Kurzgeschichte: Für Noname

 

Der Betrug fällt leichter, wenn sie kein Gesicht hat. Keine Augen, die auch weinen können. Kein Spiegel der Seele. Kein Ausdruck, der mich davon abhält. Kein Mund, der sich für gewöhnlich zu einem spöttischen Lächeln verzieht. Kein Charakter. Kein Gesicht, das ich zuordnen kann. Kein Mensch, den ich kenne. Einfach niemand. Ich vögele mit niemandem.

Niemand geht danach, still und leise aus meinem Haus, aus meinem Leben. Für heute. Morgen sind wir wieder normale Menschen, stehen nebeneinander beim selben Bäcker in der Schlange, kaufen die gleichen Brötchen mit fast dem gleichen Belag – für sie ohne Gurken.

Und wir werden einander erneut begegnen, wenn sie abends mit ihrem Mann Hand in Hand durch den Park läuft. Ein Paar. Nur schwach beschienen sehe ich ihren Ausdruck, wenn sich dann doch unerwartet unsere Blicke treffen. Und ich werde schweigen. Sie wird schweigen. Denn wir kennen uns nicht, sind uns nie begegnet. Haben nur letzte Nacht ein Bett geteilt. Und in der letzten Nacht eine Woche davor. Und die davor und davor und… ich weiß dabei nicht einmal, wie du heißt. Ich weiß nur, dass du die Männer um dich scharst, sie in dein Spinnennetz ziehst und letztendlich nur mich nimmst. Ich bin der Eine für dich. Der Eine, der dir das geben kann, was du – wie es scheint – auch brauchst und was du nicht bekommst. Nicht von deinem Mann, den du paradoxerweise liebst und schätzt und zärtlich berühren kannst ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Mit dem du lebst, ohne dir etwas anmerken zu lassen. Als wärst du kein Mensch mit Gefühlen, so scheint es. Doch das bist du. Und das bin auch ich.

Aber hey, ich bin ja nur ein Mann und angeblich bekannt dafür, Sex und Liebe unterscheiden und komplett trennen zu können. Ich weiß ja, wie dieser Wechsel funktioniert. Pervers gut im Bett mit der einen und später zärtlich und fasziniert von der anderen, die ja eigentlich „die Eine“ ist.

So schön scheint es, wenn man einen Menschen findet, der das wirklich alles vereint. Bei dem du sein kannst, wie du bist. Der das Verrückte an dir liebt und in tiefster Dunkelheit wie ein heller funkelnder Stern zu sein scheint. Der dich aufbaut und mit dem du über alles reden kannst. Ein Mensch, bei dem die Liebe bis unter die Haut geht und du keine Scheu hast. Vor nichts. Denn ihr versteht euch auch im Streit, nehmt Rücksicht aufeinander.

So schön scheint es, morgens in Gedanken an die Person aufzuwachen, tagsüber immer mit einem versonnenen Lächeln dieses unglaubliche Bild des Menschen im Kopf zu haben, mit dem du abends euren gemeinsamen Hobbies nachgehen kannst. Neben dem du dann einschläfst. Und erst habt ihr beide keine Lust, um dann doch mit Fesseln und Peitsche übereinander herzufallen und das auszuleben, wonach euch ist. Oder auch nicht. Und alles scheint, nein ist perfekt. Über Jahre lebt ihr so, entwickelt euch gemeinsam weiter in die gleichen sich ergänzenden Richtungen. Bis in den Tod, in den ihr gemeinsam geht, zur gleichen Zeit. Still im Schlaf werden eure Herzen endgültig synchron und machen den letzten Schlag gemeinsam. Ein Leben voller gemeinsamer Träume und unendlicher Verbundenheit. Ohne Vertrauensbruch und Zersplitterung der Seele, um eure Kompromisse durchstehen zu können und nicht daran zu zerbrechen, dass man so viel Unterschiedliches auf einmal will. Denkt zu brauchen.

„Sind wir etwa alle nur Lückenbüßer oder gibt es dich wirklich?“, frage ich mich während ich auf mein Brötchen von heute morgen blicke. Mit Gurken.

 

[geschrieben irgendwann zwischen 2013 und 2014 von Hand auf einem Collegeblock…]

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten, vertont

Autor: Journey

«      |      »

Schreibe einen Kommentar