Katzen streicheln für Anfänger

Du siehst sie: In etwa zehn Metern Entfernung schlendert eine Katze elegant und einladend am Wegrand entlang. Sie hat dich natürlich schon längst entdeckt, bleibt stehen und setzt sich. Blickt dir versonnen in die Augen. Das weckt den Anschein, sie wäre zutraulich und würde auf dich warten. Doch im Grunde hält sie sich die Flucht in alle Richtungen offen. Im Grunde ist sie ein freies Wesen, das dir vielleicht näher kommen, sich dir aber nicht unterwerfen wird. Wenn du genau hinsiehst, liegt darin auch ihre Schönheit.

Ich habe den Einruck, dass Beziehungen (egal ob zu einem Partner oder zu Freunden) oft wie eine scheue Katze sind, die man am liebsten ständig streicheln und knuddeln würde, weil man sie über alles liebt und bei sich haben will. Doch geht man auf sie zu und bemerkt nicht, dass sie das gerade gar nicht will, so kann es durchaus sein, dass sie einen beißt oder die Flucht ergreift. Dann ist sie weg und man hat es sich womöglich bei ihr verscherzt – manchmal nur für den Moment, manchmal für immer.

Doch wie kann es überhaupt gelingen, dass diese Beziehungskatze zu einem kommt?
Ganz einfach: Man geht zuerst einmal auf die Knie und somit auf Augenhöhe. Das nimmt ihr schon mal die Angst, dass du größer bist als sie und schafft eine Ebene, auf der man sich vorsichtig annähern kann.
Dann kannst du natürlich versuchen, sie anzulocken mit schönem Spielzeug oder Leckereien. Vielleicht funktioniert das sogar. Aber die Chance, dass sie dann nicht wegen dir kommt, sondern weil sie was von dir bekommt ist relativ hoch.
Am besten reichst du ihr also nur deine Hand und wartest. Rufst vielleicht in einem sanften Ton nach ihr, testest vorsichtig, worauf sie reagiert und redest beruhigend auf sie ein. Wenn sie das anlockt und sie auf dich zukommt, kannst du versuchen, ihr nun auch etwas entgegenzukommen. Aber immer mit einem gewissen Respekt und Abstand. Denn du darfst nie vergessen, dass es eigentlich ein Privileg und keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich dieses scheue Wesen auf dich einlässt.
So wäre es unfair, sie an sich zu drücken, sich an sie zu klammern und festzuhalten, wenn sie dir schon mal entgegen kommt. Genauso unfair wäre es, sie sich einfach zu krallen und mitzunehmen. Sie wird sich wehren und dich beißen, was ja auch logisch ist. Sie ist und bleibt ein freies Wesen mit eigenständigem Kopf. Ihre Liebe gewinnst du nicht, indem du sie bestichst, sie einen Erwartungszwang spüren lässt oder einsperrst. Und deiner Liebe zu ihr wird auf ewig die Enttäuschung entgegen stehen, dass sie nun doch nicht so agiert, wie du es dir wünschst und erwartest.

Diese Metapher ist eigentlich so einfach und auch einfach zu verstehen… und dennoch kommt es in Beziehungen so oft vor, dass man einen gewissen Besitzanspruch erhebt. Allerdings verliert man damit automatisch den Respekt vor der Freiheit des Anderen. Man lässt ihm so auch nicht mehr die Möglichkeit, aus eigenen Stücken und mit freiem Willen von selbst zu kommen. Viel schlimmer noch: All das lässt einen spüren, dass die andere Person sich scheinbar entfernt. Jegliches „Beißen“ und „Zurückweichen“ sowie der freie Kopf des Gegenüber wird dann als unglaublich verletzend empfunden.
So beginnt man zu klammern und seine (Verlust)Angst auszuleben und schlägt im schlimmsten Fall dadurch die Katze in die Flucht, obwohl sie vielleicht gar nicht vorhatte zu fliehen.

 

Ich glaube daher, dass Beziehungen erst dann wirklich fest und intensiv sein können, wenn man sich mit der anderen Person auf Augenhöhe befindet. Wenn man die Hand reicht, aber nicht erwartet, dass der andere kommt. Wenn man sich an der Schönheit und Freiheit des anderen erfreuen kann ohne sich vernachlässigt zu fühlen. Wenn man Geduld aufbringen kann ohne den Anspruch, dass sich die Erwartung in den nächsten Tagen und Wochen erfüllen wird.
Wenn man vertraut, sollte man das auch können. Dann sollte das Vertrauen die Zeit überdauern.

Aber was ist, wenn die Katze mich trotzdem beißt, so sehr ich ihr auch die Hand reiche? Was ist, wenn sie dann doch die Flucht ergreift, obwohl ich so hart dafür gearbeitet habe, dass sie zu mir kommt und bleibt?
Die Sicherheit, dass das nicht passiert, gibt es nie. Manchmal beißen Katzen einen. Und es gibt keine Garantie auf ein für immer. Aber es gibt einen Weg, anders damit umzugehen und sich für den anderen zu freuen, selbst wenn man gerade das Gefühl hat, dass etwas auseinandergeht. Selbst wenn man gerade nicht die Nummer eins ist. Das Vertrauen, dass man sich wieder findet und der Biss keine Absicht war, sollte darüber stehen. Ebenso wie die Liebe.

Du liebst diese Person nicht,
um sie zu besitzen.
Du liebst sie, um sie frei zu sehen.
[aus Black Dark]

 

Freiheit war ja schon immer ein große Thema für mich, weil ich mich durch andere schnell darin eingeschränkt fühle. Mit Observer habe ich darüber sehr viel in unseren ersten Mails geschrieben. Er ist da wie ich und doch sind wir beide zusammen. Vermutlich deshalb. Er ist wie ich nicht eifersüchtig. Er schätzt wie ich die Zeit für sich, aber auch mit mir. Er gibt mir das Gefühl, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen, auch wenn er sich oft weit unter mir fühlt. Aber dann setze ich mich zu ihm auf den Boden und reiche ihm die Hand, so wie er mir seine immer wieder reicht ohne zu greifen und mich festzuhalten.
Aufeinander zuzugehen ist immer wieder eine Entscheidung. Jeden Tag, wenn ich ihn ansehe. Und das funktioniert nur, wenn man sich nicht feshält, nicht klammert, nicht fesselt. Die unsichtbare Verbindung zwischen zwei Menschen ist nämlich mehr als das.

In einer seiner ersten Mails hat er folgende Worte geschrieben, an die ich bis heute immer wieder gerne zurückdenke:

„Was man mit Gewalt zusammenfügt, kann auch nur mit Gewalt zusammengehalten werden. Was von ganz allein zusammenfindet, wird immer frei sein …“

 

Wenn man jedoch seinen Stolz nicht überwinden kann und von einer Katze enttäuscht ist, dass sie nicht kommt, obwohl man ihr die Hand reicht, funktioniert das nicht. Dann schmerzt jeder kurze Biss und jeder Rückkzug. Das ist es, was eine Beziehung dann zerstören kann und mehr Schaden anrichtet, als es nutzt. Ich denke (Verlust)angst schafft somit erst den Verlust. Was mir nicht gehört und dennoch von selbst kommt, kann ich nicht verlieren.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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