Black Dark – ein Symbol der Depression

Es war meine, ganz allein meine Entscheidung diesen Job im „Black Dark“ anzunehmen. Meine Gedanken offen wie Karten, selbstverständlich wie Pokerkarten eines Spielers, eines Zockers, auf den Tisch zu legen und sie für alle zugänglich zu machen.

Das „Black Dark“ ist die schlimmste Kneipe überhaupt und hat sehr sehr wenig Gäste. Bis auf fünf, die Tag und Nacht an der Bar sitzen und sich selbst im Spiegel anstarren, verschlägt es selten jemanden dorthin. So etwas kommt mir in meiner Situation gerade recht. Denn ich will niemanden mehr sehen. Ich habe genug von allem, weil alles mich an Jo erinnert. Und in Jo bin ich verliebt. Leider, sollte ich noch hinzufügen. Denn Jo ist 29 Jahre älter als ich, Alkoholiker, Spielsüchtig, Kettenraucher,…kurz: In so jemanden verliebt man sich nicht, wenn man normal im Kopf ist.

Ich bin im Übrigen 18 und ich weiß, ich habe mein Leben noch vor mir. Aber warum kommt es mir dann so vor, als würde ich schon alles hinter mir haben? Erlebt habe ich nicht viel. Aber irgendwie erlebe ich auch nichts mehr Neues, Aufregendes. Meine größte Angst ist die vor dem Nichts. Wenn nichts mehr kommt und mein Leben ewig auf dieser Nichts-Ebene verläuft bis ich sterbe. Denn ich habe mir alles versaut, wie man so schön sagt. Ich habe zwar einen Realschulabschluss, hätte aber auch mein Abitur machen können. Habe ich aber nicht. Eine Ausbildung habe ich auch nicht angefangen, also schwebe ich im „Nichts“. Ich habe nichts gelernt, habe nichts Weltbewegendes geschaffen, komme mir bereits wie tot vor, aber ja, mein Leben ist ja noch nicht vorbei! Juhu, es kann noch knapp 80 Jahre so weitergehen. Das beruhigt mich sichtlich…

Ich habe einfach keine Freude mehr. Früher habe ich mich immer auf meine Stammkneipe gefreut, doch da kann ich nicht mehr hin, da Jo dort sein wird. Und ich brauche Abstand von ihm. Ich muss endlich aufwachen – aus meiner Trance der Verliebtheit – und mein Leben anfangen zu ordnen. Ich weiß, was Priorität hat oder besser gesagt haben sollte: Familie, doch da ich mir nur Jo an meiner Seite vorstellen kann und ich auch niemanden unglücklich machen will indem ich ihn nicht liebe und nur aus Zwang mit ihm eine Familie gründe, streiche ich das niemals in Frage kommende Ziel. Das nächste wäre Geld, ein Job, Karriere. Das wäre toll, aber für was würde ich denn arbeiten? Um zu überleben? Existenzsicherung, Beschäftigung, damit ich mich nicht langweile? Was ist dann bitte der Sinn vom Leben?

Und genau deswegen sitze ich jetzt hier. Um mir in Ruhe Gedanken zu machen. Im „Black Dark“. Die einzige Frau. Aber das interessiert hier sowieso niemanden, da die fünf Stammkunden sowieso schon ihre Potenz versoffen haben und womöglich schizophren sind. Der einzige, der sich freut mich zu sehen, ist der Wirt: Igor. Er bringt mich jeden Abend nach Hause. Was mich wundert: Die Spiegelbildsüchtigen gehen von selbst, wenn er die Lichter ausmacht.

Igor erzählt mir, wie unglücklich er ist, weil er einen so tollen Namen für seine Kneipe hat und keiner kommt. Ich schlage ihm vor, was er davon halten würde, eine Art Bühne aufzubauen und die Gäste irgendwie zu unterhalten. Eigentlich habe ich keine Ahnung von so etwas und mir ist es insgeheim auch lieber, wenn ich nur wenige Leute zu Gesicht bekomme, aber ich biete ihm trotzdem an, ich könne ja ein paar Texte für ihn schreiben, die er dann vorliest. Er findet die Idee super. „Ich will dann aber, dass du die vorliest. Ich geb dir auch Geld dafür. Oder hast du schon einen Job?“ Ich überlege kurz…habe ich einen Job? – „Nein.“

Und so bin ich zu der geworden, der ich jetzt bin. Eine dichtende Verrückte mit schwarzer Perücke und Mortica-Addams-Outfit auf der Bühne. Was soll ich denn sonst machen? Niemand erkennt mich und ich bekomme Geld dafür. Außerdem werde ich zum Nachtmensch und sperre mich tagsüber in meinem Zimmer ein. Meine Eltern machen sich keine Sorgen. Vielleicht merke ich das aber auch nur nicht, weil ich sie schon ewig nicht mehr gesehen habe und wir nur noch per E-Mail und Zettelchen Kontakt haben.

