Telefonphobie!

„Vielleicht solltest du die Pizza nicht online sondern am Telefon bestellen?“
Ich antworte auf die Nachricht mit einem trotzigen „Dann es ich halt nie wieder Pizza!“, weiß aber, dass das auch nicht die Lösung sein kann. Mein Problem? Nennt sich Telefonphobie.

Ich bin Meisterin darin, alles irgendwie anders zu regeln nur nicht am Telefon. Wenn ich einen Namen vergessen oder nicht verstanden habe, rufe ich nicht nochmal an. Ich umschreibe es durchdacht in einer Nachricht, sodass es nicht auffällt. In Mails kann man auch alles so schön ausformulieren, nachlesen, überlegt und möglichst klar verständlich etwas darlegen und gegebenenfalls eine Nacht darüber schlafen, bevor man es abschickt. Am Telefon hingegen muss man erst mal möglichst verständlich formulieren, wer man ist und was man eigentlich wissen will. In Textform vorgeschrieben ist das auch meist kein Problem. Die erste Ansprache wird einfach abgelesen. Aber was wenn die Person mit etwas antwortet, mit dem ich nicht gerechnet habe und sich das Gespräch in eine komplett falsche Richtung entwickelt und es zum Korrigieren irgendwann zu spät ist? Was, wenn plötzlich spontan irgendetwas gefragt ist, was mich dann so überfordert, dass ich mich treiben lasse und wieder die Hälfte vergesse, obwohl ich einen Zettel vor mir habe, auf dem alles notiert ist, was ich wissen will?
Hinzu kommt noch, dass ich immer das Gefühl habe, jemandem die Zeit zu stehlen, indem ich in unpassenden Momenten anrufe. Daher rufe ich lieber keinen an. Bloß nichts verlangen, keine Zeit beanspruchen und schon gar keine Information oder einen Termin einfordern! Muss doch auch einfacher gehen…per Mail zum Beispiel. Oder direkt persönlich. Dann sehe ich immerhin mein Gegenüber, kann versuchen Mimik und Gestik zu deuten. Eine bloße Stimme kann ich nicht deuten. Die kann auch sehr angewidert sein von meiner holprigen Art zu telefonieren und meiner Stimme, die wie 12 klingt.

Meinen Psychiater habe ich lange Zeit nicht vorher angerufen, sondern bin einfach so vorbei gegangen für ein Tablettenrezept. Es ist schon ein kleines Stück bis zu ihm und mir war es wirklich lieber ewig im Wartezimmer zu warten, bis er das Rezept unterschrieben hat, als vorher anzurufen und mich anzukündigen, sodass ich es bereits unterschrieben abholen kann. Das ging so lange, bis die Sprechstundenhilfe mich gefragt hat, warum ich das so mache und dass ich doch bitte vorher anrufen soll. Das sei „einfacher“.
Mittlerweile schaffe ich das auch. Meistens zu spät und auf den letzten Drücker. Es ist und bleibt leider eine extreme Überwindung. Aber ich schaffe es immer. Irgendwie.

Aber dieses Wissen, dass ich es überlebe und mir nichts Schlimmes passieren kann, lindert nicht meine jetzige Angst vor einem ganz anderen Telefonat…
So sitze ich also da, mit meinem vorgeschriebenen Text, tippe die Nummer ein und wähle. Halte gespannt den Atem an, sage mir meinen Text vor wie ein Mantra. Warte. Es läutet. Läutet. Läutet. Und eine Computerstimme geht dran. Keiner da. Erst in einer halben Stunde. Ich lege auf. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Die Anspannung steigt, mein Herz rast, es ist noch nicht vorbei. Ich blicke auf die Uhr. Sollte ich es doch lieber lassen? Es geht nicht. Ich muss. Die DSGVO lässt hier keine Mails mehr zu. Egal, was ich schreibe, es wird nichts. Es führt kein Weg daran vorbei. Ich überlege kurz, ob ich eine schriftliche Einverständniserklärung mit Ausnahmeregelung formulieren soll, damit ich meinen Arzt weiterhin problemlos bei Fragen mit Mails belästigen darf. Aber etwas in mir sagt, dass das ebenso albern ist wie nie wieder Pizza zu bestellen.

