Meine Toleranz gegenüber Kindern ist zugegebenermaßen nicht sonderlich groß bzw. hat sie ihre Grenzen. Und sobald diese einmal überschritten sind, treibt mich schon allein das bloße Vorbeilaufen eines Kindes an meiner Terrasse in den Wahnsinn und zu Gedanken, die ich hier lieber nicht ausführlich beschreiben möchte.
Aber beginnen wir doch am Anfang: Wie sage ich es meinem Kinde bzw. den Eltern?
Seit einer Weile habe ich ja eine neue Nachbarin. Zunächst erfreut stellte ich fest, dass sie schon über 60 ist und daher keine Kinder zu erwarten sind. Leider hatte ich nicht damit gerechnet, dass ihre Kinder in dem Alter sein könnten, selbst welche zu haben und die gute Oma somit zu Feiertagen und in den Ferien (die ich in meiner schulischen Ausbildung ja leider auch habe) Besuch von ihren Enkelkindern bekommt.
Das hat einfach alles verändert…
Es hat schon seinen Grund, warum ich gerne in einer Kleinstadt wohne. Am Stadtrand. Direkt am Friedhof und in der Nähe von betreutem Wohnen. Ich schätze die vielen älteren Menschen im Haus; schätze es so sehr, mich zu Hause sicher zu fühlen vor der oft zu lauten und fordernden Welt. Ich schätze meine verwinkelte Erdgeschosswohnung mit Terrasse und den Ausblick auf ein Stück leere Rasenfläche. Und ich schätze vor allem die Ruhe und dass ich nichts von den Menschen um mich herum mitbekomme, da in der Regel meine Nachbarn auch auf ihren Terrassen bleiben und nicht auf dem Rasen herumturnen.
Jetzt hat allerdings ein etwa zehnjähriger Junge herausgefunden, dass es ganz cool ist, den Ball direkt gegen die Betonwand vor meiner Terrasse zu kicken. Bäm! Alternativ ist es auch ganz toll auf dem Rasen Fußball zu spielen mit anderen Kindern, die weiter vorne im Haus wohnen und mir schon seit einigen Sommern auf die Nerven gehen. Aber bisher konnte ich das noch gut verkraften. Bisher konnte ich über das Hin- und Hergelaufe hinwegsehen. Bisher wurde es aber auch nicht von Knallgeräuschen unterbrochen.
Hier endet nun meine Toleranz gegenüber Kindern abrupt. Wie eine Gestörte setze ich mich hinter meine dunkle Gardine, blicke hindurch ohne gesehen zu werden und hoffe mit jedem Knall, dass es jemand mitbekommt und etwas sagt. Hoffe so sehr, dass die Mutter das Kind woanders hinschickt. Hoffe, dass es endet und ich in Ruhe weiterarbeiten kann. Doch mein Nervenkostüm wird mit jedem Knall dünner. Ich schwanke zwischen Tränen und Wut und entschließe mich dazu, auf die lauteste und brutalste Weise meine Rollos runterzuziehen. Das sollte eigentlich ein sehr deutliches Signal sein für: „Hallo, ich wohne auch hier und will meine Ruhe!“ Leider ohne Erfolg.
An diesem Tag verkroch ich mich dann in meiner Küche im Inneren der Wohnung, nahm eine Handvoll Tabletten gegen Stress und wartete auf ihre Wirkung…
Nach einem weiteren Nachmittag und Abend voller Leid und Nervenzusammenbrüchen in meiner eigenen Wohnung und Lärm im Außen habe ich dann am nächsten Tag all meinen Mut zusammen genommen und etwas gesagt. Diese paar Schritte zu der Mutter, die sich ebenfalls wie selbstverständlich auf meine Terrasse gestellt hat, haben mich so viel Überwindung gekostet wie einen Spinnenphobiker in ein Schwimmbecken voller Spinnen zu steigen. Und dann auch noch ruhig zu bleiben, obwohl in mir ein Chaos zwischen Aggression und Depression tobte, war echt nicht leicht. Mich deprimiert einfach diese Hilfslosigkeit zutiefst. Ich will das gar nicht ansprechen müssen. Ich will, dass man das von selbst merkt. Ich will ruhige Nachbarn, die ich nicht darum bitten muss…
Tja, die Kinder wurden dann zum Glück auch ruhiger, was aber auch daran liegen könnte, dass es der letzte Ferientag gewesen ist und die Familie wohl relativ rasch abgereist ist. Als die Osterferien dann vorüber waren, fühlte ich mich jedenfalls wieder wohler, befreiter. In den kommenden Wochen waren die Kinder nicht da, ich war nicht da. Alles gut. Himmlische Ruhe!
