Träumen erlaubt…

Ich sehe mir zur Abwechlung mal nicht von oben zu. Ich spiele auch keine Rolle, wie jedes Mal. Ich bin einfach ich. Und zwar so sehr ich, dass es schon beinahe beängstigend ist…

Es war Freitagnacht. Mary hatte mal wieder zwei Kerle zum Grillen eingeladen, die dann allerdings ganz kurz weggehen mussten, da von einem Kumpel das Auto liegen geblieben ist oder es einen Unfall gab und er Hilfe brauchte. So ganz verstand ich das auch nicht. Jedenfalls war Mary fest entschlossen, Axe an diesem Tag zu sagen, dass das was wird und sie eine Beziehung mit ihm anfangen möchte. Oder es versuchen will, wenn er sich schon so sehr mit gedichteten SMS und allem drum und dran bemüht. Ich fand das süß und tat selbst alles dafür, dass sie mich Samstagabend nicht in Beschlag nehmen würde. Ich war ganz lieb. Sarkastisch, aber lieb. Ich zog ihr sogar Söckchen an. Sie merkte nicht, dass ich mir Mühe gab, aber dennoch zeigte das alles Wirkung und ich konnte meinem Navigationssystem schreiben, dass das was wird mit Samstagabend. Nach Hause konnte ich ja dann nicht mehr, aber da würde mir schon noch was einfallen…

Der Freitagabend verlief dann etwas schleppend. Axe kam ohne seinen Kumpel zurück, der echt nett war. Er fragte uns alle immer, wie es uns geht und bot hier und da seine Hilfe an. Jedenfalls aßen wir dann nur zu dritt. Mary meinte, ich solle jemanden anrufen. Ich zählte jede männliche Person auf, die mir in den Sinn kam und die im Handy-Telefonbuch stand. Schließlich meinte sie, ich soll das Navi anrufen. Ich meinte, dass er nie abnimmt und das sowieso nichts wird. Doch, oh Überraschung, es kam ein „Hi“ vom anderen Ende zurück. Leicht geschockt bin ich auf den Balkon gelaufen und habe mir erst mal eine Zigarette angezündet. Wir haben ein bisschen geredet, er hat nach meiner E-Mail-Addy gefragt. Und noch in derselben Nacht kam das hier:

Betreff: Sorry

Hallo Julia, […] (Es folgen Komplimente über meinen richtigen Namen)
Es tut mir leid, dass ich treulose Tomate Dich durch meine schlechte Erreichbarkeit enttäuscht habe. Bitte verzeih mir. Du hast Dich vorhin schon etwas enttäuscht angehört. Aber du hast ja recht damit auch wenn diese Woche ziemlich blöd für mich war. Aber das ist natürlich keine Entschuldigung.
Und andererseits war diese Woche auch schön. Als wir unsere Handynummern ausgetauscht haben, habe ich eigentlich nicht damit gerechnet, daß du dich tatsächlich auch mal meldest. Schon gar nicht nach dem fränkischen „Drogenbier“ ;-). Und ich habe mich jedesmal sehr gefreut, wenn ich von dir gehört habe.
Wahrscheinlich kommt dir das jetzt komisch vor aber das hat mich diese Woche echt irgendwie aufgebaut, was mich wiederum auch ein bischen verwirrt.
Am Schönsten wäre es, wenn wir uns möglichst bald wiedersehen. Was meinst du?
Ich denke oft an dich. Hoffentlich bis bald.
Ganz liebe Grüße
[…]

Ich saß nachts am PC mit offenem Mund. Geschockt. Dass das Gefühl beidseitig ist, hatte ich eher weniger erwartet. Jedenfalls nicht so. Mary meinte, ich solle vorlesen, Axe lächelte, sagte aber nicht mehr viel. Ich war platt und saß ewig an einer Antwort…
Axe fragte mich dann noch das ein oder andere. Zum Beispiel, warum wir ihn immer Navigationssystem nennen. Ich meinte, sein Name erinnere mich immer an eine Marke, die diese herstellt.

