Kurzgeschichte: Therapiestunde

„Na, wie geht es Ihnen denn heute?“, fragt mich mein Therapeut Dr. Merd. Als wüsste er das nicht. Als würde man mir nicht ansehen, dass ich maximal angepisst bin. Aber er ist natürlich wie immer unverschämt gut gelaunt; besser als ich jedenfalls und das reicht mir. Normalerweise mag ich ja seine gemütliche, etwas väterliche Art. Normalerweise fühle ich mich von diesem Ende-50-Jährigen, und bereits grau gewordenen Typen gut behandelt und verstanden. Heute nicht. Heute nervt er mich einfach nur. Und noch mehr nervt es mich, dass er sich wie immer irgendwas auf seinem scheiß Klemmbrett notiert und mich nicht mal ansieht. Macht der das eigentlich schon immer so? Fällt mir das etwa erst jetzt auf?
Was jedenfalls definitiv wie immer ist, ist das Setting: Wie in jeder Therapiestunde sitzen wir uns gegenüber; er auf seinem Sessel, ich auf dem Patientensessel. Zwischen uns nichts als der leere Raum, den ich heute aber nicht füllen will. Nee, echt kein Bock.
Ich antworte ihm also nicht und erst jetzt sieht er auf und direkt in meine Augen. Ich zucke nur mit den Schultern, wippe etwas mit dem Fuß und blicke aus dem Fenster. Von draußen knallt die Sonne voll rein und ein blauer Himmel verspricht wieder einmal einen wunderschönen Tag. Ich denke mir nur…: Scheiß Tag. Scheiß Sommer. Scheiß glückliche Menschen da draußen. Scheiß Psychokacke. Scheiß Leben. Scheiß…
„Herr Sirius?“, hakt mein Therapeut noch mal nach. Ich sehe ihn immer noch nicht an, aber er klingt unsicher. Fuck. Sollte er nicht sein.
„SCHEISSE GEHT ES MIR!“, platzt es aus mir heraus. Er zuckt nicht zusammen, auch wenn er mich so gewiss nicht kennt. Auch wenn ich in der Regel ruhig bin, nett, freundlich, beherrscht… nicht so aggro. Nicht impulsiv. Nicht so…
Es ertönt ein Klack-Geräusch und ich linse kurz zu ihm rüber. Er hat einfach nur sein Klemmbrett auf den Tisch neben sich gelegt und ist aufgestanden. Ich sehe lieber wieder aus dem Fenster. Vielleicht ist damit die Sitzung ja endlich beendet? Wäre gut. Bin heute echt nicht in Stimmung. Vielleicht hat er mich aber auch endgültig aufgegeben und… Wumms. Mit einem Mal landet etwas mit voller Wucht auf meinem Schoß und ich zucke zusammen, blicke hinab. Es ist der orange Knetball, mit dem mein Therapeut immer auf dem Sessel sitzt. Fuck, was soll das denn jetzt? Irritiert blicke ich Dr. Merd an, wie er da steht und mir mit einer Geste signalisiert, dass ich zurückwerfen soll. Seine Haltung erinnert mich an einen typischen Actionfilm, in welchem die Kämpfer den Gegnern signalisieren, dass sie es ruhig versuchen können. Am Ende liegen sie ja doch mit einem Judo-Griff auf dem Boden.
Ich frage mich zwar immer noch, was denn jetzt der Scheiß soll, werfe den Ball aber zurück. Inwiefern das nun einen therapeutischen Wert hat, weiß ich nicht. Er fängt, wirft zurück. Ich fange, werfe wieder. Mit der Zeit werden seine Würfe immer härter, meine ebenfalls. Auch die Geschwindigkeit nimmt zu. Und ja… irgendwie tut das gut. Nach einem harten und schnellen Wechsel bin ich dann irgendwann doch zu langsam. Der Ball trifft mich mit voller Wucht am Kopf und fällt zu Boden. Ich spüre wieder einen kleinen wütenden Stich. War das etwa Absicht? Mittlerweile bin ich auch von meinem Sessel aufgestanden, hab das nicht mal mitbekommen. Als ich den Ball aufhebe, beschließe ich, Dr. Merd ebenfalls so abzuwerfen. Doch der alte Sack fängt, grinst wissend und wirft hart zurück. Meine Rache läuft ins Leere, was mir wieder ordentlich gegen den Strich geht. Also hole ich aus, sehe, wie er sich auf den Fang vorbereitet, täusche aber nur an und werfe den Ball volle Kanne auf seinen Schreibtisch im Eck. Sein Becher mit den Stiften kippt um und sein Klemmbrett schlittert bis zur Wand. Ansonsten passiert allerdings nichts. Vermutlich hat er bewusst nichts im Raum, was kaputtgehen könnte. Irgendwie unbefriedigend.