Dieses Telefonproblem geht nun schon viele Jahre so und wird eher schlimmer als besser. Wenn es darauf ankommt, kann ich das schon. So habe ich meinen Therapieplatz damals bekommen. Ich habe einfach 30-40 Therapeuten von einer Liste angerufen, bis einer dabei war, der Zeit hatte und kein Verhaltenstherapeut war. So habe ich auch meine Ausbildungsstelle damals bekommen. Ich bin das Telefonbuch durchgegangen und habe alle angefragt…
Aber jetzt ist das irgendwie anders. Jetzt zerdenke ich das ganze, werde unsicher, lasse es lieber sein, schaffe mir dadurch mehr Raum für Flucht und die daraus resultierenden Probleme, die mich dann auf einen Schlag erdrücken, nervös machen und die Angst vergrößern.

Und ständig hallt der Satz meines Chefs im Ohr: „Ruf doch lieber gleich an, das geht schneller.“
Für ihn ja. Für mich ist das eine ewige Folter, die auch nach einem Telefonat nicht wirklich Erleichterung bringt, weil es schon so oft vorgekommen ist, dass ein Telefonat dafür sorgt, dass ich entweder noch mal anrufen muss, jemanden ganz anderen anrufen muss, irgendwo hingehen und was abholen muss oder sich alles noch mehr verkompliziert.
Aber diese Angst vor dem Telefonieren ist etwas, das mir im Grunde genommen schadet und das ich daher unbedingt überwinden muss. Ich merke daran, wie mich das heute morgen zermürbt hat, dass es noch ein weiter Weg ist und die Herausforderungen im meinem Leben nicht weniger werden, selbst wenn ich keine Depressionen oder Therapie mehr habe…

Aber zum Glück habe ich einen Chef, der mein Psychoverhalten sehr gut auffängt, indem er mir zuhört und mich trotzdem zum Telefonieren mit netten Menschen zwingt, sodass ich auch mal positive Erfahrungen machen kann. Die fehlen mir nämlich, wenn ich (wie bei beinahe jeder Phobie) meinen Fokus auf das Vermeiden der angstauslösenden Sache setze…

In diesem Sinne: Meine Pizza wird ab heute telefonisch bestellt!

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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2 Kommentare        

u r not alone

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein technisches Gerät, das der Kommunikation dient, zum Hindernis wird ;-)

Ein schönes Thema in der heutigen Zeit, wo das Telefonieren für so viele Menschen selbstverständlich zu sein scheint und diese sich auch nicht mal vorstellen können, dass es auch Menschen gibt, für die das nicht so einfach ist. Dabei hat das Telefonieren zwangsläufig eine gewisse Oberflächlichkeit, denn ohne Gestik/Mimik/direkten Blickkontakt/Körperhaltung des Gesprächspartners zu sehen, fehlt einfach ein großer Teil an Information. Manche werden darin sicherlich eine Reduzierung auf das Wesentliche sehen, nur die reine Information selbst steht dabei im Vordergrund. Anderen dagegen fehlen wesentliche Bestandteile der Kommunikation, was zu Verunsicherungen/Ängsten führen kann.

Am Telefon weiß man nie so recht woran man ist, erst recht nicht, wenn man die andere Person vielleicht gar nicht kennt. Das könnte einem im Prinzip auch egal sein, aber so einfach ist das leider nicht, denn telefonieren ist ja nicht einfach nur einen Text aufsagen bzw. anhören und dann auflegen, sondern es werden Fragen gestellt, Fragen beantwortet, Entscheidungen sollen getroffen werden, Dinge beurteilt werden u.v.m., und dabei bleibt kaum Zeit zum Nachdenken und erst recht nicht, um Situationen zu beurteilen und dabei einzuschätzen, wie der Mensch am anderen Ende der Leitung tickt. Gerade letzteres ist das, was einen sehr verunsichern kann, denn nicht zu wissen, mit wem man es zu tun hat, kann einem selbstverständlich Angst machen, und das zu recht.
Und wehe, man macht den Fehler, sich zu irgendeiner Aussage oder Entscheidung drängen zu lassen, weil man möglichst schnell aus der unangenehmen Situation des Telefonats wieder raus möchte …