Bis es Pfingsten dann richtig übel wurde…
Mittlerweile sind es noch mehr Kinder. Sie tauchen von überall her auf und ich kann absolut nicht mehr einordnen, zu wem sie gehören. Zu den Kindern meiner Nachbarin? Zu anderen Nachbarn? Unbefleckte Empfängnis ohne Mutter?
Ich versuche wirklich tolerant zu sein. Denn ich bin ja ohnehin machtlos in dieser Situation. Schließlich steht ja nirgends ein Verbot, den Rasen zu betreten und den Ball gegen die Wand zu kicken. Die Kinder verletzen ja auch keine Ruhezeiten. Sie scheinen zudem niemanden zu stören bis auf mich. Reagiere ich vielleicht einfach über? Muss ich mich einfach damit abfinden, wie es ist, weil ich die einzige bin, die das zu stören scheint? Weil ich als kinderlose weniger Rechte und nichts zu melden habe?
Meine Toleranz fand an Pfingsten jedenfalls erneut ihr Ende, als ein Kind sein Spielzeug auf meiner Terrasse verteilt und sich dann dorthin gesetzt hat.
Und wieder blicke ich durch meine dunklen Gardinen und versuche mich zu beruhigen. ‚Immerhin ist es nicht laut. Immerhin hat es etwas an und kackt dir nicht auf den Balkon‘, sage ich mir, doch es hilft nicht wirklich. Ich weiß einfach nicht so recht, was ich bei diesem Anblick empfinden soll. Irgendwie… Empörung? Wut? Unverständnis! Warum merkt keiner, wie nervig diese Kinder sind? Warum erklärt man ihnen nicht, dass man sein Eigentum nicht auf fremden Terrassen verteilt, auch wenn diese so einladend leer sind? Warum bringt man den Kindern nicht Respekt und Grenzen bei? Warum zerstört man so brutal die Ruhe, die ich bisher gewohnt war?
Und ja, ich bin kein Sommermensch und nutze die Terrasse kaum. Ja, auf meiner Terrasse ist echt viel Platz, da dort wirklich nur ein Tisch im Eck steht, während alle meine Nachbarn alles komplett mit Gartenmöbeln und Deko voll gestellt haben. Ja, diese Fläche muss für ein Kind (und die unsichtbaren Eltern) unfassbar verlockend frei erscheinen. Aber das gibt keinem das Recht, diesen Bereich zu betreten und zu nutzen, als wäre es ein öffentlicher Raum! Oder sehe ich das falsch? Zumindest steht nicht in der Hausordnung, dass man fremde Terrassen nicht mitnutzen darf. Aber muss man so etwas aus meiner Sicht Offensichtliches denn wirklich explizit in die Hausordnung aufnehmen und auch noch erwähnen? Dass man auf dem Rasen nicht Fußball spielen darf steht immerhin drin. Scheint aber auch keinen zu stören oder zu interessieren. Hat eh keiner gelesen. Außer mir, die ihren Müll morgens um kurz nach vier verbotenerweise am Abfallbehälter entsorgt. Aber ich lege den immerhin leise in den Behälter und achte darauf keinen zu stören.
Aber zurück zum fremden Kind auf meinem Balkon: Da es relativ rasch wieder samt Spielzeug verschwunden ist, ging mein Stresslevel wieder runter. Für den Moment. Denn die Kinder setzen mit jedem Mal eins drauf und gehen noch weiter. Testen sie mich? Mobben sie mich, wie es Kinder schon seit meiner Kindheit mit Freude tun, weil ich so ein leichtes Opfer bin, das sich nicht wehrt?
Ihren Ball lassen sie auf meiner Terrasse liegen. Sie betreten diese, als gäbe es keine Grenzen, berühren die Gegenstände auf meinem Tisch und rennen knallen in die Ecke meiner Terrasse und an die Terrassentür, während ich hilflos hinter der Gardine stehe, kurz vorm Heulen bin und gleichzeitig das Kind gegen die Betonwand kicken möchte. Aber ich bin unfähig, mich zu bewegen. Unfähig, etwas zu sagen. Unfähig da rauszugehen und ein Machtwort zu sprechen. Unfähig, die Eltern aufzusuchen und sie darum zu bitten, das zu tun. Gegen diese Kinder bin ich einfach absolut machtlos. Game over.
