Gedankenimpulse: Gesellschaft & Grundeinkommen

Ich denke. Und denke. Und denke… Und dabei drifte ich ab. Verliere mich. Komme mit dem Erfassen des Wahnsinns um mich herum eigentlich gar nicht mehr nach…
Okay, vielleicht muss ich das Ganze auch mal unterbrechen? Eine Pause machen? Abstand nehmen, um wieder einen klareren Kopf zu bekommen?

Während ich also versuche, mal etwas ganz anderes wahrzunehmen, blicke ich an die Decke und erkenne…: Einen (vermutlich toten) Weberknecht. Ein schwarzer Punkt auf einer weißen Fläche, auf der ich eigentlich meine Gedanken sortieren wollte…
Und diese Unstimmigkeit ist es nun, die mir schlagartig bewusst macht, wie ich das alles um mich herum gerade wahrnehme: Wie ein gigantisches Spinnennetz!

So erscheint mir jedenfalls die Welt, in der wir leben. Mit all ihren Zusammenhängen. So erscheint mir auch das „Gesellschaftssystem“, in dem wir irgendwie feststecken. Mit all seinen Facetten. Und alles hängt irgendwie zusammen, ist miteinander verbunden, ineinander verworren. Eines bedingt somit immerzu das andere. Und keinem ist so wirklich alles klar. Aber ich glaube, dass nicht nur ich spüre, wie nach und nach all das bisherige irgendwie ins Wanken gerät. Wie es zieht und zerrt und seine dünnen Fäden spannt und bis aufs Äußerste strapaziert… und wie es droht an einigen Stellen gar zu zerreißen.

Was wäre denn, wenn es vielleicht sogar eine potenzielle Lösung für so vieles geben könnte? Ich bin ja zum Glück nicht die einzige Person, die sich da Gedanken macht. Da waren bereits einige weitaus klügere Köpfe am Werk, die sich sogar seit mehreren Jahren Gedanken darüber machen, wie es wohl weitergehen könnte. Diese Stimmen werden zum Glück auch so langsam lauter, selbst wenn sie meiner Meinung nach immer noch viel zu leise sind und somit auch viel zu selten gehört werden…

Ich beschäftige mich ja nun schon eine Weile mit allen möglichen Themen und vor allem mit dem großen Thema Geld. Ich weiß noch nicht genau, woher meine doch sehr speziellen Ansichten darüber kommen, aber meine Einstellung dazu zieht sich eigentlich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich vermute das liegt unter anderem daran, dass ich als Kind im Vergleich zu den anderen Kindern enorm viel Taschengeld bekommen habe, was ich auch leichtsinnig ausgegeben habe. In dem Moment habe ich mir da so gar keine Gedanken darüber gemacht, aber nach und nach hat sich in mir etwas dagegen gesträubt, weil ich mir etwas anderes viel mehr gewünscht habe, was einfach nicht mit Geld auszugleichen ist. Ich habe mich später total gegen das Gefühl gewehrt, mich gut mit dieser finanziellen Sicherheit im Hintergrund zu fühlen. Das ging dann soweit, dass ich heute den Kapitalismus und die finanzielle Abhängigkeit von anderen zutiefst verachte, weil ich es als entwürdigend empfinde und es meiner Meinung nach dem Menschen die Freiheit raubt, sich zu entfalten.
Mir selbst geht es aus heutiger Sicht wirklich verdammt gut. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ca. 1300€ verdiene. Für manche ist das enorm viel, für die meisten in diesem Land eigentlich nichts. Für mich jedoch ist das purer Luxus. Und so bin ich heute eher so, dass ich auch gerne einfach so mal etwas davon an Menschen abgebe, die mir Nahe stehen, weil es ihnen gut und mir nicht weh tut.
Ich weiß noch, wie extrem groß mein schlechtes Gewissen damals war, als der Mindestlohn eingeführt worden ist und ich nach meiner Ausbildung von meinem 320-€-Azubi-Gehalt auf einmal zum dreifachen Wert kam. Einfach so. Nur für ein Stück Papier, obwohl ich exakt die gleiche Arbeit wie vorher gemacht habe! Heute bin ich dankbar, weil es mir ermöglicht hat, mich vollständig von meinen Eltern zu lösen und mein eigenes Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu gestalten.
Ich weiß diesen guten Start ins Leben, den ich durch mein Elternhaus hatte, zwar zu schätzen, fühle mich gleichzeitig aber auch mies damit, weil das nicht selbstverständlich ist. Ich mache mir auch sehr viele Gedanken darüber, wie andere Menschen mit ihren finanziellen Mitteln umgehen, wie sie leben und meist gerade so über die Runden kommen, weil sie durch Pech, Leichtsinn oder einen ehemals falschen Umgang mit Geld in eine blöde Situation gelangt sind.
Vielleicht mache ich mir gerade da auch oft zu viele Gedanken… denn ich merke immer wieder, wie extrem nah mir sowas geht. Und je mehr ich darüber lese, sehe, höre und zu verstehen glaube und das Leid der Menschen sehe, denen eine Absicherung gut tun würde, desto hilfloser fühle ich mich eigentlich, weil irgendwie so gar nichts geschieht und gleichzeitig an diesem Faden so viel anderes hängt…