Kurz herrscht Stille. Herausfordernd blicke ich meinem Therapeuten in die Augen. Er jedoch wirft mir nur einen etwas vorwurfsvollen Blick zu, hebt den Ball auf und wir machen weiter mit unserem ‚Spiel‘. Währenddessen verlieren wir keine Worte, bis er irgendwann den Ball festhält und fragt: „Und, warum geht es Ihnen so unglaublich scheiße?“ Danach wirft er nicht mehr zurück. Ich warte und warte, doch es kommt nichts. Sinnlos stehe ich also da rum, mitten in seinem scheiß Zimmer, und tipple von einem Fuß auf den anderen, bis auch das nachlässt. Die Unruhe in mir brodelt allerdings weiter. Kurz bevor mir die Hutschnur endgültig reißt, wirft mit Dr. Merd ganz vorsichtig wieder den Ball zu. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, fange ihn aber trotzdem gerade noch so. Dann blicke ich den Ball an und merke, wie plötzlich meine Augen feucht werden. „Ich… ich weiß nicht…“, antworte ich. Ich werfe zurück, ebenfalls um einiges lascher als zuvor. Die Wut ist in diesen paar Sekunden schlagartig einer tiefen Trauer gewichen; dem unbeschreiblich beschissenen Gefühl dahinter…
Dr. Merd nickt. Wir werfen uns weiter den Ball zu, nach wie vor um einiges vorsichtiger als zuvor. Irgendwie bewusster.
„Was ist denn passiert?“, fragt er weiter, wirft und ich fange.
Ja, was war denn? „Ich hab‘ jemanden um was gebeten und er hat’s nicht gemacht…“
Ich werfe, wieder härter.
Er ist dennoch vorbereitet und fängt, nickt erneut. „Was war es denn?“ Auch diesmal behält er den Ball bei sich, knetet ihn sogar in seinen Händen, macht aber keinerlei Anstalten, ihn zurückzuwerfen. Boah, macht mich das wieder wütend! Ich will weiter werfen, härter werfen, jemanden so richtig abknallen, am besten ihn! Aber ich kann nicht. Und der Depp steht einfach nur da und wartet, bis ich antworte. Als wüsste er genau, dass ich die Antwort weiß. Idiot. Arsch!
Gefühlte Minuten vergehen, auch wenn es vermutlich nur Sekunden sind, in denen wir uns starr in die Augen blicken. Er hält stand, ich ebenso. Irgendwann gebe ich dann doch nach, blicke auf meine Schuhspitzen, schiebe ein Staubwölkchen über den Boden. Fuck, ich weiß ja schon, was war…
„Ach scheiße, es ging um einen Song von mir. Den hab ich jemandem geschickt, dessen Meinung mir was bedeutet und er meinte, er würde ihn sich anhören und mir Feedback geben. Hat er auch, aber ich hab noch kein Feedback, obwohl er’s versprochen hat. Alles andere ist wichtiger. Und ich…“
„…bin enttäuscht?“, ergänzt Dr. Merd und wirft mir endlich den Ball wieder zu und ich fange. Aber irgendwie ist mir die Lust vergangen. Fuck, der Idiot hat recht. Nee… kein Idiot. Er hat einfach nur recht. Ich blicke den Ball an, fühle für einen Moment die Enttäuschung, die sich in Wut wandelt und diesmal werfe auch ich nicht zurück. Diesmal werfe ich den Ball mit voller Wucht auf den Boden. Nichts passiert. Er springt nicht mal einen Zentimeter hoch, bleibt einfach nur liegen, lasch und platt. Fürs Springen ist der ja auch nicht gedacht. „JA!“, platzt es aus mir heraus, „JA, JA, JA!“
Stille. Meine Wut verpufft schlagartig wie der Elan des Balls, obwohl ich so viel Energie in ihn gesteckt habe.
„Verdammte scheiße…“ ergänze ich, um einiges kleinlauter, stiller
Wir setzen uns wieder. Die Therapiestunde beginnt..

