Vor etwas mehr als 2 Wochen habe ich mein ADHS-Medikament gewechselt, weil mein bisheriges einfach nicht mehr so gut gewirkt hat wie bisher. In der ersten Zeit lief es recht gut, aber ich frage mich nun so langsam, ob es das richtige ist oder ob die Dosis nicht zu schwach ist. Die Veränderungen sind zugegebenermaßen schon etwas krass.
Ich frage ich mich gerade auch mal wieder, wer ich eigentlich bin. Einerseits fühle ich mich wieder mehr wie ich, andererseits scheine ich einen Teil zu verlieren, der ich eben auch bin. Bin ich denn nun mehr ich mit dem einen Medikament oder mit dem anderen? Oder bin ich ich ganz ohne? Wie bin ich mit dem nächsten?
Die positiven Aspekte: Ich bin insgesamt lockerer, spontaner, weniger zwanghaft, um einiges inspirierter und emotionaler. Und ich bin abends deutlich fitter bzw. falle nicht tot ins Bett.
Allerdings gibt es auch einige Nachteile.
Hier mal ein paar Kernpunkte, woran ich das alles festmache:
Konzentration
Meine Konzentration ist stellenweise so wie beim anderen Medikament auch, besonders am Morgen, wenn der größte Teil der Wirkung freigesetzt wird. Aber ich bin über den Tag verteilt um einiges ablenkbarer, kann die Reize bei weitem nicht so gut filtern wie bisher. Vögel. Menschen, die sprechen… Ich nehme wieder viel zu viel auf einmal wahr. Aber nicht nur das im Außen. Das in mir ebenso. Meine eigenen Gedanken und Ideen und Tagträume lenken mich selbst ab und ich kann nicht mehr so leicht den Fokus über einen längeren Zeitraum hinweg halten wie bisher. „Multitasking“ ist auch kaum möglich; also noch weniger als ohnehin schon.
Zwänge
Wie zwanghaft ich eigentlich bin, merke ich gerade deutlich. Einerseits ist es schön, zu spüren, wie einige dieser Zwänge sich auflösen und auch, dass es mir keine Angst macht. Zumindest im ersten Moment. Jetzt fehlen sie mir doch so langsam. Ich fühle mich häufiger lost und ohne Halt. Aber die zwanghafte Disziplin aufzubringen, einen Plan zu erstellen, fällt mir gerade wirklich unglaublich schwer…
Organisation
Ich bin deutlich unorganisierter und schusseliger, muss mir für vieles einen Wecker stellen, weil ich ein schlechteres Zeitgefühl habe. Das habe ich mit der bisherigen Medikation zwar auch immer wieder mal gemacht, aber es ist jetzt deutlich anstrengender. Ich bin vermutlich immer noch organisierter als so manch anderer, aber es ist eben kein Automatismus mehr. Es kostet mich spürbar mehr Energie. Zwar gehe ich zum Glück auch lockerer damit um bzw. drehe nicht durch…, aber es fühlt sich dennoch nicht so wirklich gut an.
Soziales
Da bin ich weitaus spontaner. Man muss nicht mehr Tage vorher mit mir einen Termin ausmachen zum Telefonieren oder für ein Treffen. Was gut ist, vor allem für meine viel spontaneren sozialen Kontakte. Allerdings funktioniert die Abgrenzung bei mir momentan auch nicht so wirklich; also das, was mich als introvertierte Person vor einem Social Burnout mit komplett entleerter Social Battery schützt. Ich erkenne nicht, wenn mir Kontakte eigentlich zu viel sind und habe irgendwie kein Regulierungsgefühl mehr. Ich unterschätze, wie sehr es mich auslaugt, so viel online und verfügbar zu sein, weil es mir in dem Moment auch gut damit geht. Jetzt, nach einigen Tagen, merke ich es aber.
Emotionen
Insgesamt bin ich emotionaler, was nicht unbedingt schlecht sein muss. Ich fühle mich nicht mehr so… „flach“, so… „überkontrolliert“. Aber ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, ob das wirklich so gut ist… zumindest in diesem Ausmaß.
Musik
Wenn ich alleine bin, dann triggert mich Musik momentan extrem, sodass ich entweder anfange zu heulen vor Freude oder aus Nostalgie. Oder ich tanze. Oder beides. Und das nicht nur ein bisschen, sondern drei Stunden bis ich komplett k.o. bin. Aber ich kann einfach nicht aufhören, bin süchtig nach dem Glücksgefühl, was es in mir auslöst.
Was hier vielleicht noch hineinspielt ist, dass ich durch die Bewegung zu Musik vieles ausblende und gleichzeitig verarbeite. Und zurzeit komme ich mit dem Verarbeiten von Informationen einfach nicht mehr nach.
