Bin ich depressiv?

Das ist eine gute Frage. Ist man depressiv, wenn man sich ins Fleisch schneidet, um den seelischen Schmerz nicht mehr zu spüren? Oder ist man depressiv, wenn man sogar versucht sich das Leben zu nehmen? Ist man depressiv, nur weil man keine Lust auf Sex hat? Ab wann beginnt denn eine Depression? Und wie kann jemand, der keine Ahnung von den Symptomen hat und sich gar nicht darüber Gedanken macht, merken, dass er depressiv ist?

Ich habe mir noch einmal den Test aus dem Unterricht angesehen und spontan bewertet. Einfach nur um zu sehen, was so dabei herauskommt. Meinem Gegenüber würde ich auch nicht gerade von den Punkten drei und vierzehn erzählen. Jedenfalls habe ich laut Wikipedia eine schwere Depression mit über 25 Punkten.
Komisch. Ich stimme dem Test voll und ganz zu. Aber wenn ich an früher denke, dann wäre der noch schlechter ausgefallen, in sofern mache ich Fortschritte.
Ich bin allerdings nach wie vor ein Mensch, der zum Nachdenken neigt, was anscheinend ungesund sein soll.

Depressionen sind ein ziemlich interessantes Thema. Genauso wie die Medien, der Sinn vom Leben und dass so gut wie alles relativ ist.
Ich freue mich richtig auf mein Referat, das ich über Depressionen und Suizid halten werde. Eine halbe Stunde fülle ich da locker mit dem, was ich bis jetzt habe. Und das sind nur Eigenerfahrung, drei Zeitungsartikel, und noch ein älteres Referat von mir.
Ich könnte locker 20 Seiten schreiben oder sogar mehr. Das Problem wird nur das Vortragen…

Depressionen sieht man den Menschen jedenfalls nicht auf Anhieb an. Sie können unter uns sein, neben uns an der Theke sitzen und wie jeden Abend ihr Feierabendbier trinken und am nächsten Tag sind sie weg. Haben einfach so ihre unsichtbaren Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen und werden sich nie mehr materialisieren. Man wird nie wieder ein Wort mit ihnen wechseln können.
Aber wie kann es soweit kommen? Was macht letztendlich einen Menschen depressiv? Und was treibt einem zum Selbstmord? Ist es die Kindheit? Die Jugend? Die Suggestion und Zerstörung eines Menschenbildes? Die Liebe? Die Sinnlosigkeit im Leben? Das Gefühl einfach nichts wert zu sein und dass sich keiner darum scheren würde, wenn man weg wäre?
Für jeden verläuft die Kindheit unterschiedlich. Ich kann nur von mir aus sprechen und von dem, was ich gesehen habe. Und was ich gesehen habe waren glückliche Familien. Kaputte Familien. Und keine Familien. Auseinadergelebte Familien. Familien, die nach außen perfekt erschienen und im Inneren kaputter waren als alle anderen. Und Familien in denen man nicht redet. Über nichts.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich das erste und letzte Mal zu meiner Mutter gegangen bin und sie um Rat gefragt habe. Ich habe sie gefragt, wie das eigentlich funktioniert, wenn man in Therapie will. Sie hat mich regelrecht verspottet und gemeint, ich sei nicht normal und Depressionen wären nur Einbildung. Ich habe nie wieder ein Wort darüber verloren. Irgendwann habe ich das dann selbst in die Hand genommen. Ich wollte es einmal ausprobieren. Als ich in meiner ersten Sitzung anfing von meinem Leben zu erzählen, meinte meine Psychologin jedoch, sie wüsste sich da keinen Rat und sah mich an wie ein Phänomen. Wie der Rest der Welt… Ich bin allerdings noch ein zweites Mal hingegangen und danach nie wieder. Ich hatte auch keine Lust Monate zu warten, bis mich irgendein Psychologe einmal drannimmt und dann erneut Monate, weil ich zu dem kein Vertrauen aufbauen kann und dann noch mal und noch mal und noch mal…
Bei einer stand ich vor der Tür und sie sah mich mit finsterem geradezu durchdringenden Blick an, sah, dass ich jung war und wahrscheinlich nur so Beziehungsstress-Probleme hatte und meinte, sie habe keinen Platz. Dann schloss sie die Tür und ich beschloss mich selbst zu therapieren. Da war ich mit Sicherheit besser dran. Und das schlimmste habe ich ja überstanden. Auch, wenn ich immer noch negativ eingestellt bin.
Mein Vertrauen zu Menschen ist komischerweise trotz meiner Vergangenheit mit einer verständnislosen Mutter, die mich paradoxerweise aber trotzdem lieb hat und einem Vater, der nie zu Hause ist, eigentlich nicht so weitreichend bestückt wie bei Inzest, Drogen und Mord. Dafür aber auch nicht weniger einfach.
Ich frage mich auch manchmal, ob mir heute alles egal ist oder ob ich das, was war, nur zu verdrängen versuche.
Ich kenne jedenfalls viele unterschiedliche Menschen. Ich kenne Sänger, Künstler, Waisenkinder, Menschen mit Borderline, Alkoholiker, Arbeitslose, Selbstmörder, Idioten, Schizophrene und ebenso Menschen, die in der Masse untergehen und froh darüber sind. Manchmal verstehe ich sie, diese Menschen, die immer glücklich sind. Aber es gibt nichts in ihrem Leben, was sich besonders von einem anderen abhebt. Freund/in, Kinder, Häusle bauen, alt werden, usw.… Ich frage mich, was mit diesen Optimisten geschehen würde, wenn auf einmal alles zusammenbrechen würde und ob diese Menschen dann stärker wären, als einer, der sich mit seinem seelisches Leid von den anderen unterscheidet. Mir sind Leute, die nachdenken und „unglücklich“ sind jedenfalls sympathischer. Das ist zumindest menschlich bis zu einem gewissen Grad. Sterben müssen wir jedenfalls sowieso alle mal.
Und ich frage mich auch, wie Psychologen eigentlich arbeiten und wie sie mit jemandem schwer depressiven umgehen. Das sollte ich noch herausfinden.

Über das, was mich bedrückt rede ich jedenfalls selten. Ich habe mir früher immer gedacht, dass es furchtbar sei, niemandem zum Reden zu haben und sich alleine zu fühlen. Heute habe ich gemerkt, dass es keinen Unterschied macht, da mir zwar die Leute zuhören, aber die Verzweiflung dahinter nicht wahrnehmen. Insofern ist man immer alleine. Ich kompensiere das hauptsächlich mit Schreiben, da mir nichts anderes Halt geben kann. Und wenn es auch eine vollkommen sinnfreie Endlosgeschichte mit schrägen Charakteren ist, die alle nichts mit mir zu tun haben, es hilft mir. Es bringt mich ins Gleichgewicht, wie andere Leute eine Beziehung ausfüllt. Oder ein Job. Oder Freunde. Oder Alkohol, Rauchen und Drogen.

Posted by Journey

Kategorie: Lerntagebuch

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