Wenn ich die Tüte geraucht habe, geh’n wir.

Der Titel passt nicht zu mir. Ich bin für so was zu brav. Ich bin Straight Edge. Bin ich auch, keine Angst. Wie sich die Dinge dennoch so zusammensetzen, dass ich morgens um halb sechs in einer fremden Wohnung mit mir völlig unbekannten Junkies Druffis Kiffern sitze, neben meinem Samstagabendfreund, der 39 und drogenabhängig ist, ist mir mal wieder ein Rätsel. Er findet mich irre. Ich ihn auch. Wir haben so unterschiedliche subjektive Wahrnehmungen, die so gut zusammenpassen wie ein Eisblock in der Wüste. Ich bin selbstverständlich die Wüste und gebe ihm schnell zu verstehen, dass es für mich „normal“ ist, wenn in der Beziehung ein Partner um einiges älter ist als ich. Doch er geniert sich. Süß, denke ich. Süß, wie er mich leicht verzweifelt ansieht und meint, dass die Zahnspange mich noch „unschuldiger mache“. Es nagt an seinem Gewissen, dass ich so jung bin. Auch süß, wie er mich deshalb behandelt. Sensibel. Vorsichtig. Als wäre ich aus Zucker. Aber wir sind zu unterschiedlich.  Und betrunken…

Es begann alles mit dem Entschluss, rauszugehen. Alle Freunde hatten mir abgesagt bis auf Mary. Tati kommt vielleicht jetzt am Montag, statt dem geplanten Samstagabend, Mikel kommt am Donnerstag, statt dem geplanten Freitag und noch eine Freundin weiß noch nicht, wann sie mich besuchen kommt.
Ich habe jedenfalls den Entschluss gefasst, in V. zu Übernachten. Ich wollte an diesem Freitagabend rausgehen. Richtig rausgehen mit Chaos und Karacho, selbstverständlich in etwas, das über die Bezeichnung Minirock weit hinausgeht. Leute, die mich kennen, kennen mich nur so. Das ist mein Äußeres. Unwichtig.
Ich begann meine Tour allerdings erst um halb 11, denn ich musste noch etwas wegen meinem Suizid- und Depressionsreferat regeln. Ich habe mir viel Mühe gegeben, aber es wurde dennoch zu wenig, so habe ich das Gefühl. Abgeschickt ist es jedenfalls und mal sehen, was mir mein Pädagogiklehrer MS per E-Mail zurückschreibt.
Jedenfalls habe ich drei Kreuze gemacht, als das ganze endlich fertig war. Ich habe sehr viel gelesen an Büchern, Artikeln, an allem eben. Die letzten zwei Nächte habe ich so gut wie durchgemacht. Erstens wegen dem Referat, zweitens, weil ich eigentlich mit Sky telefonieren wollte. Aber irgendwie haben wir das nicht so gut geregelt bekommen.

Meine erste Anlaufstation war jedenfalls das Nest. Mein Nest. Mein zu Hause. Leider war nur nichts los. Meine Friseurin war da, es gab ein großes Umarmungsritual mit dem Wirten und ansonsten war nichts groß los. Die Hexenzunft-Rocker waren noch da.
Nach meinem Schorle bin ich jedenfalls weiter gezogen ins HK. Da stand ich erst planlos rum, weil ich nie alle dort kenne. Dann begrüßte mich irgendein Typ weit über 50, sah an mir herunter und fragte: Ach, Miniröcke sind doch gar nicht mehr „in“, oder?“ Ich meinte, dass komme nie aus der Mode. Er sah mich skeptisch bewundernd an und dann drehte sich eine Frau von der Theke zu mir um, sah mich, zeigte auf mich und kreischte dem Typen ins Ohr „Aaaaaaah, weißt du, wer das ist?!“ Ich wusste es nicht. Der Typ auch nicht. Er meinte nur: „Nein, aber sie trägt einen Minirock“ Und grinste doof. Ich setzte mich hin. Und dann sah ich sie: Den einen Mafiosi, der einem nie in die Augen sieht und ein Typ mit schmierigem, versucht-cool-wirkendem Gesichtsausdruck. Der Miami-Vice Typ und sein Kumpel mit dem Namen, der mich an eine Figur von Michael Endes Buch Momo erinnert. Ich war sprachlos und hoffte, dass mich keiner der beiden erkennen würde. Zu spät. Der Mafiosi kam rüber und laberte mich zu. Dann kam der Miami Vice Typ und lallte weiter etwas von Schnick Schnack und dann gehen wir zu ihm und Puff. Ich lachte dämlich, meinte aber, dass das nichts wird. Dann schickte ich ihn Heim und sein Kumpel sah mir nicht in die Augen und wundete sich.
Dann sah ich R. Nach ewig langer Zeit. Er stand einfach da, wir redeten und er meinte, er habe einen Job. Ich freute mich für ihn. Irgendwann muss ich da mal hingehen. Er arbeitet bei einem Betrieb, bei dem man altes Zeug loswird und wo dieses dann für einen guten Zweck verkauft wird. Dass man da Geld verdient, war mir neu…aber ich denke nicht, dass die Leute da den jeden Tag für lau rumstehen werden. So wohltätig ist man dann doch wieder nicht, oder?