Samstagabend war es dann soweit. Ich überlegte ewig, was ich anziehen sollte. Noch nie war es mir so wichtig, etwas Schlichtes anzuziehen. Denn ich konnte da ja schlecht wie immer im Minirock mit halbdurchsichtigem Oberteil wie eine Nutte in den Ferien ankommen. Ebenso konnte ich da nicht als Goth oder Punk oder Rocker-Braut ankommen. Mein Stil geht ja in alle Richtungen. Aber das wäre too much. Also zog ich nur ein T-Shirt und Hotpants an. Dazu meine Chuck-Heels und Stulpen.

Natürlich hatte mein Bus eine Viertelstunde Verspätung.

Ich wartete und wartete also und sah einem Schauspiel zu. Denn von überall her fuhren Autos herbei und Männer rannten im Schneckentempo alle in eine Garage. Ich fragte mich, was denn jetzt los sei und wo der verdammte Bus blieb. Ein kleiner Junge blieb vor der Garage mit seinem Fahrrad stehen, das ihm zu klein war. Viel zu klein. Das schien ihm allerdings egal zu sein. Er stand nur doof da und glotzte. Es vergingen zehn Minuten. Immer mehr Männer kamen angerannt. Und irgendwann fuhr ein Feuerwehrauto aus der Garage. Sieht man nicht alle Tage, ich weiß. Der Junge war fasziniert. Doch das einzige, was ich dachte war: „Also bis die mal losgefahren sind, ist das Haus schon abgebrannt.“ War aber kein Haus, sondern ein Motorradfahrer, den es zwischen K. und V. hingefetzt hatte. Deshalb kam der Bus auch nicht. Bzw. er trudellte dann mal ein.
Das mit dem Motorradfahrer tut mir aber irgendwie Leid…ich wüsste zu gerne, was da passiert war. Mal sehen…hätte ich eine Tageszeitung, wüsste ich über so was Bscheid und könnte nachlesen. Das wird auch das nächste sein, was ich mir zulege. Denn das ist wichtig.

Als der Bus dann endlich doch kam, fuhr er wie eine gesengte Sau, aber das war mir egal. Ich war sowieso zu spät und wollte nicht herumgurken.
Ich stieg in der Stadt aus, rannte umher, ließ mir Musik in die Ohren dröhnen. Und ich schaffte es gerade so noch um 18 Uhr. Wir saßen draußen. Das hatten wir abgemacht. Ich lief also an den Tischen vorbei bis zum letzten und die Typen am ersten glotzten mich an. Mein Navigationssystem stand auf und begrüßte mich. Dann setzten wir uns und starrten in unsere Augen. Ich war zuerst etwas irritiert, machte dann aber mit. Komischerweise war es mir nicht unangenehm. Wir redeten dann ein bisschen über seine Tochter (4) und meine Kindheit und irgendwann sind wir ins Nest, wo meine Friseurin, Teesorte, Teesortes mittlerweile wieder Ex-Freund, Mister und noch ein paar andere saßen. Jo und Co. waren nicht da.
Wir setzten uns in die Ecke draußen. Alle starrten uns an. Ich spürte förmlich die Faszination, die immer dann aufkommt, wenn etwas passieren könnte. Wenn eine Frau mit einem neuen Kerl kommt oder irgendetwas anderes vorfällt, das mit Beziehungen zu tun hat, wird man mit Blicken auseinander genommen. Navi hat das auch gemerkt.

Wir waren also DAS Thema. Navi strich mir sanft über den Arm, wir sahen uns in die Augen. Wir tranken Bier. Wir rauchten viel und machten uns nichts aus den Blicken.
Dann zogen wir weiter ins HK…

Auf dem Weg ergriff ich seine Hand. Einfach so. Ich habe einfach nicht mehr nachgedacht und gezweifelt. Da gab es auch groß nichts zu zweifeln. Ein überraschend angenehmes Gefühl…aber irgendwie auch sehr ungewohnt…

In der Kneipe sahen wir uns dann weiter in die Augen. Es war schon beinahe beängstigend. Von außen muss das ziemlich seltsam ausgesehen haben. Aber das war mir egal. Irgendwie war beinahe alles außen rum egal. Und dann…tja…dann küssten wir uns.