Die Menge wartet gespannt auf meine nächste Geschichte, mein nächstes auslegbares Erlebnis. Ich beginne von Jo zu erzählen…

„Guten Abend ihr schwarzen Gestalten der Nacht…“ begrüße ich die Gäste. Darunter sehe ich sogar einige bekannte Gesichter aus meiner früheren Stammkneipe. Ich halte nicht weiter Ausschau nach Jo.

„…heute möchte ich Ihnen von meiner großen, nie in Einklang kommenden unsterblichen Liebe erzählen. Ich weiß, ich weiß. Das hört sich schrecklich übertrieben an. Es ist aber so. Aber hören Sie mir zu und machen sie sich selbst ein Bild davon.

Es beginnt damit, dass er 29 Jahre älter ist als ich, also 47. Schon allein das gibt mir nicht das Recht ihn zu lieben. Aber Recht hat ja auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Ich hätte nichts dagegen mit ihm, sein Name ist übrigens Jo, zusammen zu kommen. Mir wäre es egal, was die Gesellschaft denken würde. Aber leider, so egal einem das auch sein mag, geht es eben doch nicht spurlos an einem vorbei. Also muss ich leiden und für mich im Stillen lieben. Ich kenne ihn übrigens über meinen Vater. Er ist ein guter Freund von ihm. Noch ein Punkt, warum ich ihn nicht öffentlich lieben darf. Aber zum Glück habe ich noch meine Gedanken an ihn, die mich zugleich fesseln und befreien.

Was es mir auch noch unmöglich macht, ihm irgendwie meine Liebe zu gestehen, sind seine Eigenschaften: Alkoholabhängigkeit, Kettenraucher und spielsüchtig. Er ist sich dessen bewusst und macht sich selbst gerne runter damit. So ganz nach dem Motto: Welche Irre verliebt sich denn in so einen wie mich? Damit macht er mich auch runter.

Ihr fragt euch sicherlich, so wie der Rest der Welt auch, was ich an ihm so liebe. Nun, Liebe ist, wie jeder weiß, etwas Risikoreiches. Denn man muss etwas in sich aufgeben um dann etwas Naives und Dummes zugleich zu machen: Zu lieben. Ich weiß, wenn man liebt kommt einem jeder Satz, jede Berührung, alles, irgendwie bedeutend und schicksalhaft vor. In normalem Zustand würde ich wahrscheinlich niemals an so etwas Abstraktes wie Seelenverwandtschaft glauben. Doch seit ich Jo kenne, ihn erst unbewusst, dann bewusst, liebe, glaube ich daran. Mir scheint, als verstünde er mich und ich ihn. Mir scheint, als gäbe es da ein Band zwischen uns. Er muss seine Sätze nicht beenden, was er, wenn er betrunken ist sowieso nicht mehr zu Stande bringt, ich weiß auch so, was er meint. Und er sieht, wenn ich meine Maske aufhabe, die meine Depressionen über das trostlose Leben verschleiert. Er sieht, wenn ich gezwungen lächle.

Eines seiner liebsten Dinge ist es zu diskutieren. Stundenlang über irgendwelchen Müll, wenn es sein muss. Ich bin die einzige, so scheint es, die gerne mit ihm diskutiert, was er allerdings eher selten macht. Er sucht sich lieber jemanden totalen Fremden aus. Aber das macht mir nichts aus, solange ich daneben sitzen kann und sehe, wie er allen auf die Nerven geht und sich gleichzeitig über alle lustig macht, ohne dass sie es merken. Selten nimmt ihn jemand dann noch ernst. Ich tue das immer, es sei denn, es ist wirklich Schwachsinn. Ich respektiere ihn, er ist für mich wie ein Geliebter, ein Vater, eine Art Gott. Jemand, der alles verkörpert. Er ist nicht das beste Vorbild. Aber seine Person bedeutet mir sehr viel. Egal, was er macht.

