Vom Schweigen und Sprechen

Einst gab es eine Welt voller Liebe, in der jeder für den anderen da war und Profit keine Rolle spielte, weil alles allen gehörte. Weil jeder besonders und sich seiner selbst bewusst war und das auch an den anderen geschätzt wurde. Es war eine Welt voller Harmonie und Gemeinschaft, in der alle Herausforderungen immer gemeinsam gelöst werden konnten und das Vertrauen in all die anderen so unglaublich einfach war. Jeder konnte sich ehrlich äußern ohne dass sich ein anderer dadurch verletzt oder gar bedroht gefühlt hat. Denn schließlich äußerte man seine Meinung, um jemandem etwas jetzt mit auf seinen Weg zu geben und nicht, um sich selbst über einen anderen zu erheben und sich dadurch besser zu fühlen. Und keiner nahm es einem übel, denn es entstanden durch diese Art des Miteinanders auch überhaupt keine Missverständnisse.

Bis das Schweigen auftrat. Erst unmerklich, so seltsam still, setzte es eine Saat in nur einem einzigen Kopf, die sich binnen kürzester Zeit zu einer dunklen Pflanze des Zweifelns entwickelte. ‚Habe ich etwas falsch gemacht?‘ stellte sich der Mensch zunächst die Frage, bevor er sie unwirsch aus seinem Bewusstsein wischte, wie eine lästige Fliege. ‚Nein, bestimmt nicht!‘ Doch tief im Unterbewusstsein begann die Pflanze sich ihren Weg nach oben zu bahnen. Sie entwickelte allmählich, genährt von Angst und Unsicherheit, ein Misstrauen, welches diesen Menschen immer mehr umgab ohne dass es ihm selbst so wirklich bewusst war.
Andere spürten, dass etwas mit diesem Menschen nicht stimmte, doch war ihnen dieses neue unbekannte Gefühl zu fremd und sie wussten damit nicht umzugehen. So schien es, als würden sie sich immer mehr von ihm distanzieren. Und besagter Mensch, einst so offen ehrlich und liebevoll vertrauensselig, begann nun selbst zu meiden. Wurde still. Schwieg. Fragte nicht mehr nach und antwortete auch nicht mehr ehrlich. Begann sich zu verstecken hinter vagen Formulierungen, die zu den enttäuschenden Erwartungen anderer wurden. Die einst so wichtigen Erklärungen, das einst so wichtige Reden miteinander, schienen nun mehr unnötig. Überflüssig.

Und so sprießte die Saat des Zweifelns immer weiter, auch bei denen, die einst so stark und immun gegen all das Negative schienen. Es entstand nach und nach ein Netz aus Intrigen und Lügen, allen voran die Enttäuschung. Die einst so schöne liebevolle ehrliche Transparenz, welche alle miteinander teilten und verband, zerriss immer mehr. Das Sprechen wurde zu einem Tabu. Man sagte ja sowieso immer das falsche. Also besser nicht zu viel preisgeben, sich ja bedeckt halten. Keinem trauen!
Jeder glaubte nun genau zu wissen, was der andere dachte und dass er etwas denken musste, das nicht dem entsprach, was er sagte. Selbst wenn es auch weiterhin die ehrliche Wahrheit war, wurde mit der Zeit immer mehr misstraut.

Es zogen sich Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte hin bis zu diesem heutigen Tag. Wir Menschen blicken zurück auf eine Zeit von Krieg, Machtbesessenheit, Geldgier, Neid, Radikalität, Wut und Hass. Hinter uns liegen unzählige gescheiterte Beziehungen und vor allem gescheiterte Versuche, uns von uns selbst abzulenken in der Hoffnung, dass sich dennoch in unserem Leben was ändert. Und eigentlich? Sitzen wir vollkommen machtlos da und warten auf Antworten, die uns niemand so leicht geben kann. Wir fühlen uns nach wie vor den Wirren der menschlichen Kommunikation ausgeliefert, ohne jedoch wirklich bereit zu sein, daran zu arbeiten und die Welt ein Stückchen besser zu machen. Diese Welt, in der es normal geworden ist, Annahmen über Tatsachen zu stellen, weil es so viel einfacher ist, als nachzufragen und auf eine ehrliche Antwort zu hoffen. Die wir dann aber ohnehin nicht mehr wirklich glauben würden. Wir unterstellen anderen böse Absichten, bis wir sie selbst zu sehen glauben.
Ja, wir schweigen, bis wir nicht mehr hören wollen.

Und dabei haben wir Menschen die Wahl entweder zu sprechen oder eben zu schweigen und damit alles einfach nur hinzunehmen. Doch wir nutzen sie nicht immer. Kommen uns lieber wahllos ausgeliefert vor, geben uns dem einfacheren Schweigen hin und signalisieren Desinteresse.
Wir können natürlich auch lügen. Uns rausreden. Schönreden. Bauchpinseln. Runterspielen. Ignorieren. Uns lieber mit schönen und angenehmeren Dingen beschäftigen als mit dem tiefsten Selbst eines anderen oder gar uns selbst.
Kann man ja auch viel kaputt machen. Zerstören. Darauf rumtrampeln. Alles zu seinem eigenen Vorteil nutzen. Manipulieren. Das geht alles ganz gut. Ohne dass man es merkt sogar. Wenn man zu sich selbst nicht ehrlich ist. Denn ehrlich zu anderen sein kann nur, wer ehrlich zu sich selbst ist. Sich eingesteht, was er im Spiegel sieht. Und dahinter. Und hinter dem Dahinter im hintersten Eck der Seele. Und vor allem in den ehrlichen Augen jener Menschen, denen wir so viel bedeuten, dass sie zu uns zwischen all diesen Blendern scheinbar unerbittlich ehrlich sind. Nicht um uns zu verletzen, sondern um uns das zu zeigen, was wirklich da ist. Das kann wehtun und ist nicht immer leicht…aber ist das einfache Schweigen etwa wirklich so viel mehr wert als all das, was wir durch ein ehrliches Miteinander erreichen können?