Hoch sensible Menschen haben eine z.T. extrem weit gefächerte Wahrnehmung, und das ist nichts, dem sich diese Menschen entziehen können. Da diese Menschen es nicht anders kennen, ist die Flut an Informationen etwas, das einfach immer mit dazu gehört, ganz besonders in der Kommunikation mit anderen. Mit dem Telefonhörer in der Hand ist es aber so, als würde man plötzlich all dieser gewohnten Sinneswahrnehmungen beraubt, man kommuniziert quasi blind. Und genauso unsicher, wie jemand sich fortbewegt, dem man die Augen verbindet, so unsicher und von Ängsten begleitet fühlt es sich für hoch sensible Menschen an, wenn sie telefonieren sollen/müssen.

Es macht mich jedesmal auch ein Stück weit traurig, wenn ich immer wieder sehe/höre/lese, dass sich hoch sensible Menschen gezwungenermaßen an unsere unsensible Welt anpassen sollen/müssen, sich sogar durch Therapien und Medikamente quasi auf ein Maß reduzieren, das es erleichtert, mit der Welt besser klar zu kommen. Eigentlich sollte es doch anders herum sein, ich würde mir z.B. wünschen, ich hätte die Fähigkeit, andere durch meine Augen schauen und sie die Welt so erleben zu lassen, wie ich sie wahrnehme, denn dann hätten sie die Chance zu verstehen, was ihnen im Alltag so alles entgeht und sie würden dann vielleicht auch besser verstehen können, warum der Griff zum Telefon so schwer sein kann …

Eine gesteigerte Sensibilität verstehe ich nicht als Schwäche sondern als ein unglaubliches Geschenk! Der Preis dafür ist allerdings ein Leben mit vielen Ängsten, Problemen und Herausforderungen. Und das ist es allemal wert!

Und, Pizza schon bestellt?! ;-)

Liebe Grüße
Observer

Hallo Observer,

vielen Dank für dein tolles Feedback! Es baut mich auf zu lesen, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin! : )

Und ich würde mir auch wünschen, dass die Welt um uns herum in manchen Punkten mehr so sehen kann wie wir..um das ganze besser zu verstehen…
Selbst wenn ich darauf keinen großen Einfluss habe, versuche ich auch daran zu arbeiten… In manchen ersten Telefonaten sage ich einfach gleich am Anfang, dass ich darin gar nicht gut oder nervös bin. Das nimmt mir den Druck und mein Gegenüber weiß dann auch woran er ist und ist nachsichtiger. Das geht natürlich nicht mit jedem Gesprächspartner.

In einem Telefonat stecken wirklich so viele Herausforderungen…
Ich kenne es auch zu gut, wenn ich mich zu einer Aussage gedrängt fühle, um das ganze möglichst schnell zu beenden…und wie ich mich am Ende dafür verfluche. Mir fehlt da oft die Geduld bzw. die Zeit, die ich mir geben sollte für das Telefonat.

Und ich hatte noch keine Gelegenheit Pizza zu bestellen, habe mich aber auch so in letzter Zeit mehr zum Telefonieren gezwungen. Komischerweise geht das für andere um einiges besser als für meine eigenen Angelegenheiten. Für meinen Chef die AOK-Ansprechpartnerin anzurufen und ein Schreiben anzufordern ist um einiges einfacher, als bei der gleichen Person was für mich anzufordern…

Und ich sehe diese Sensibilität auch eher als Geschenk. Es schränkt zwar hier und da etwas ein, aber solange man die Herausforderungen als solche sieht und meistern will und sich den Ängsten und Problemen stellen kann anstatt darin unterzugehen, bleibt es mit Sicherheit immer spannend. ; )

Liebe Grüße
Lui

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