Ich habe das Gefühl, er bringt mich immer auf den richtigen Weg. Er bringt mich dazu, Hermann Hesse zu lesen, ohne dass er mir sagt: Lies Hermann Hesse. Und ich lese Hermann Hesse. Und jeder Satz erinnert mich an ihn und an mich. Er verkörpert einfach alles für mich. Und jeder Moment, den ich mit ihm verbringen darf ist wie ein Geschenk für mich. Jede Berührung ein Symbol für Geborgenheit. Jedes Wort, dass er an mich richtet eine Ehre.

Es ist wie Liebe, aber kann nicht sein, darf nicht sein. Ich war glücklich, so wie es war. War glücklich in meine Kneipe zu gehen und die Chance zu nutzen ihn zu treffen. Doch ich habe mich an mein Glück verzweifelt geklammert, was ein Fehler war. Aus Neben- wurde Hauptsache.“

Alle meine Auftritte finden immer in unregelmäßigen Abständen statt, damit die Gäste auch ja bleiben und weiterhin zuhören. Denn niemand will auch nur einen Gedanken von mir verpassen. Igor ist begeistert. Die Kasse boomt und er muss sogar Bedienungen einstellen. Für ihn bin ich einfach nur die bezaubernde Claudia. Er weiß, dass das nicht mein richtiger Name ist, denn ich habe ihm gesagt, ich wolle mein bisheriges Leben vergessen und neu anfangen. Ihm macht das nichts aus. Für ihn und für alle anderen bin ich Claudia. Ein Name, der mich an Jo erinnert, weil er alle Frauen gerne Claudia nennt.

Natürlich fällt mir die ganze Geschichte mit dem Vergessen schwer, was ich eigentlich auch gar nicht wirklich will, aber muss. Ich weiß ja nicht einmal, was ich überhaupt will. Vergessen, lieben oder vielleicht doch allem ein Ende setzten, weil mir beides unmöglich scheint?! Genauso wie das Leben. Über all das zu reden und die Gäste mit meinen Gedanken zu unterhalten hilft mir auf eine besondere Weise.

Seit ich im „Black Dark“ arbeite habe ich ein ständiges Paranoia-Gefühl. Ich denke immer, dass Jo auftauchen wird. Heimlich hoffe ich auch, dass er irgendwann mal kommen wird. Aber dann denke ich wieder, dass es vielleicht doch besser ist, wenn er nicht weiß, was ich so in meiner Zeit mache.

Über Monate hinweg bin ich also Claudia, sehe meine Eltern nie und Jo nur auf Fotos. Als Erinnerung. Doch diese Erinnerung an Jo gibt mir die Kraft für meine Texte. Ich lese auch viele Texte vor, die ich irgendwann einmal geschrieben habe. So wie diesen hier:

„Dies ist ein Text, den ich einmal geschrieben habe. In Anwesenheit von Jo:

Würde ich dem Ratschlag einiger Leute nachkommen, ich hätte doch besseres zu tun, so würde ich jetzt nicht hier sitzen. An einem Samstagnachmittag, so gut wie alleine vor meiner Stammkneipe. Ich hätte auch einfach gehen können – nüchtern gesehen. Jo liest die Zeitung, also bin ich gezwungen ebenfalls etwas Geistiges zu tun. Ich schreibe also in mein Mona-Lisa-Notizbuch, damit ich unbesorgt meine Gedanken festhalten kann.

Ich habe keine Ahnung wie spät es ist, keine Uhr, keine Lust auf mein Handy zu blicken. Zeit zerstört alles. Zeit zerstört den Moment. Den einfachen Moment, den ich zu genießen versuche. Mir ist klar, dass dieser Moment eigentlich nichts Besonderes ist, nichts Besonderes sein darf, und vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein, aber ich genieße trotzdem diesen einen Moment, mag es ihn nun geben oder nicht.

Aber nun stelle ich mir mal einen richtigen Moment voller Bedeutung vor: Wir beide, ein „Liebespaar“, lesen gemeinsam an einem schönen, sonnigen Tag Zeitung. Schweigen. Wissend. Und jeder nippt ab und zu an seinem Glas. Würde das passen? Passt das jetzt?

Zweiter Akt: Er liest, ich schreibe. Aber werde ich jemals etwas Beeindruckendes schreiben, was er dann liest? Und vor allem: Ist diese Vorstellung, die ich von zwei teilweise aufgezwungenen Personen habe gerechtfertigt? Darf ich überhaupt das annehmen, was ich annehme?