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

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4 Kommentare        

Liebe Lui,

mit Deiner Antwort spricht Du mir aus der Seele und ich kann Dir nur voll zustimmen.

Sei herzlichst gegrüßt
Siegfried

Sorry da habe ich meinen Entwurf mit Rechtschreibfehler eingestellt, hier die Korrektur:

Vielleicht sind manche Menschen auch nur zu oberflächlich und es ist ihnen egal, zu mühselig sich mit solchen Fragen auseinander zu setzen…

Jeder Mensch hat so seine eigenen Entscheidungs- und Verhaltensmuster. Ob diese immer so intelligent sind!?

Lieber Siegfried,

ja, da hast du leider Recht. Dazu gehört verdammt viel Mut, den nicht jeder aufbringen kann…den habe auch ich nicht immer, doch meine Tendenz geht schon mehr zur Kommunikation als bei anderen, wenn ich so das Miteinander meiner Mitmenschen beobachte und vergleiche.
Das war allerdings nicht immer so und ich kann auch heute noch sehr gut schweigen, allerdings ist das eher in größeren Gruppen der Fall. bzw. eigentlich schon, wenn ich mehr als einen Gesprächspartner habe.
Und ich drücke mich auch noch ziemlich oft vor direktem Kontakt und bevorzuge Briefe oder Mails…denn direkt einem Konflikt gegenüberzustehen ist einfach noch mal eine Nummer größer und ich glaube für niemanden ein Kinderspiel.
Doch alleine das Mitteilen in Schriftform finde ich gut und wichtig, denn ich mag mich einfach nicht mit der Oberflächlichkeit abfinden müssen und mit einer Welt, die Ignoranz und das „Sich-nicht-mehr-Melden“ als Mittel sieht, um andere loszuwerden, sich besser zu fühlen,…

Ganz schlimm finde ich auch das „Denken für andere“, also wenn man glaubt zu wissen, was in dem anderen vorgeht und wie er was meint und warum er was macht oder dass er etwas nicht macht, weil er „halt ein Arschloch ist“.
Als Mensch findet man sich meiner Meinung nach viel zu schnell und viel zu leicht mit dem ab, was scheinbar irgendwie sein könnte, als dem auf den Grund zu gehen, was wirklich ist. Womit wir wohl bei deiner Theorie sind, dass es ihnen vermutlich zu mühselig ist, sich damit auseinanderzusetzen…
Ich wünschte manchmal, dass die Suche nach einem Weg zur ehrlichen Kommunikation mehr Bedeutung hätte, als das radikale „Feindbilddenken“, das irgendwie sehr oft am Ende dieser Gedanken über andere steht.

Menschliches Miteinander ist doch immer wieder spannend, weder theoretisch zu erlernen, noch praktisch immer optimal anzuwenden. Dazu passt meiner Meinung nach auch das philosophische Zitat.

Herzliche Grüße
Lui

Liebe Lui,
wieder ein interessanter Beitrag von Dir, der Nachdenken anregt.

Und dabei haben wir Menschen die Wahl entweder zu sprechen oder eben zu schweigen und damit alles einfach nur hinzunehmen… Das und alles was Du danach schreibst erfordert starke, tiefsinnige und einsichtige Menschen, die ihrer eigenen oder der Wirklichkeit von anderen Menschen gegenübertreten können, ohne Wenn und Aber, ohne sich und andere zu belügen. Nicht jeder hat diese Stärke und diese Einsicht.

Vielleicht haben manche Menschen die zu viel Angst haben, nicht die Stärke um zwischen Sprechen oder Schweigen wählen zu können. Durch ihre Ängste entsteht vielleicht sowas, wie ein innerer Zwang, der ihnen keine Wahl lässt und sie entscheiden sich für das Schweigen, für den Selbstbetrug, für die Lüge…

Vielleicht sind manche Menschen auch nur zu oberflächlich und es ist ihnen egal, zu mühselig sich mit solchen Fragen auseinander zu setzten…

Vielleicht ist auch eine Art von „Dummheit“, die den Menschen im Wege steht, die richtige Entscheidung zwischen Reden und Schweigen zu treffen…

Jeder wählt Mensch hat so seine eigenen Entscheidungs- und Verhaltensmuster. Ob diese immer so intelligent sind!?

Grundsätzlich stimme ich Dir zu, denn Selbstbetrug, lügen, Ignoranz usw. führen meistens in einen Weg, der nichts Gutes bereithält. Aber Schweigen und ehrliches Miteinander als Wertung gegenüber zu stellen? Da möchte ich mit Sokrates Antworten: „Jedes Wort und jedes Tun hat Sinn und Geltung immer nur im augenblicklichen Zusammenhang des Geschehens“.

Herzliche Grüße
Siegfried

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