Zwischen den Fronten – Wer ist ein besserer Mensch?

Ich habe vorgestern das Zugfahren für mich entdeckt. Es gibt keinen günstigeren Ort zum Lernen und Lesen, als den Zug, der mich von einem Ort zum nächsten bringt. Die Schule und die Bücherei haben Öffnungszeiten. Der Zug fährt immer bis spät in die Nacht. Im Zug komme ich auch ordentlich rum, sehe interessante Menschen und habe meine Ruhe. Und ich kann endlich lernen.
Ich fühle mich auf einmal zu diesem Gefühl hingezogen, mitten aus dem gewohnten Umfeld gerissen zu werden, in den nächsten Ort verschleppt zu werden.
Und nichts dagegen tun zu können. Früher hatte ich immer Angst, weil mir das Gefühl nicht vertraut war. Es hatte keine Bedeutung für mich, war nur begleitet von der Angst vor Kontrollverlust. Denn bis November 2008 bin ich nie alleine Zug gefahren. Und dann gleich nach München… Danach war mir allerdings immer noch etwas unwohl. Auch als ich ich nach S. zu Kai gefahren bin, hatte ich immer Angst, dass ich falsch aussteige, etc. Bus fahren war mir jedenfals lieber.

Aber jetzt liebe ich es aus dem Fenster die Landschaft vorbeiziehen zu sehen, zu einem fremden Mann mit seinem Notebook rüberzulinsen und einfach das Licht der untergehenden Sonne im Gesicht zu spüren und zu sehen, wie es auf mein Buch fällt. Solche Momente machen mich glücklich…ich bin zwar in dem Moment alleine, und auf mich gestellt, aber es ist im Gegensatz zu damals ein positives Gefühl.

Allerdings gibt es auch Züge mit wenigen Abteilen, wo Kinder schreien, es laut ist und Leute über uninteressante und nichtige Dinge reden. Und ich frage mich gerade, in so einem Zug, was eigentlich normal ist.
Vorne im Zug sitzen drei junge Kerle, die kaum einen grammatikalisch korrekten Satz hinbekommen, hinten Abiturienten meiner eigenen Schule, die anstoßen, durch den Zug schreien, aber kaum etwas Intellektuelles von sich geben. Eher nichts. Bis auf den richtigen Satzbau unterscheidet sie also nicht viel von den drei Hauptschuljungs. Das Abi schaffen komischerweise diese Jugendliche spielend. Ich frage mich, wie das eigentlich kommt.
Ich versuche hier im Gegröle ansatzweise Marx und Kant zu verstehen und ziehe trotz meinem Wissen, meinen Erlebnissen, den vielen Schulbüchern vor mir und mein Schreibblock neben mir die Arschkarte….
Mit meinen Freunden war ich schon ewig nicht mehr unterwegs. Meine Noten sind zum größten Teil um einiges schlechter als der Durchschnitt. Und obwohl ich lerne, ist es nicht genug. Es ist einfach zu wenig. Alles, was ich mache, ist zu wenig im Gegensatz zu den anderen, die Beziehungen führen, die Wochenenden durchsaufen, das Leben eher nicht auf philosophische Weise durchleuchten und selten ein konkretes Ziel haben. Was mache ich also falsch? Bin ich vielleicht die dumme in diesem Spiel? Bin ich nicht normal?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich am Ende zeigen wird, wer weitergekommen ist. Damit meine ich nicht das Abitur, das den Weg zur Welt öffnen soll, sondern Weisheit, ein gutes Allgemeinwissen, emotionale Intelligenz und ein individualistisches Denken, das diesen Namen auch wirklich verdient hat. Denn so wie ich das hier beurteilen kann, sind das alles auch nur Schafe, die sich der Masse fügen. Auch wenn sie die andere Seite vom Zug, die Hauptschüler, dafür verurteilen, dass sie es tun.
Konformisten sind sie. Intelligenz auf niedrigem Niveau… Denn mann kann viel abgelesenes Zeug von sich geben, viel herumkommen und gute Noten schreiben ohne was dabei zu lernen. Aber das Abi ist kein Symbol für bessere Menschen. Jeder hat sein Päckchen mit sich zu tragen. Egal ob 50, 13, Student oder Sonderschüler. Doch was ist eigentlich ein „guter Mensch“? Was ist normal? Was ist Dummheit und was Intelligenz? Und ist das alles vielleicht höchst subjektiv? Für mich sind diese Abiturienten jedenfalls eine Hand voll junger Leute, die zwar über ein gewisses Außmaß an Intelligenz verfügen, aber dennoch in ihrem Tun nicht besser sind, als irgendein Hauptschüler, der ebenso ein Ziel im Leben haben kann.

Ich bin Journey. Ich war Hauptschülerin und bin jetzt auf dem Gymnasium. Und mein Ziel ist
alles und nichts,
Philosophie,
Unabhängigkeit und Freiheit,
mein eigener Mensch und auf keine Familie angewiesen zu sein,
Freunde zu haben, die mich immer wieder aufs Neue inspirieren,
mal diese, mal jene Begegnung mit besonderen Individuen zu machen
und
immer wieder neues erleben, was mich nicht im Stillstand versinken lässt.
Vor zwei Jahren wolle ich noch Redakteurin werden. Jetzt bin ich 20 und könnte im Grunde auch was anderes werden. Eigentlich möchte ich für immer meinem Blog treu bleiben und Bücher über die Menschen und die Gesellschaft schreiben. Aber Geld gibt es dafür leider nicht viel.
Vielleicht ende ich ja auch beim Aldi an der Kasse oder hinter dem Tresen einer Kneipe. Wer weiß. Vielleicht schaffe ich das Abi ja auch gar nicht, weil ich mich einerseits zu sehr mit dem Sinn von allem beschäftige und andererseits gar nicht wirklich hier sein will. Aber eins werde ich sicherlich nicht: Mich selbst verraten und mich anpassen. Denn an so etwas habe ich keinen Spaß. Und ich glaube kaum, dass man dadurch bessere Noten schreibt und zu besseren und intelligenteren Menschen wird. Selbst wenn es so wäre, dann wäre mir das egal. Lieber bleibe ich wie ich bin, als so zu enden, wie dieser ganze Zug hier. Denn im Gegensatz zu denen lerne ich freiwillig und nicht, weil ich in einem System eingegliedert bin und das so gang und gäbe ist.

Abitur und Studium werden jedenfalls verdammt überbewertet…und sind kein Zeichen für Intelligenz und den „besseren Menschen“, den es eigentlich gar nicht geben kann, da die Vorstellungen zu weit auseinander gehen.

Meine Ziele habe ich diesbezüglich erläutert. Einige werden meinen Eintrag nun bewundern, andere werden sich aufregen und wieder andere werden das alles hier wohl nicht verstehen. Aber wenn man sich damit befasst, kann man es auch verstehen lernen.

Und das sollten sich einige auf dieser Welt einmal verinnerlichen. Man kann alles, wenn man will. Oder besser gesagt: Wenn man weiß, was man will. ; )

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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1 Kommentar        

Ich bin mal wieder wie vom Bus überfahren,denn es beschreibt die Sache sehr genau! ….das Beste was ich heute gelesen habe. Daumen hoch!

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