zu egoistisch oder zu faul/asozial um Kompromisse einzugehen und darum beziehungsunfähig. Aber ich habe es ja versucht, bin Kompromisse eingegangen, habe mir sehr viele Gedanken gemacht um meine Partner, mich und mein Verhalten immer wieder erklärt und mit Ehrlichkeit versucht die Ängste zu mildern und Vertrauen zu schaffen (weil ich halt kein so wahnsinnig emotionaler Mensch bin bzw. das nicht so gut zeigen kann wie andere Frauen).
Doch die einzig sinnvolle Vorgehensweise sieht für mich derzeit folgendermaßen aus:
Ich gehe wirklich wie schon vor Monaten beschlossen gar keine „normalen Beziehungen“ mehr ein (diesmal aber mit erheblich mehr Überzeugung und dem Wissen über mich, das ich in letzter Zeit seit dem Ende mit „D., dem Großen“ hinzugewonnen habe). Ich will jedoch weiterhin offen bleiben, aber mit mehr Nachdruck von Anfang an klar stellen, dass ich nichts typisch Klassisches und Festes will und keine Frau für immer bin. Die Kunst ist nun eben zu erkennen, wer mit dieser Ansicht zurechtkommen könnte und wer nicht. Dazu muss ich in dem Punkt auch ehrlicher zu mir selbst sein und mir meiner Wirkung bewusster werden und mich nicht im Überschwang meiner plötzlich auftretenden Gefühle anders besinnen. Aber ich denke, das schaffe ich schon.
Und wer weiß, vielleicht begegnen mir ja mehr Menschen, die so sind wie ich und/oder auch nicht in „normalen Beziehungen“ zurechtkommen bzw. für sich beschlossen haben, dass sie das gar nicht wollen, weil ihr Bedürfnis ein anderes ist.
Ich weiß nicht, ob ich ein Problem damit hätte eine von vielen zu sein, aber es gibt so vieles, was ich jetzt noch über mich lernen und herausfinden will. Es fühlt sich gerade an, als hätte mir das Date vor ein paar Tagen eine Synapse geöffnet und ohne groß in eine andere Welt einzutauchen etwas komplett Neues offenbart. Zumindest habe ich nun etwas mehr Hoffnung und fühle mich mit diesen Gedanken weitaus lockerer und entspannter.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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5 Kommentare        

wow

Wow?
Ist das jetzt Spam oder ernst gemeint?

kein spam, nur eine erste reaktion 😀
und die aussage, dass ich diesen blog mal verfolgen muss 😀

Das freut mich natürlich….unbekannterweise. : D

Yeah, wieder jemanden den Tag ein bisschen erhellt 😀

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