Zum einen habe ich ja nun mein Buch final beendet und es fehlt nur noch das Cover. Und das war auch noch mal ein Prozess… Interessanterweise geht es darin auch ums Tanzen und dass die Protagonistin vieles dabei verarbeitet. Womöglich stecke ich ich da zusätzlich auch noch etwas drin in der Story…
Zum anderen passiert mal wieder einfach zu viel um mich herum. Zu viel ungelöste Probleme, die ich „aushalten“ muss, weil ich nichts tun kann, keine Kontrolle habe. Wenn sie mich betreffen, bekomme ich es noch hin, mich um sie zu kümmern (zum Glück!). Aber etwa 80 % der Probleme in meinem Kopf haben mit Menschen zu tun, die ich mag und denen ich nicht helfen kann, wie meine Eltern, mein Freund Observer und einem neuen Menschen in meinem Leben, den ich im Bus kennengelernt habe. Ach ja, und dann wäre da noch die Welt, die ich nicht ändern kann. Aber das war auch schon vor dem Wechsel so schlimm für mich.
Sonne
Okay, DAS ist vermutlich das positivste: Ich ertrage die Hitze etwas besser.
Tja, und nun? Diese Woche hatte ich frei bzw. „Sommerferien“. Und jetzt, wo ich so darüber nachdenke, habe trotz der Konzentrationsschwierigkeiten und den negativen Aspekten dieses Wechsels doch so einiges gebacken bekommen. Nächste Woche arbeite ich „normal“. Mal sehen, vielleicht tut mir die Struktur auch wieder ganz gut… Übernächste Woche habe ich dann wieder frei und einen Termin bei meinem Psychiater. Jedenfalls werde ich echt sehr viel zu berichten haben…

Hallo Lui!
Das muß ganz schön verwirrend sein, wenn sich ein Medikament teilweise so deutlich auswirkt, dass du dich fragst, wer du eigentlich bist. Zumindest scheint es dich zu verunsichern, was kaum verwunderlich ist. Mir scheint es so zu sein, dass du einfach viele deiner Eigenschaften mal mehr und mal weniger gut nutzen und auch an dir wahrnehmen kannst. Ich denke, es ist nicht das Medikament, das dir die eine oder andere Eigenschaft verleiht, sondern es ist vielmehr der Effekt, dass das Medikament deine immer vorhandenen Eigenschaften mal mehr und mal weniger gut zum Vorschein kommen lässt.
Im Vergleich zur vorherigen Medikation kommt es mir so vor, als wenn du jetzt so einen Allround-Effekt erlebst, der eher so eine Art von Kompromiss darstellt. Dagegen war es vorher eher so eine Art "Jetzt-Effekt", also quasi auf den Punkt und mit voller (positiver) Wirkung, dann aber wieder mit schnellem Abbau und dadurch deutlicher Verschlechterung deiner Fähigkeiten.
Fakt ist, dass AD(H)S als eine anerkannte psychische Störung gilt. Ebenso Fakt ist, dass du nicht dein AD(H)S bist sondern es einfach 'nur' hast. Deine Persönlichkeit, dein Charakter und vieles andere sollten von z.B. Medikinet nicht verändert werden, denn es ist ja im Grunde 'nur' ein Regulator für bestimmte Botenstoffe im Gehirn. Die Auswirkungen sind natürlich nicht ohne, gerade die Veränderung der Reizfilterung ist sehr deutlich spürbar, ebenso die Impulskontrolle und die Konzentrationsfähigkeit. Natürlich gilt das auch für die ganze Palette an Emotionen, die davon betroffen sind.
Du kennst die Symptome von AD(H)S an dir nur allzu gut, da ist es kein Wunder, wenn sich das für dich als ein Teil deiner Persönlichkeit anfühlt. Wird dann mit einem Medikament 'dran gedreht', muß sich das ziemlich krass anfühlen. Kein Wunder, wenn du dir da manchmal fremder oder aber auch vertrauter vorkommst.
Vielleicht braucht es einfach noch etwas mehr trial & error, um eine Medikation zu finden, die möglichst optimal für dich ist. Vielleicht gibt es die aber auch gar nicht, schließlich verändert sich das Leben ständig und somit ist es eher unwahrscheinlich, dass es die eine perfekte Variante für alle Umstände gibt.
Interessant fände ich es in diesem Kontext auch die Erfahrungen anderer mal kennenzulernen. Ich höre meist nur davon, dass es wirkt oder nicht wirkt, verträglich oder unverträglich ist usw., aber eher selten werden die Konsequenzen im Detail erläutert, so wie du es machst.
Für alle, die nicht betroffen sind, wäre es vielleicht auch ganz interessant, eine 'AD(H)S Simulations-App' mal auszuprobieren. Einfach nur mal, um die Erfahrung machen zu können, wie das so ist mit so einer 24/7 Belastung, die man sich nicht ausgesucht hat. Es würde anderen einen Zugang zur Thematik verschaffen und damit möglicherweise ein größeres Verständnis und Anerkennung in der Gesellschaft ermöglichen. Ist da etwa schon was im App Store? 😉
Just my 2 cents …