Logbuch #14: Vom Moralismus des Zockens…

Auch wenn es manchen so vorkommt, dass ich immer total produktiv bin, bin ich es ebenso gerne auch mal gar nicht. Dann setze ich mich vor meine Playstation 3 (uralt, aber erfüllt seinen Zweck) und zocke ein Spiel…

Wie es dabei zu einem moralischen Konflikt kommen kann?

Vorweg eine kurze Erklärung für diejenigen, die sich damit nicht auskennen: Man kann bei Playstationspielen diverse Trophäen bekommen, wenn man z.B. so und so viele Gegner eliminiert hat oder ein bestimmtes Level erreicht oder eine bestimmte Aufgabe erfüllt hat etc. Manche erhält man auch automatisch während des Spielverlaufs. Für welche Handlungen man die noch bekommt, kann man natürlich nachlesen, sodass man es sich auch zum Ziel setzen kann, einfach alle zu sammeln (so wie ich…). Die meisten Spiele muss man dazu mehrmals von vorne durchspielen, bei anderen ist es einfacher.
„Dragon Age“, das ich aktuell spiele (und das lustigerweise davon handelt, dass ich die Verderbnis besiegen soll, die über die Welt hereinbricht…) habe ich schon mal vor ca. zwei Jahren durchgespielt. Nun wollte ich es noch mal von vorne spielen mit einem neuen Charakter, um eben die anderen Trophäen zu holen.

Jetzt aber zur Moralfrage…
Im Spiel gibt es sehr viele Entscheidungsfragen. Je nach dem, was du als Antwortmöglichkeit auswählst, zieht das Konsequenzen nach sich.
Ich stand vor der Frage: Werwölfe oder Elfen? Als ich es das erste mal durchgespielt habe, habe ich durch Reden und Verständnis eine friedliche Lösung herbeigeführt. Um nun die andere Trophäe zu erhalten, sollte ich zuerst den Elfen zusagen, dass ich ihnen das Herz eines bestimmten Werwolfes bringe und dann jedoch mit den Werwölfen das Elfenlager angreifen…
Und ich habe zwar unter den Antwortmöglichkeiten immer die ausgewählt, die dazu führt, dass der Angriff stattfindet, aber als ich dann da stand mit den Werwölfen und mich der Hüter der Elfen wie eine Verräterin angesprochen hat und es da auch nichts mehr zu beschönigen gab, konnte ich einfach nicht mehr weiterspielen und habe ohne zu speichern einfach das Spiel verlassen. Es gelang mir einfach so gar nicht, mich in die Rolle zu versetzen von jemandem, der sich so eine Lösung des Konflikts wirklich wünscht. Es erschien mir sogar so grundlegend falsch, dass ich beschlossen habe, erst mal nicht weiterzuspielen. Zumindest nicht mit diesem Charakter…

Warum ich heute über so etwas belanglos Erscheinendes schreibe? Weil mir das Erlebnis zeigt, dass meine Moralvorstellungen auch nicht bei einem eigentlich fiktiven Spiel enden und dass meine leichte Zwangsstörung, alles abzuschließen (sprich: alle Trophäen zu sammeln) schwächer ist als das.

Posted by Journey

Kategorie: Logbuch

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6 Kommentare        

wow, zum glück ist deine moral größer als dein 100%zwang ….
stell dir mal vor, die dronenpiloten der amis haben trophäen eingebaut …..

Hmmmm…die Amis sind wohl ein ganz anderes Kaliber…

Rollenspiele mit dir Stelle ich mir ja schwierig vor 🙈

(Darum geht es doch irgendwie: in eine Rolle zu schlüpfen, die mit dem eigenen selbst nicht zwingend was zu tun haben muss.
Zb. in Fallout 3 hab ich ne ganze Stadt in die Luft gejagt!^^
Oder macht mich das vielleicht doch zu einem Gewissenlosen Superbösewicht,.?🤔)

Ja, Rollenspiele sind auch nicht so leicht für mich…aber immer wieder interessant, was das so mit mir macht. Besonders wenn die Rolle dem widerspricht, wie ich sonst so drauf bin. Zur Not brauche ich eben ein Bier…you know. ; )

Ach, das kenn ich nur zu gut – wenn auch in der analogen Form 😁 Ich bin schon seit Jahren kein PC-Spieler mehr und auch früher waren das keine Rollenspiele.

Ich weiß noch, dass sich mir (wahrscheinlich beim Anspielen auf der Spielemesse Essen) mindestens einmal arg der Magen umgedreht hat, beim Versuch, die – mir extrem unsympathische – Spielerrolle einzunehmen. Leider weiß ich nicht mehr, worums da ging, geschweige denn, wie das Spiel oder der Verlag hieß. Und gegen meinen Willen mich daran zu versuchen, macht wenig Sinn. Dann kochen die Emotionen in mir hoch, weil das meiner Moral so zuwider läuft – ich werde ungehalten und laut.

Bei einem Spieletest auf der Messe vor ein paar Jahren zusammen mit Claudy hat die Erklärerin am Stand uns nach kurzer Zeit angesprochen und gemeint, wir würden das beide viel zu brav spielen. Man müsse zum gegenüber auch fies sein, damit sich das Spiel komplett entfalten kann. Da haben wir dann gemerkt, dass das nichts für mich ist.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, das von zwei Freunden mal erwähnte „Risiko“ auch in der abgeschwächteren modernen Variante zu spielen.

Was mir auch nicht liegt, sind Bluffspiele. Wobei das beides auch davon abhängt, wie das umgesetzt ist. Also ob man das gut mit einem Augenzwinkern sehen kann und wie stark die Spieler wirklich ins Spiel und ihre Rollen abtauchen.

Gut klar komme ich aus genau diesen Gründen wohl mit „Super-GAUdi“, der Untertitel „TriXen, Tarnen, Täuschen – das Atommüll-Versteckspiel“ spricht da für sich 😉

Worauf ich mich nicht einlassen kann, sind „Die Werwölfe von Düsterwald“. Als ich einmal die Seherin war, wurde ich schon etwas aufgebracht, weil die anderen mir auch nach zig Beteuerungen nicht glauben wollten, dass ich eben diese Person bin und daher weiß, wer die Werwölfe sind. Eine Runde später als Werwolf war ich dagegen schnell tot, da ich das dann auch gleich erwähnte. Diese hanebüchenen dahinfantasierten Indizien-Schuldzuweisungen „Ich hab nachts von dort ein Rascheln gehört, daher *muss* X ein Werwolf sein“ sind einfach nichts für mich.

Echt interessant, wie Menschen so reagieren, wenn sie sich zu etwas gezwungen fühlen, das ihnen widerstrebt oder womit sie sich nicht identifizieren können…
Ich denke jedenfalls, dass man bei sowas auch eine Menge über sich selbst lernen kann. ^^

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