Ich zahlte mein Schorle, verließ die Kneipe und wusste, wo es mich hinzieht. Es war halb zwölf und ich wollte ein Abenteuer erleben. Ich wollte meinen Blog füllen. Ich wollte tanzen. Also ging ich ins Chaos-Café. Beim Reinkommen sahen mich alle an. Ich lächelte dämlich und stellte mich neben einen Typen an die Theke. Die zwei Barhocker neben ihm waren frei, doch an der Theke standen Getränke. Ich wartete ab, lächelte den Typen an, der sich wunderte, warum ich da so rumstand. Die Bedienung sprach mich mit hey Süße an, entschuldigte sich dafür, dass die andere Bedienung meinen Ausweis sehen wollte und brachte mir ein Fürstenberg. Da anscheinend niemand auf den Barhocker saß, war das nun mein Platz. Ich zog meine Jacke aus und es dauerte keine zwei Minuten, da hielt ich es nicht aus NICHT zu reden und quatschte den Typen neben mir an. „Wie geht’s“ finde ich immer doof zum Anquatschen. Also fragte ich ihn gleich nach seinem Namen und es entwickelte sich ein Gespräch. Er hieß Navi und war Anfang vierzig, sah aber aus wie Mitte Ende Dreißig. Als ich ihm das sagte, war er gerührt.
Und dann quetschte sich ein Typ durch die Menge und sah mich nicht. Ich meinte „Hey“ und lächelte ihn an, da ich ihn kannte. Er brauchte aber einige Sekunden, bis er mich einordnen konnte. Dann setzte er sich stolz neben mich, da es eine Seltenheit war, dass eine Frau im Chaos-Café war und man das Privileg hatte, sie zu kennen und sich neben sie setzen zu dürfen. Ich war gerührt, merkte aber, dass ich bis auf die Bedienungen wirklich die einzige Frau war und mich alle ansahen. Und ich saß da auch noch alleine mit meinem Minirock in einer Kneipe, wo fast jeden Tag die Bullen antanzen und sich Leute verschlagen. Es störte mich aber nicht. Ich bin der Meinung, dass man nicht nur in seinem Leben festsitzen kann, sondern auch mal die andere Seite kennen lernen sollte. Eine ganz andere. Neue Erfahrungen machen. Dinge tun, die man vielleicht sonst nie tut. Ihr werdet staunen…
Ich staunte jedenfalls nicht schlecht, als mich der Grundschulfreund von Navi zum Tanzen aufforderte. Ich konnte nicht, kam aber schnell rein. Beim dritten Lied verliebte er sich im mich, wie es so viele betrunkene machen. Leider gehörten ihm schon alle anderen Frauen. Ich meinte, das sei okay, ich hätte kein Interesse und tanzen sei ja kein Verbrechen. Wir sahen und die ganze Zeit in die Augen. Er führte mich und gab mir Tips. Nach dem Tanzen fragte ich dann thematisch jeden, ob er tanzen kann. Und jeder Mann hatte einmal einen Tanzkurs belegt. Ich kam mir irgendwie doof vor, weil ich keinen einzigen Tanz konnte. Sogar der Typ, den ich vom sehen kannte und der immer in dem kaputten Café sitzt, hatte einen. Und er meinte, an seiner Hochzeit wolle er Tango tanzen. Ich fand das süß. Dass ich an dem Abend seine Braut werden würde, war zu dem Zeipunkt noch nicht geplant.
Wir tranken, lachten und amüsierten uns jedenfalls. Es liefen Songs von ZZ Top, was Navi hörte und ich auch gerne höre. Er fand es toll, dass ich 80er höre. Ich fand es auch toll, dass er das hört, was ich höre. Es passte irgendwie alles so gut. Die Stimmung, die teils kaputten Menschen, die aber alle so nett waren. Es war alles in allem ein schöner Abend dort.
Der Kerl, den ich vom sehen kannte, wollte mich wieder heimbringen, wie damals. Ich versprach es ihm. Unsere Wege trennten sich dann allerdings in der Kneipe, weil er noch zu seinen Kumpels wollte, die am anderen Ende der Theke standen. Ich meinte, ich würde dann warten. Den frei gewordenen Platz nutzte sofort ein neuer Kerl. Er stellte sich hin, lehnte sich halb quer an die Theke und meinte mit tiefer Stimme, die verführerisch klingen sollte: „Hey“ Ich meinte nur kleinlaut „hey“ und lächelte. Man. Ich lächelte verdammt viel an dem Abend. Ich war echt aufgedreht. Navi fand das glaube ich ganz toll. Er wollte mich heim bringen, ich meinte leider, das sei schon mit jemandem anderen abgemacht.