Irgendwie fällt es mir schwer, dass alles hier niederzuschreiben. Weil einfach nichts Negatives dran ist. Und die dunkle Seite ist ja eigentlich mein Spezialgebiet. Etwas Positives zu erleben raubt mir quasi den Wortschatz.
Aber der Abend wurde ja noch überraschender. Denn ich hatte so oder so beschlossen in V. zu bleiben und die Busse nach 20 Uhr kann man in die Tonne kicken. Am Samstag sowieso. Anmelden, Zuschlag zahlen…das ist mir alles zu doof.

Also tat ich etwas, für das ich mich mit Bedacht entschieden hatte. In mein Elternhaus wollte ich nicht. Er weiß auch warum. Ich habe ihm meine halbe Kindheit erzählt. Also gingen wir zu ihm.
Ich gebe zu, ich war nicht mehr ganz so nüchtern, als ich diese Entscheidung fällte. Aber dennoch. Es war ein Versuch wert. Wenn ich nicht neben ihm liegen kann, wie bei jedem anderen Kerl auch, dann hätte das keinen Wert.

Wir hatten es nur einige Minuten, dann waren wir da. Es war sehr unordentlich, was mich allerdings nicht störte. Ich bekam dies und das und schminkte mich ab so gut es ging. Ich bekam auch ein T-Shirt von ihm, denn nur mit einem Höschen wollte ich nicht unbedingt schlafen.
Ich legte mich ins Bett und schlief schon fast ein, da kam er und legte sich neben mich, legte seine Hand auf meinen Rücken, da ich ja immer auf dem Bauch schlafe. es war mir nicht unangenehm. Zwei Minuten. Und ich war weg. Um halb sechs machte ich die Augen auf und er sah mich an. Er meinte, er würde mich schon eine ganze Weile beobachten. Wir lächelten, sahen uns an und – applaudiert mir bitte – ich war nüchtern. Und es war schön. Viel getrunken hatten wir ja nicht. Aber ich war nüchtern. Es haute mich vom Hocker. Ich ertrug es, neben einem Mann zu liegen. Ich war verleibt. Ich erkannte mich ja kaum wieder…

Er fuhr mich dann Heim, wir saßen auf meinem Balkon, rauchten, sahen uns in die Augen, er scrollte in meinem iPod herum. Wir haben, was Musik angeht, viele Gemeinsamkeiten. Gut, er hört viel System of a down und Dinge in die Richtung, aber ich höre das auch gerne, auch wenn ich es nicht auf dem iPod habe.

Allgemein…wir ergänzen uns gut. In Sachen Musik, Computer und auch sonst. Wir achten beide auf Groß- und Kleinschreibung. : )
Es war schön…sehr schön. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist. Denn die meisten Männer kann ich auf Dauer nicht ertragen. Aber hier..ist das ganz anders.

Das ist jetzt ein positiv-kitschiger Eintrag geworden. Aber da müsst ihr durch. : D
Ach ja, Mary ist am selben Tag mit Axe zusammengekommen.
Samstag, der 5.6.´10…mal sehen, bei wem zuerst Schluss ist, waren ihre Worte….
Ja…mal abwarten und Musik hören…
Ich glaube, ich gewinne diese Wette. Wette hört sich eigentlich im Zusammenhang mit einer Beziehung kalt an. Aber irgendwie ist es so, dass Mary alle Wetten verliert und ich positiv gestimmt bin, eine Beziehung zu führen, die länger als drei Wochen dauert. Nüchtern natürlich.
Und nüchtern werde ich ab heute bis zum letzten Schultag sein. Ich werde auch nicht mehr rauchen. Zumindest bis dahin. : )
Alles läuft gut. Noch…

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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