Mache ich mir vielleicht zu viele Gedanken? Gedanken können nämlich auch einen Moment zerstören. Aber ich muss denken, was sollte ich denn sonst machen? Reden? Nein, reden ist falsch. Ich will nichts sagen. Nicht sagen, um nicht diesen einen, wunderbaren, auf wundersame Weise einzigartigen Moment zu zerstören. Ich bin in diesem Moment dabei, lebe, bin mitten drin im Geschehen. Und unter keinen Umständen will ich der Person mir gegenüber zur Last fallen, indem ich seinen ruhigen Moment zerstöre. [28.06.2008]

Ich weiß, das ist alles etwas verwirrend, aber das waren meine Gedanken in diesem einen Moment.“

„Einige weitere Gedanken von mir lauten folgendermaßen:

Wieder ein Tag, an dem ich hier sitze. Hier sitze und warte. Es ist wie ein Ritual, ein Fluch. Aber nicht im negativen Sinne. Ich warte doch nur. Ich nutze jede Gelegenheit hier zu sein. Und solange niemandem auffällt, dass ich warte, ist alles okay. Niemand weiß, dass ich warte oder dass ich hoffe Jo zu begegnen. Es ahnt niemand, warum ich hier sitze. Ganz frech, ganz unabhängig. Und irgendwie auch unauffällig und geheimnisvoll. Ich habe kein schlechtes Gewissen, keinen Grund dazu. Ich liebe Jo. Also warte ich. Und währenddessen genieße ich einfach das Gefühl an ihn zu denken und stelle mir vor, dass er kommt. Und selbst wenn er nicht kommt, bin ich nicht unglücklich.“

Natürlich erzähle ich den Gästen nicht nur von Jo, das würde sie auf Dauer langweilen. Aber ab und zu eine Jo-Anekdote bringt sie alle zum Jubeln. Ihnen gefällt, was ich schreibe, was ich denke und wie ich das Ganze vortrage. Mein Leben scheint komischerweise für alle sehr interessant zu sein. Jedenfalls interessanter, als es mir selbst vorkommt. Sogar die schizophrenen Spiegelbildverliebten lösen sich von ihrem eigenen Anblick, um mit mir zu fühlen. Und solange ich daran Spaß habe, damit Geld mache und Igors Kasse voll ist, läuft ja alles super. Leider bin ich trotzdem unglücklich. Reden und Schreiben hilft zwar den Schmerz in Worte zu fassen, ihm eine Form zu geben, aber dadurch wird einem vieles so unglaublich deutlich und es schmerzt alles nur noch mehr.

„Ich möchte euch heute erzählen, wie ich zum „Black Dark“ gekommen bin…“ leite ich wie immer meinen Akt ein. Es ist momentan zwei Uhr und alle, bis auf ein paar, sind noch fit. Es kommen sogar noch Gäste. „…Ich bin seit circa sechs Monaten hier. Doch Künstlerin bin ich erst seit etwas mehr als vier Monaten. Davor war ich Gast, so wie ihr. Damals war das „Black Dark“ ein wirklich schreckliches Lokal. Bis auf fünf, mit mir waren es sechs, Leute, verirrte sich selten jemand hier rein. Doch genau das habe ich damals gesucht. Ich wollte niemanden mehr sehen, denn alle erinnern mich nur an Jo. Und wegen Jo bin ich hier gelandet…

Wisst ihr, ich kenne Jo so unbeschreiblich gut. Ich habe ihn schon immer gemocht, aber irgendwann kam dann die Erkenntnis, dass mir diese Person mehr bedeutet, als ich jemals gedacht hätte. Alle anderen in meiner früheren Stammkneipe haben sich über mich lustig gemacht, weil ich die einzige weibliche Person war, die immer bei ihm blieb. Egal wie betrunken er war. Egal, wenn er sinnloses Zeug geredet hat. Ich war immer da und versuchte das auch beizubehalten, in seiner Nähe zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm zur Last fallen würde. Denn ich dachte, wenn ich nichts erwarte, dürfte das so sein.