Ich habe mittlerweile echt Angst. Angst, dass noch mehr Kinder kommen. Angst, dass ich hier nie wieder Ruhe finde. Angst vor neuen Nachbarn, denn leider ist meine ältere Nachbarin zur anderen Seite erst verschwunden und nun vermutlich verstorben, da ihre Wohnung entrümpelt wurde. Was, wenn da noch mehr Kinder einziehen? Oder noch jemand mit Enkelkindern? Was, wenn ich dann von beiden Seiten eingesperrt bin und sie hin- und herrennen über meine Terrasse, vorbei an meinem Wäscheständer, rücksichts- und respektlos? Die Wohnung nebenan wäre groß genug für eine kleine Familie. Und sollten dort wirklich Kinder einziehen, bin ich auch weiterhin absolut machtlos. Denn was kann ich schon tun? Sie erziehen? Wegziehen!? Eigentlich möchte ich vor dem Ende meiner Ausbildung nicht nochmal umziehen müssen…eigentlich mag ich meine Wohnung…
Ich möchte aber auch keiner dieser „Ich baue mir einen hohen Zaun/eine Hecke“-Nachbarn sein und einen Krieg beginnen. Ich will mich nicht so krass abschotten müssen. Will keine subtilen (aber eindeutigen) Signale setzen müssen, weil ich zu unfähig bin, was zu sagen. Aber wie sagt man sowas auch?
„Sorry, eure Kinder sind verzogen, laut und nerven!“?
„Ich wohne hier eigentlich, weil es ruhig ist und ihr stört!“?
„Wann kommt ihr wieder, dann muss ich mir vorher überlegen, wohin ich in dieser Zeit fliehen kann!“?
„Wollt ihr meine Terrasse mieten???“?
„Sorry, aber dürfte ich hier auf meiner Terrasse bitte meinen Wäscheständer aufstellen?“
(Ich hatte beim letzten Mal extra Wäsche gewaschen und ganz vorne als Barriere aufgestellt. Und ich hatte mir überlegt, diesen Satz zu sagen, wenn das Kind da noch gesessen hätte… Leider bringt die „einfache“ Wäscheständerbarriere auch nichts, denn das nervigste Kind schlängelt sich daran vorbei auf meine Terrasse… ich teste gerade die „Erweiterung“. Unnötig zu sagen, dass meine Wäsche längst trocken ist und eigentlich nur noch ausbleichen oder vom Regen nass werden kann…)

Und ja, ich weiß, dass es nicht gut ist, nichts zu sagen, still zu leiden und seine Wut so stark anwachsen zu lassen, bis man sich vorstellt, entweder sich selbst oder einfach alle Nachbarn direkt zum Friedhof nebenan zu befördern… aber ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich sagen soll. Ich wünschte, jemand anderes könnte das tun. Jemand, der sich nicht so viele blockierende Gedanken macht und vor allem keine Probleme hat, seinen Raum zurückzufordern und sich zu beschweren. Vor allem wünsche ich mir, dass es nicht nur mich stört… denn scheinbar bin ich die einzige, die darunter leidet.
Ich bin auch die einzige ohne „Kinderverbindung“, die im Erdgeschoss wohnt. (Auf die Balkone im ersten oder zweiten Stock werden die ja kaum klettern. Noch nicht. Was mich zu einer erneuten Frage bringt, die ich gerne stellen würde: „Soll ich euch noch eine Leiter hinstellen, damit ihr den Nachbarn im ersten und zweiten Stock auch so auf die Pelle rücken könnt?“)
Sagen wir es kurz und knapp, wie es ist: An dieser Front kämpfe ich wohl alleine… oder besser gesagt: Ich lasse mich beschießen, während meine Schutzschilde nach und nach versagen und ich auf eine Rettung hoffe, die nicht kommen wird, da ich wohl die einzige „Gestörte“ bin und Kinder besonderen Schutz bekommen. Ich bin leider auch die einzige Person, die diese Kinder direkt vor der Nase hat, da meine Wohnung nur auf der Terrassen-/Rasenseite Fenster hat… Ich kann also nur in die Küche, den Gang, ins Bad oder die Abstellkammer fliehen. Oder in den Keller. Oder aus der Wohnung… Das Wohn- und Schlafzimmer werden jedenfalls in der Ferien-/Sommerzeit unbewohnbar, wenn diese Kinder auch da wieder hier sein sollten. Und ich schaffe es einfach nicht, das den Eltern oder Kindern bewusst zu machen. Ich fühle mich einfach absolut machtlos… und noch schlimmer… ich fühle mich wie die Hexe im Märchen, die als Kinderhasserin gilt, daher die böse ist und immer verliert. Noch nie hatte ich so sehr Mitleid mit ihr. Vielleicht wollte sie auch einfach nur ihre Ruhe haben…und wird zum Schluss im Ofen verbrannt.
