Was heute normal ist, ist morgen verrückt – eine Geschichte über Kaugummi

Wir schreiben das Jahr 1999. Es gibt noch an jeder Ecke Kaugummiautomaten und in jedem Laden Poesiealben von Diddl. Gut, in ein paar Jahren gibt es das auch noch, aber es wird out sein und mit der Zeit verschwinden die Sachen mit der man in seiner Kindheit aufgewachsen ist. Bald wird es neues „Spielzeug“ geben, womit man aufwachsen wird: Ipods zum Beispiel und andere Sachen die irgendwann auch wieder ihren Wert verlieren und verschwinden werden.

Aber bleiben wir beim Jahr 1999. Genauer gesagt: Sommer ’99. Es ist ein heißer Samstagvormittag und ich langweile mich mit gekühltem Eistee und ein paar kugelförmiger bunter Kaugummis vor dem Fernseher. Ich sehe auf die Uhr und gleichzeitig auf das Thermometer: Es ist 10:15 Uhr und im Schatten hat es 23 C°. Eigentlich sollte ich einkaufen gehen, aber ich habe keine Lust dazu. Ich will mir gerade ein Kaugummi nehmen, da merke ich, es ist gar keins mehr da. Also muss ich mich wohl doch richten und einkaufen gehen.

Nachdem ich mir die passende Kleidung für so ein Wetter ausgesucht habe – ein blaues, leichtes Sommerkleid – suche ich mir die passende Tasche dazu aus und kontrolliere, ob ich alles habe: Schlüssel, Geld, mehr nicht. Die Zeit, in der jeder Teenager ein Handy und einen MP3-Player oder Ipod als Statussymbol hat, kommt ja erst noch. Noch bin ich frei, noch kann ich so rumlaufen wie ich will. Oder besser gesagt: Noch ist das normal. Angenommen wir halten die Zeit an. Ich bleibe 15 und ich spule circa 10 Jahre vor. Was meint ihr würde passieren, wenn ich am Montag im Jahre 2009 in diesem blauen Kleid in die Schule käme? Unvorstellbar. Eine Mode-Sünde. Oder wäre das Kleid schon so alt, dass es doch wieder irgendwie „in“ wäre? Man kann das nie so genau sagen.

Ich laufe die Straße entlang, kaue mein letztes Kaugummi und freue mich schon auf Nachschub, da bemerke ich, dass der Kaugummiautomat, der letzte Woche noch an einem Haus gehangen hat, weg ist. Das Haus ist allerdings auch weg. Ich gehe weiter, denn das ist ja nicht der einzige Automat, den es in dieser Stadt gibt. Dabei laufe ich an dem Kaufhaus vorbei, bleibe stehen, drehe mich um und gehe rein. Am besten ich kaufe zuerst richtig ein. Die Kaugummis kann ich mir immer noch später auf dem Weg nach Hause kaufen. Gut, wenn man genau weiß, wo die ganzen Automaten stehen.

Ich nehme mir einen Korb. Während ich durch das Kaufhaus schlendere und hier und da stehen bleibe und überlege ob ich das auch noch kaufen soll, blase ich immer wieder mal eine Kaugummiblase. Als ich alles im Korb habe was ich brauche, mache ich mich auf den Weg zur Kasse. Doch da bemerke ich einen Jungen, so circa in meinem Alter, der vor einem Regal steht und hektisch irgendetwas in seine Jackentaschen stopft. Ich weiß sofort, was er macht: Er klaut. Nachdem ich ein paar Schritte weiter auf ihn zugehe, bemerke ich auch, was er klaut. Es sind Kaugummis. Er blickt auf und erschrickt, weil ich jetzt direkt vor ihm stehe. Ich blase wieder meine Kaugummiblase. Er starrt mich einfach nur mit ängstlich-schockiertem Gesichtsausdruck an und hat – in seiner Bewegung innegehalten – immer noch Kaugummipäckchen in der Hand. Ich frage ihn: „Hast du kein Geld?“ Er antwortet. „Nein…“

Mir ist bewusst, dass es nicht gerade klug ist mit einem fremden Jungen, der auch noch klaut, irgendwohin zu gehen. Ich lade ihn aber trotzdem auf ein paar meiner Kaugummis vom Automaten ein, wenn er die anderen wieder zurücklegt. Er sieht okay aus und in dieser Zeit darf man sich mit 15 doch ruhig ein wenig kindisch und nicht erwachsen benehmen, oder? Wenn man sich all die 15-jährigen in meinem wirklichen Jahr, dem Jahr 2008, ansieht, dann muss man sich doch fragen: Sind die wirklich 15 oder älter? Es fängt ja schon bei 11-jährigen mit dem Rauchen und der Pubertät an. Man streitet sich immer ob es damals nicht besser war. Weniger Jugendkriminalität, kein ADS bei Kindern, „nette“ Musik, keine Mager- oder Fettsucht,…oder gab es das schon immer? Ich denke nicht. Die Welt verändert sich einfach zu schnell ohne das es wirklich jemandem bewusst wird. Was heute in ist, ist morgen wieder out. Wo heute ein Haus mit Kaugummiautomat steht, ist morgen nichts. Und wer heute noch denkt, er sei normal, der wird morgen für verrückt erklärt. Na immerhin haben sich Kaugummis noch gehalten…

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

Autor: Journey

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