Mein Freitag

Es ist eigenartig, wie viele Menschen das Perfektsein anstreben. Und noch eigenartiger ist, dass die Gesellschaft sich so entwickelt hat, dass es als unperfekt angesehen wird, zu viele Gefühle zu zeigen. Bedeutet das etwa, dass die neue Anforderung an uns Menschen ist, dass wir uns wie Maschinen verhalten sollen? Perfekt, keine Gefühle und nur darauf bedacht, die Fassade aufrecht zu erhalten? Hassen wir uns am Ende selbst für das Menschsein und das Unperfekte?

Es ist 7.19 Uhr. Ich habe gerade den Bus verpasst und sitze nun in der Kälte auf einer Bank. Eigentlich sollte ich Spanisch-Vokabeln lernen, doch das hat jetzt auch keinen Zweck mehr. Gestern habe ich ja auch nichts gemacht. Um ehrlich zu sein: Ich konnte es nicht. Normalerweise kann ich beim Lernen etwas abschalten., mich ablenken. Doch das ging diesmal nicht. Diesmal hatte ich zu viel an Gedanken im Kopf. Und auch noch alles auf einmal…

Die Tage davor habe ich alles halbwegs gut verdrängt. Ich habe sie jeweils mit drei bis vier Stunden Schlaf und vier Tassen Kaffe am Tag gemeistert. Ich fliege jeden morgen um eins oder zwei tot ins Bett. Ich lasse es gar nicht mehr zu, an irgendetwas zu denken.
Und heute morgen um fünf konnte ich dann nicht aufstehen. Ich wollte nur im Bett liegen bleiben und am besten nie wieder aufstehen. Es erschien mir alles zu sinnlos.
Dann gab ich mir jedoch einen Ruck und schleifte mich aus dem Haus. Ich hätte den Bus noch erreichen können, aber ich konnte nicht rennen. Ich wollte eigentlich auch gar nicht mehr in die Schule…ich habe nur gesehen, wie er wegfährt und bin nicht hinterher. Obwohl ich mir geschworen hatte, dass ich dann quer durch die Stadt wie der Teufel rennen werde…aber ich hatte einfach keine Kraft mehr.

Mir kam es so vor, als könne ich nirgends mehr hin und schon gar nicht nach „Hause“, weil es für mich nie eins gewesen war. Also blieb ich dort, am Busbahnhof setze mich, holte Block und Stift aus der Tasche und schrieb dies nieder. Es war mir nicht zu kalt. So wie immer…die Kälte spüre ich irgendwie so gut wie nie…

Ich hatte zudem noch Angst. Angst, dass ich niemals frei sein würde. Dass ich die Schule nicht schaffen und immer tiefer sinken würde. Am liebsten würde ich einfach abbrechen und weglaufen, aber ich will ja auch was lernen. Nur kann ich das nicht, solange mich alles Negative hier festhält und gleichzeitig abstößt. Es ist nicht die Tatsache bei meinen Eltern zu wohnen, die mich so fertig macht, sondern einfach der Umgang hier. Ich dachte immer, ich hätte mich daran gewöhnt, dass jeder für sich lebt. Aber ich irrte mich…es ist sogar viel schlimmer.

Ich traue mich ja nicht mal aus meinem Zimmer, weil ich den Sticheleien einfach nicht ausgesetzt sein will. Ich heule hinter den verschlossen Türen, heule sogar vor deren Augen und sie machen immer immer weiter. Ich habe sogar offiziell Selbstmordgedanken.

 

Und alles, was ich will, ist doch nur ein Ort, an dem ich ich sein und leben kann…

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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