 

Hier klicken für eine „kurze Erklärung“ dieser Kurzgeschichte:

Vielleicht trifft die Kurzgeschichte nicht ganz den Kern von mir selbst, aber mir hat sie jedenfalls geholfen, einen Einstieg zu finden für mein aktuelles Problem… mit dem es mir auch irgendwie scheiße geht, wenn ich ehrlich bin.
Aktuell bin ich etwas enttäuscht von meinen beiden „Lektoren“ für mein Buch, weil sie sich nicht wirklich Mühe zu geben scheinen mit dem Feedback, das mir aber extrem wichtig ist, um weiterzukommen. Und weil ich die Meinung der beiden sehr schätze und das Buch auch ein „Baby“ von mir ist, tut das doch etwas arg weh. Weil es so scheint, als wäre ihnen das nicht bewusst oder egal. Vielleicht habe ich aber auch nicht so richtig kommuniziert, wie extrem wichtig mir das ist? Allerdings traue ich mich aber auch nicht nachzuhaken, weil der eine ziemliche Probleme mit dem Leben hat und der andere damit vielleicht gerade etwas überfordert ist und sich daher auf seine eigenen Projekte zu konzentrieren scheint. Ich verstehe das rational ja auch, kenne die beiden ja auch gut genug,… und dennoch: Emotional macht es etwas mit mir. Ich weiß, dass beide durchaus die Zeit hätten, sich damit auseinanderzusetzen… Bin ich demnach also einfach nicht wichtig genug? Oder nehme ich mich vielleicht auch zu wichtig, bin zu fordernd, zu ungeduldig?
Ich möchte nicht nerven, nicht nachfragen, nicht bohren. Aber ich würde gerade gerne den Ball werfen, mit voller Wucht. Zum Glück bin ich aber nicht so aggro wie der Protagonist in meiner Kurzgeschichte und empfinde die beiden als Idioten. Ich denke eher: Ich Idiot, warum frage ich überhaupt? Warum bitte ich andere um etwas und lasse es nicht einfach? Das ist schon mal schiefgegangen und hinterlässt ein komisches Gefühl… Warum also lasse ich es nicht einfach und mache das nicht selbst? Warum verlasse ich mich auf andere und lese nicht selbst alles noch drei-, vier- oder auch zehnmal? Warum bezahle ich keinen Profi dafür, um andere Menschen da rauszunehmen und somit die Harmonie zu bewahren? (Keine Bitte – keine Erwartung – keine Enttäuschung – Harmonie) Tja, ich vermute mal, weil ich mir Feedback von bestimmten Personen wünsche, die mich eben kennen. Die das nicht für den Buchmarkt bewerten, sondern in Bezug auf mich als Person und ob das, was ich geschrieben habe, auch verstanden wird.
Und ich bin nun mal extrem unsicher. So unsicher, dass ich auch mein erstes Buch nicht weiter bewerbe. So unsicher, dass ich es nicht schaffe, es mehr in den Fokus zu rücken. Das wird auch beim zweiten nicht anders sein… und dabei stehe ich hinter dem, was ich schreibe. Dabei finde ich mich nicht so scheiße. Ein literarisches Genie bin ich nicht, werde ich auch nicht sein, aber so scheiße bin ich auch nicht… aaaaaaber…
…ich brauche eigentlich Feedback… oder: Etwas Sicherheit.
Und eigentlich wollte ich das Buch ja diesen bzw. nächsten Monat veröffentlichen. Eigentlich muss ich noch so vieles klären… Cover, Titel, Klappentext… und falls ich noch arg viel ändern müsste, bräuchte ich natürlich auch dafür Zeit. Eigentlich würde ich mir da mehr Austausch wünschen. Eigentlich bräuchte ich echt Hilfe einer mir vertrauten Person an meiner Seite… aber unterm Strich stehe ich damit alleine da, weil mir da niemand helfen mag oder so helfen kann, wie ich es eigentlich bräuchte.
Und die trotzige kleine Lui in mir schwankt gerade zwischen: „Dann scheiß’ ich auf Feedback und alle anderen und zieh‘ das auch alleine durch…!“ und „Dann gibt es halt kein Buch.“
Und wie ich – die eigentlich vernünftige, erwachsene Lui – damit umgehen soll…? Puh… keine Ahnung…

Edit (1111 Uhr): Das alles klingt schon etwas arg dramatisch, aber mir geht es nach dem Schreiben der Kurzgeschichte und dem Verfassen des Textes dazu schon mal um einiges besser. Ja, es löst nicht mein Problem, lässt es mich aber wieder etwas lockerer sehen, sodass ich demnächst vielleicht auch in der Lage bin, doch mal zu nerven nachzubohren und zu kommunizieren, wie wichtig es mir ist, Feedback zu bekommen.

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

Autor: Journey

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