Es war ein normaler Nachmittag. Ich kam gerade vor ein paar Tagen aus dem Urlaub und hatte Jo etwas mitgebracht: Alkohol. Ich ging also zu seiner kleinen küchenlosen Wohnung und klopfte an die Terrassenscheibe. Er machte überrascht auf. Damals dachte ich, ich würde ihm mit meinem Besuch eine Freude machen, weil ich ihn schon ewig nicht mehr besucht hatte, aber dem war nicht so. Die Flasche nahm er zwar an, fragte mich allerdings, woher ich mir denn das Recht nahm, ihn zu besuchen und ihm Alkohol zu schenken. Ich war wie versteinert gewesen. Er sagte alles auf seine besondere Art und so, dass ich ihm jetzt ganz leicht meine Liebe hätte gestehen können. Aber nicht der perfekteste Moment, redete ich mir ein, also sagte ich ihm, ich wolle ihm damit nur eine Freude machen. Das Gespräch verlief sehr kritisch und endete damit, dass ich mein Leben aufgeben musste. Er brachte mich dazu Dinge zu sagen, die ich eigentlich nicht wollte, von denen ich aber wusste, dass sie gesagt werden mussten. Und so verließ ich für immer meine Stammkneipe, meine Freunde und Jo. Ich konnte und kann ihm bis heute nicht mehr unter die Augen treten. Ich weiß selbst nicht warum, aber aus irgendeinem Grund fällt es mir doch schwer zu meiner Liebe zu stehen. Besonders, wenn alles dagegen spricht.“

Ich blicke in die Menge. Keiner sagt etwas oder hebt auch nur sein Glas. Alle starren mich an. Auf einmal blicke in die Augen von Jo. Ich sehe nur noch ihn. Ich hoffe, dass er mich nicht erkennt. Ich stehe wieder wie versteinert da, bis Igor sich hinter der Bar räuspert. Erst dann fahre ich mit meinem Text fort. Aber ich habe alles vor Aufregung vergessen und als ich auf mein Blatt blicke, sehe ich nur Buchstaben, kann aber nichts lesen. Nach einmal tief durchatmen, weiß ich, was zu tun ist. Ich schließe die Augen, fühle das Mikro in der rechten Hand und den Zettel, den ich zusammenknülle, in der linken Hand. Dann öffne ich sie entschlossen wieder und fahre ich fort:

„Ich bin feige.“ ist das erste, was mir in den Sinn kommt und was ich laut ausspreche.

„Denn würde ich den Moment, in dem ich die unausgesprochene Wahl hatte, noch einmal durchleben, ich wäre genauso geflüchtet wie damals…

Kennt ihr das Gefühl, wenn in euch ein Widerspruch nach dem anderen ist und alles in einer nie enden wollenden Kette zusammenhängt und sich die Prioritäten so, auf diese Weise, niemals klären werden? So fühle ich mich jetzt. Er ist hier und hört mir zu. Ich weiß nicht wie lange, aber eines weiß ich sicher. Er weiß, was ich für ihn empfinde, er hat es schon immer gewusst. All die Diskussionen mit ihm, die mich auf dir Probe gestellt haben. All die versteckten Hinweise, die ich zu deuten gewusst habe oder besser gesagt dachte zu deuten. Ich spüre es, jetzt und hier. Alles ist wahr. Es ist keine Einbildung. Es kommt nur auf die Empfindung an. Und ich empfinde in diesem Moment Angst, Trauer, das Gefühl nur Müll zu reden, alles zusammen. Aber unter all diesen Gefühlen tritt eins besonders heraus: Die Wärme, das Wissen, dass Jo da ist und mir zuhört.“

Die Menge ist von solchen Aktionen immer total begeistert, doch dafür habe ich gar kein Gehör. Ich stürme nach dieser Improvisations-Aktion sofort auf die Bar zu und heule mich bei Igor aus, der sich ebenfalls bei mir ausheult. Aus welchem Grund auch immer. Dann, nach einer Weile, tritt ein Mann neben mich. Es ist Jo. Ich blicke weg, doch er hat mich anscheinend nicht erkannt, also blicke ich ihn an. „Und mit so einem Schrott verdienen Sie also ihr Geld, äh…“ „Claudia.“ sage ich mit kratziger Stimme. Er sieht mir verblüfft in die Augen, sagt aber nichts mehr, nimmt sein Schorle und geht. Igor realisiert die Situation in Sekunden und hat gemerkt, wer das war. Schlagartig zerrt mich hinter die Bar in einen Raum um in Ruhe mit mir zu reden. „D-das war doch n-nicht etwa J-Jo?!“ schluchzt er mich mit verheulten Augen an. Ich nicke überrascht, weil ich immer noch nicht verstehe, warum ER heult, wo ich doch das Problem habe. Ich lege meine Hand auf seine Schulter und frage: „Igor…was ist denn eigentlich los?“ Er erhebt sich abrupt und starrt mich mit leeren Augen an. Dann sagt er mit fester Stimme und sehr laut: „Ich weiß, meine liebe Claudia, ich hab erzählmäßig nicht so viel drauf wie du, aber eins sag ich dir: Ich liebe dich. Diese scheiß Worte wirst du niemals über die Lippen bekommen. Aber ich. Ich liebe dich, Claudia. Dazu muss ich keine ewig langen Texte schreiben, die alles Bekloppte in meinem Kopf erklären. Ich sag’s einfach: Ich liebe dich! Seit du hier jeden Tag bist und trinkst und schreibst und lachst und weinst.“ Dann geht er. Und ich bleibe verdutzt auf einem kleinen Hocker zurück und mir wird klar, dass Herzen so leicht brechen können und Liebe nicht nur dumm und naiv, sondern auch grausam ist. Je nach dem. Eigentlich kann Liebe auch alles sein…

