Irgendwas zwischen AD(H)S und Autismus…

Gestern war tatsächlich schon mein vorletzter Schultag und außer einem gemeinsamen Frühstück in der Werkstatt stand nicht wirklich etwas auf dem Plan. Keiner hatte auch noch wirklich die Motivation, etwas zu tun. (Außer mir natürlich…) Mäßig hoffnungsvoll legte mein Lehrer dennoch ein Blatt vor uns hin, falls wir Lust haben sollten, uns damit auseinanderzusetzen. Es enthielt ein paar Mauerwerksverbandsübungen, wie ich sie kannte und auch welche, die ich auf Anhieb nicht so leicht lösen konnte. Daneben stellte er auf jeden Tisch eine Holzbox. Kommentarlos. Irgendwann überkam mich die Neugierde und ich schob vorsichtig den Deckel zur Seite. Zum Vorschein kam ein Durcheinander aus kleinen Steinchen, die mich an Legos erinnerten. Oben hatten sie kleine Noppen, unten Löcher. Und mit einem Mal ging total mein Herz auf…

Während also der überwiegend große Teil meiner Mitschüler in die Smartphones blickte oder sich unterhielt, freute ich mich wie ein Kind über diese Box. Ich fühlte mich wie 6, obwohl ich 36 war und stapelte nach und nach kleine Steinchen auf den Holzdeckel, der ebenfalls Löcher enthielt. Ich begriff sofort, wie dieses Lernspiel mir helfen sollte beim Lösen der Aufgaben. Bei ein paar Dingen lag ich zwar falsch, weil wir beim Mauerwerksunterricht auch nicht so sehr in die Tiefe gegangen sind, aber mein Lehrer beobachtete und korrigierte mich. Am Ende hatte ich es verstanden, etwas gelernt, sehr viel Spaß gehabt, das Blatt gelöst, mein Honigbrot gegessen und blickte wieder in die Box. Und da ich nun nichts mehr zu tun hatte, begann ich, die Steinchen nach Größe und Farbe zu sortierten. Erst zögerlich und dann so richtig, bis ich mich darin verlor. So wie meine Mitschüler sich in ihren Smartphones verloren hatten, tauchte ich komplett in diese Box ein. Und während ich Steinchen um Steinchen sortierte, verschob, drehte und an andere anlegte, empfand ich ein unendliches Glücksgefühl und merkte, wie in mir alles ruhig wurde und eine Ordnung entstand, die mich zutiefst befriedigte.
Mit einem Mal nahm ich irgendwie kaum mehr etwas um mich herum wahr, außer, dass mein Lehrer immer wieder mal zu mir rüber sah, immer faszinierter schien und dann irgendwann eher im Scherz fragte, ob ich vielleicht Autist sei. Und irgendwie… ja… mein Verhalten hat schon etwas Autistisches, das lässt sich definitiv nicht leugnen. Diagnostiziert bin ich zwar nicht, aber das muss es laut meinem Psychiater in meinem Fall auch nicht. Schließlich leide ich nicht darunter. Es ist nur ein leichter Zwang, Dinge zu sortieren. Aber ich kann auch damit leben, wenn sie unsortiert bleiben (auch wenn es etwas unbefriedigend ist).

Irgendwie kamen wir dann auf das Thema AD(H)S und er war überrascht, dass ich es habe, so richtig diagnostiziert bin und Tabletten nehme, um im Alltag besser klarzukommen. Weil man es mir eben nicht ansieht. Weil es sich vermutlich (und zum Glück) gut mit diesem kleinen autistischen Teil in mir ergänzt, der für Ordnung sorgt. Ich bin sozusagen eine sehr gut strukturierte Chaotin.

Und plötzlich ergibt mein Verhalten, das ich über das Schuljahr so gezeigt habe, für meinen Lehrer einen Sinn…
Warum ich die Gesteinskörnung bis auf das letzte Sandkorn abgemessen habe…
Warum ich Zahlen ungern runde und lieber 10 Nachkommastellen aufschreibe…
Warum ich die Fliesenabstandshilfen, welche von den Schülern so lieblos unsortiert in die Eimer geworfen wurden, wieder in 2 mm und 3 mm sortiert habe…
Warum ich oft so konfus wirke und manchmal überfordert bin in neuen Situationen…
Warum ich den Faden verliere und so „lost“ wirke, wenn man mir zu viel auf einmal erklärt…
Warum vor mir ein Stapel Zettel mit Listen liegt, als würde ich ein Großunternehmen führen… (und dabei nur meinen Tag oder den nächsten Einkauf plane)

Ja, das alles klingt zunächst irgendwie amüsant, aber auch anstrengend. Vermutlich kostet es mich trotz Medikamenten auch verdammt viel mehr Energie als andere Menschen, alles im Griff zu behalten. Vollkommen ohne wäre es für mich mittlerweile undenkbar, in dieser Welt nicht unterzugehen. Aber mit funktioniert es. Es sind keine „Drogen“ im eigentlichen Sinn, mit denen ich mich irgendwie pushe. Sie erlauben es mir eher das zu nutzen, was da ist und durch mein Handicap nicht nutzen kann. Aber sie sind auch kein Allheilmittel für jeden. Manchen AD(H)S-Patienten bringen sie leider nicht so viel. Mir helfen sie seit etwa 13 Jahren, meinen Weg zu finden und beizubehalten und eben nicht zu leiden und mein Leben von einem unausgeglichenen Dopaminhaushalt in meinem Gehirn bestimmen zu lassen.

Im Gespräch mit meinem Lehrer und auch in Gesprächen mit anderen ist mir übrigens in den letzten paar Tagen bewusst geworden, wie sehr mir dieser autistische Teil in mir hilft. Ich bin diesbezüglich echt froh, dass ich diesen (nur sehr leicht zwanghaften) Teil in mir habe, der gerne sortiert, unglaublich strukturiert sein kann, Ordnung liebt und meine AD(H)S-Symptome quasi etwas „ausgleicht“.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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