Je mehr ich also selbst versuche diese Welt besser zu verstehen und Erklärungen zu finden für all das, von dem auch ich nicht einmal einen Bruchteil kenne, geschweige denn verstehen kann, desto mehr laufen all diese Fäden des Spinnennetzes für mich in genau einem Mittelpunkt zusammen: Das bedingungslose Grundeinkommen.
Und ich bin echt überzeugt davon, dass das die Sicherheit schaffen kann, die wir (nicht nur wegen Corona) mehr denn je brauchen… wir brauchen einfach eine Grundlage, um uns als Menschen entwickeln und eine bessere Zukunft aufbauen und gestalten zu können.

Aber diese Idee muss sich gerade echt gegen so viel Gegenwind behaupten… Hierzu sollte man sich mal mit den Statements von Adrienne Goehler auseinander setzen. Sie schafft unter anderem auch eine Verbindung von Nachhaltigkeit und Grundeinkommen und ist der Meinung, dass aus einer chronischen Existenzangst einfach nichts entstehen kann und dass ein Mensch mit einer Grundsicherung einfach entspannter denken und leben könnte. Damit spricht sie mir so sehr aus der Seele und relativiert für mich auch die Frage nach den Kosten. Die sind nämlich tragbar. Dazu gibt es so viele Modelle der Umverteilung, die man einfach alle mal unvoreingenommen durchgehen sollte.
Und mal ehrlich: Ist denn die Investition in so eine Absicherung wirklich zu hoch?
Ist sie es nicht wert, wenn dadurch Kinder nicht mehr in Armut und mit einem enormen Leistungsdruck aufwachsen und sich die Eltern nicht mehr halbtot arbeiten, um eine vermeintliche Sicherheit und einen Lebensstandard aufrechtzuerhalten? Kämpfen wir seit Jahren nicht auf verlorenem Posten? Wird es nicht langsam mal Zeit die Notbremse zu ziehen?

