Das Zughotel

Verträumt sehe von meinem Buch nach oben. Ohne es zu merken sind die letzten Stunden nur so dahin gerast. Mittlerweile liegt die Wintersonne so tief, dass sie das gesamte Zugabteil in gleißend warmes Licht taucht. Der Blick aus dem Fenster verrät mir, dass es wohl nicht mehr lange dauern wird, ehe sie sich langsam dem Ende des Horizonts neigt und untergeht. Während sie dies tut, ziehen die leeren Felder und kahlen Bäume an mir vorbei, die für mich alles andere als trostlos erscheinen. Vielmehr stehen sie für einen Neuanfang – wie diese Reise.
Mein Herz beginnt vor Aufregung etwas schneller zu schlagen angesichts der kommenden ersten Nacht in diesem Zug, die mir jedoch kein Unbehagen bereitet; im Gegenteil: Ich freue mich unglaublich darauf!

Nach so langer Zeit, nach all dem rastlosen Suchen, füllt sich auch in meinem Inneren alles mit einer unbeschreiblichen Wärme. Es fühlt sich an wie die sanfte geborgene Umarmung einer geliebten Person, die einen seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und einen nun willkommen heißt. Endlich fühle ich mich wieder wohl. Endlich fühle ich mich von allem und vor allem von mir selbst angenommen. Endlich bin ich angekommen, im Hier und Jetzt.
Das mag vielleicht etwas paradox klingen, da das ja erst der Beginn meiner Reise ist und der Anfang jener langen Zugfahrt, die nun eine Woche ununterbrochen andauern wird. Am Ende werde ich dann wieder an dem Ort sein, an dem meine Reise begonnen hat. Wer würde da auch schon von „ankommen“ sprechen? Gefragt sind diese Zug-Hotel-Tickets eher selten. Die Menschen wollen ihr Ziel erreichen, möglichst schnell und möglichst unkompliziert. Kein Mensch wird sich einfach so ein Zugticket kaufen, nur um Zug zu fahren und wieder da anzukommen, wo er losgefahren ist. Zumindest nicht, wenn die Natur wie hier eigentlich nicht viel hergibt.
Nun, ich bin da anders… und ich weiß, dass es wohl einen Unterschied machen wird und dass ich nicht in dem Zustand ankommen werde, in dem ich losgefahren bin. Ich spüre einfach, dass diese Reise etwas mit mir machen und mich prägen wird. Dass sie mein Denken verändern wird. Dass sie genau das ist, was ich brauche, um mich wiederzufinden.

Ich stelle mir dabei vor, wie das Schicksal mir tagsüber diverse Menschen ins Abteil trägt. Mit einigen werde ich mich unterhalten und gut verstehen, einige werden mich nerven. Andere wiederum werden mir ihre Lebensgeschichte erzählen, die mir vielleicht so nahe geht, dass wir uns anschließend weinend und tröstend im Schutz meines Abteils in den Armen liegen. Aber am Ende werden sie mich alle wieder verlassen, sobald sie örtlich angekommen sind. Am Ende werde ich wieder alleine sein, mich aber nicht einsam fühlen, sondern dankbar für diese Begegnung. Denn auch wenn sie mich verlassen, um ihre Wege zu gehen, während ich immerzu im selben Abteil verbleiben werde: Ich werde dennoch weiterkommen, weiterreisen. Weil das meine Bestimmung ist.

[kurze Ergänzung zu dieser kleinen (ausgedachten) Geschichte: Leider gibt es nicht so wirklich ein „Zughotel“. Aber gäbe es eins, so würde ich diese Reise gerade liebend gerne antreten… Zugfahren war schon immer meine Inspiration und eine kraftspendende Quelle. Warum dann nicht gleich sitzen bleiben und gar nicht mehr aussteigen?]

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten, Allgemein

Autor: Journey

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