An diesem Abend bringt mich Igor trotzdem nach Hause. Ich verstehe auch warum. Es ist wie mit mir und Jo. Er will in meiner Nähe sein. Mit mir nicht zusammen sein schmerzt ihn nicht. Es würde ihn mehr schmerzen, wenn ich ihn verstoßen würde. Aber er ist mein Chef, Freund, Berater und ich finde ihn nett. Und solange er nichts verlangt ist das okay. Es ist wirklich wie bei Jo und mir…nur, dass ich wie immer alles versaut habe, weil ich zu feige war mir die Wahrheit einzugestehen. Zu feige, um „Ich liebe dich, Jo!“ zu sagen. Ich weiß nicht, ob ich diese Worte jemals, egal zu wem, über die Lippen bekommen werde. In einem Text kann ich diese Worte verwenden, denn ein Text besteht aus Gedanken und man kann ihn unterschiedlich auffassen. Aber Worte sind verbindlich, wenn man ihnen auf eine bestimmte Weise Ausdruck verleiht. Und dazu bin ich nicht in der Lage.

Leise schließe ich die Tür auf und unerwartet überrascht mich eine Welle von Licht und besorgten Stimmen. Es ist sechs Uhr morgens. Am Esstisch sitzen meine Eltern und noch jemand. Es ist Jo. Alle sehen mich überrascht an bis auf Jo, dessen Gesichtsausdruck mir sagt, dass er weiß, dass ich ich bin. Dass Claudia Julia ist und dass er meinen Eltern gesagt hat wo ich mich rumtreibe. Er sagt aber auch noch etwas anderes aus. Etwas Entschuldigendes und zugleich auch bittendes. Mein Job gefällt ihm wohl wirklich nicht. Mein Job ist auch nicht das, was ich will. Aber es hat mir gut getan eine Weile meine Gedanken offen zu legen und andere daran teilhaben zulassen, auch wenn sich niemand so recht in meine Lage hineinversetzen kann.

Und genau jetzt weiß ich, was zu tun ist. Ich hatte meine Auszeit. Langsam gehe ich auf den Tisch mit den drei vertrauten Personen zu, die mir auf einmal etwas fremd erscheinen. Aber ich weiß, wer sie sind. Sie wissen nur nicht, wer ich bin. Also ziehe meine Perücke runter und sage mit einem Lächeln auf den Lippen: „Guten Morgen, meine Liebsten!“

Man kann nicht genau wissen wie es mit Jo und Julia weitergehen soll. Doch eines ist sicher. Sie ist sehr glücklich, auch wenn sie nicht die Frau an seiner Seite sein kann.

„Und nun, zum Abschluss meiner Black-Dark-Künstler-Karriere, ein Gedicht…

Verliebt sein
Verliebt sein ist,
wenn sich allein bei dem Gedanken an die Person
dein Herz, deine Seele, dein Geist mir Sehnsucht füllt.
Wenn du die Wärme, die Aura der anderen Person spürst,
obwohl sie nicht da ist.
Wenn du jede noch so kleine Gelegenheit nutzt,
um sie wiederzusehen.
Aber vor allem,
wenn du es ertragen kannst,
schweren Herzens ertragen kannst,
wenn die Person, die du liebst,
von einer anderen Person eingenommen wird.
Denn du willst nur das Beste für deine Liebe.
Und wenn du ihr das nicht geben kannst,
lässt du sie gehen – aus Liebe.
Du liebst diese Person nicht,
um sie zu besitzen.
Du liebst sie, um sie frei zu sehen.“

 

-> Black Dark II

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

Autor: Journey

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