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Menschen aufhören würden zu arbeiten, wenn kein Anreiz, keine Motivation gegeben ist. Hier spricht Adrienne Goehler davon, dass es eine Frage des Menschenbilds ist. Haben wir ein positives Bild von unseren Mitmenschen und glauben an die innere treibende Kraft etwas schaffen zu wollen oder halten wir sie von klein auf für überwiegend faul, asozial und Ich-Bezogen? Hierbei stelle ich mir die immens wichtige gesellschaftliche Frage: Macht uns Menschen das wirklich aus oder werden wir dazu gemacht?
Es ist wissenschaftlich erwiesen*, dass der Mensch Tätigkeiten, die er aus einer inneren Motivation heraus macht (wie z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten) eben aus reiner Freude an dieser Arbeit macht und diese somit auch ohne Gegenleistung machen wird. Das hat also nichts mit dem (in Geld gemessenen) Wert der Tätigkeit zu tun, denn dieser liegt in der Tätigkeit selbst. Erstaunlicherweise kann sich das jedoch ändern, wenn die Person auf einmal wirklich Geld dafür bekommt (siehe dieses Video). Dadurch wird nämlich die intrinsische zur extrinsischen Motivation.
Diejenigen, die also jetzt schon einen Job haben, den sie wirklich gerne machen, werden diesen mit einem Grundeinkommen also eher nicht aufgeben. Sie würden vielleicht weniger arbeiten, um einfach entspannter leben zu können. Das ist nämlich auch vielen in der Corona-Kurzarbeit aufgefallen: Wir sind eigentlich permanent am Limit. Immer. Und auch wenn wir es manchmal gerne zu sein scheinen, frage ich mich jedoch: Ist das wirklich das Leben, das wir uns für diese doch so begrenzte Zeit auf der Welt wünschen?
Umgekehrt bedeutet ein Grundeinkommen natürlich, dass so einige verhasste Jobs wegfallen könnten, die aber im Laufe der nächsten Jahre im Zuge der Digitalisierung ohnehin auf der Kippe stehen. Vor allem was die Industrie anbelangt und den Wegfall vieler Arbeitsplätze durch weiterentwickelte Maschinen und Roboter.
Ist es daher wirklich so schrecklich verwerflich, dass man die Leute, die wirklich verzweifelt in solchen Jobs festhängen, nach und nach davon befreit und ihnen die Möglichkeit eingesteht, sich in irgendeiner Weise zu entfalten?

Wäre es so schlimm, wenn man keine Arbeitslosen an sich mehr hätte? Weil einfach jeder „auf Kosten des Staats“ leben würde und wir somit alle wirklich gleich gestellt wären? Was ist so schlimm an der Vorstellung, dass jeder die Freiheit hätte sich zu entwickeln und vor allem die gleiche Chance dazu von klein auf? Warum sollen es auch weiterhin die aus gutem reichen Hause leichter haben als jene, die mit weniger aufwachsen und es dadurch automatisch schwerer haben, etwas aus ihren Talenten zu machen? Sie müssen diese nämlich aus der Unsicherheit heraus, in der sie aufwachsen, erst einmal erkennen und dann auch noch die Motivation finden, daraus etwas zu machen ohne zu wissen, ob es Zukunft hat und ob sie davon leben können… Und wie viele schaffen das wirklich? Wie viele Träume zerstören wir in unseren Kindern bevor sie überhaupt beginnen zu wachsen? Wie viel Leid setzen wir eigentlich in diese Welt?!

Das sind alles so Gedanken, die ich mir mache…

Und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als irgendwann in einer Welt leben zu können, in der ich mit absoluter Sicherheit zur jüngeren Generation sagen kann: Ja, ihr habt es heute wirklich besser als wir damals! Ihr habt wirklich Chancengleichheit. Ihr habt so vieles in der Hand, was wir damals nicht hatten. Und nichts von all dem, was damals unser Leben ausgemacht hat, hat uns irgendetwas gebracht… nichts davon hat uns dauerhaft zufriedener gemacht. Ausgeglichener. Glücklicher. Das ist heute anders…

 


Weiterführende Links:

Mein Grundeinkommen interviewt Adrienne Goehler

Interview Teil 1: Richard David Precht ~ Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE)

Höchste Zeit für einen großen Wurf – Grundeinkommen JETZT!

So könnte das Krisen-Grundeinkommen aussehen

*viele Beispiele und wissenschaftliche Studien zum Thema findet man in dem Buch Utopien für Realisten von Rutger Bregman
dazu auch ein Blogeintrag von Utopiewissen: „Utopien für Realisten“ – Rutger Bregman

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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