Gegen 3:15 Uhr schmiss man uns dann raus. Und das, obwohl die Kneipe normalerweise erst um vier zumacht. Wir gingen also raus. Redeten, die eine Bedienung, die wirklich cool aussah, stand mit ihrem Freund rum. Sie hatte auch einen Minirock, der alledings noch als Rock durchgehen konnte und überall Tatoos, kurze blonde Haare und so kleine Ringe in den Ohrlöchern. Sie war die, die mich immer „Süße“ nannte. Der Kerl wartete schon auf mich. Wir liefen los. Wir sprachen nicht viel, aber es gab eine Art Kommunikation zwischen uns. Zur selben Zeit ergriffen wir unsere Hand. Irgendwie amüsant…
Wir liefen in meine Richtung. Zu meinem alten zu Hause. Doch hinter uns kamen die anderen und kreischten, ob wir noch mit zu ? wollten. ? wohnte um die Ecke und sie hatten Bier und alle wären da. Ich meinte „okay“ ohne nachzudenken. Was neues erleben. Das war ja mein Ziel.
Und so landete ich sitzend auf einem Bett in den Armen von dem einen Kerl und mit einem Bein auf den Schenkeln der Bedienung, die meine Schuhe bewunderte. Bier wunde umgekippt, Reggae wurde gehört und Tüten wurden gebaut. Der Kerl neben mir bot sie mir an. Ich meinte, nee, das muss nich sein. Ich war nicht geschockt, dass alle zogen. War mir auch egal. Ich hatte mein Bier und wurde dennoch immer müder. Schlechte Luft. Es war sechs, als ich dann doch noch von dem Typen heim gebracht wurde. Die Bedienung schloss mich richtig ins Herz. Ich sie auch. Zum Abschied wünschten wir uns alles gute und so. Vor meiner Tür rauchten wir irgendeine Schachtel Kippen leer (Pall Mall) und redeten. Ich fragte ihn daraufhin, wie viele Tüten er rauche. Er meinte, so um die fünf täglich. Er würde es aber krasser finden, mit einer zwanzigjährigen zusammenzukommen. Ich versuchte ihn ein bisschen was von mir zu erzählen. Aber er war nicht einfühlsam genug, was das anging. Er gehörte zu der Sorte, die Leid nicht akzeptierten und als Einbildung abstempelten. Depressionen? Selbstmord? Davon wollte er nichts wissen. Naja. Es war dennoch ein wunderbarer Abend. Es war mal wieder was ganz anderes. Ich weiß nicht, aber ich brauche das. Wir tauschten unsere Nummern aus und dann fragten wir uns, nach so einem brutalen Abend als Paar, wie wir denn eigentlich heißen…
Er heißt so wie Navi. Alle heißen Navi. O__o
Jedenfalls nenne ich ihn mal Kobold, weil Mary meinte, er sehe so aus. Ja…von diesem Abend gibt es Bilder…aber eins ist echt gut geworden. XD Da bin ich mit Navi03 drauf…


Ich brauche ein zu Hause.
Menschen, bei denen ich ich sein kann, obwohl ich mich selbst nicht kenne.
Ich brauche einen Ort, an dem ich immer was neues erlebe.
Ich brauche vieles.
Nur eins brauche ich sicherlich nicht
Drogen.
Und da bin ich stolz drauf.
Ich könnte sogar jederzeit mit Alkohol trinken aufhören. Aber ich finde einfach, dass das in gewisser Weise und in gewissem Maße zur Gesellschaft gehört. Und manche Situationen werden erst so witzig, wenn getrunken wird.
Ob ich auf Zigaretten verzichten könnte, ist eine gute Frage. Ich glabe, dazu rauche ich mittlerweile einfach zu gerne. Aber ob das geht, finde ich irgendwann heraus. Ich fange gleich nach meiner GFS an. Wenn ich die gehalten habe, rauche ich meine letzte Zigarette. Wie lange? Bis zu den Sommerferien. Tati hat ja auch aufgehört. Aber ganz aufhören will ich irgendwie nicht. Ich will nur wissen, ob ich abhängig bin. Man…diese Logik soll eine verstehen. : )
Aber euch noch einen guten Start in die Woche! Bleibt anständig ; )

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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