Kurzgeschichte: Die umgekehrte Kontaktanzeige

Frau, 35, unperfekt, vielleicht ein bisschen naiv, sucht Mr. X.

Manchmal mache ich mir einen Spaß daraus, die Kontaktanzeigen nach potenziellen Gesprächspartnern abzuklappern. Als ich heute die Zeitung aufschlug war jedoch die potenzielle Menge an interessanten Menschen gleich null. Alle wollten sie den Mann fürs Leben finden, eine Frau zum Vögeln oder einfach nur ihre Kinder loswerden, weil das alles dann doch nicht so toll war, wie sie es sich erhofft hatten. Mit solchen Leuten redet man gegen Wände. Die sind zu festgefahren. Das macht so keinen Spaß.

Und so beschloss ich, wie gewohnt, mit dem Rest der Zeitung fortzufahren. Der Hauptartikel auf der ersten Seite lautete „Wer ist Mr. X.?“ und suchte nach einem Mann, der angeblich beziehungswillige Frauen aus Kontaktanzeigen anruft und belästigt.

„Sollten Sie ebenfalls von Anrufen des Mannes, der auf den Namen Mr. X. hört, belästigt worden sein, informieren Sie bitte umgehend die Polizei! […]Momentan wurden 24 Fälle im Raum S.W. gemeldet. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist. Noch ist unklar, was die Absicht des Mannes ist[…]“

So ein Gefasel! Ich schmiss die Zeitung in den Papierkorb und trank erst mal einen Schluck Kaffee. „Für so einen Mist braucht man doch keine Experten, die studiert haben!“ redete ich mal wieder nur mir selbst zu. Und da kam mir auch schon eine Idee. Prompt stellte ich meine Kaffeetasse ab, holte Block und Stift und beschloss, den Test zu machen…

„Frau, 35, sucht weder Beziehung, noch Kinder…nur ihren Spaß. Meine Hobbys sind Kontaktanzeigen lesen. Bist du mein Mr. X? Meld dich oder nicht, denn eigentlich brauch ich dich ja nicht…“

Ich steckte den zugegebenermaßen etwas widersprüchlichen und hingeschmierten Text in einen Brief, schmiss ihn bei der Zeitung in den Briefkasten und wartete ab. Die Zeitung druckte meine Anzeige am nächsten Tag. Ich lächelte und wartete ab. Doch gegen Mittag war immer noch kein Anruf da. Ich wartete also immer noch und wurde zudem immer nervöser. Am Abend meldete sich dann einer, aber der dachte, ich sei eine Frau, die ebenso nach bestimmten Kontaktanzeigen suche wie er. Ich legte auf. Ein Reinfall! Mr. X., so beschloss ich, war damit abgehakt und in die Schublade „Gerücht“ verschoben…oder er war einfach nur nicht dumm genug…oder zu dumm zum Anrufen.

Kaum hatte ich jedoch das Handy aus der Hand gelegt, klingelte es ein zweites Mal. Mein Herz klopfte seltsamerweise. Die Aufregung und Anspannung des Tages war nun deutlicher denn je zu spüren. Es stand „unbekannt“ auf dem Display und ich ging ran, bevor es zu spät war.

„Du hast gelogen!“ kam es mit rauer Stimme von der anderen Seite. „Du bist nicht 35, du willst Kinder und du hast gewartet!“ Es war Mr. X. Zweifelsohne ein unbekannter Kontaktanzeigenjäger, der die Frauenwelt belästigt.

„Doch, doch. Ich bin 35. Und gewartet habe ich … hm … ein kleines bisschen.“

„Interessante Kontaktanzeige…stimmt die ansonsten auch?“

„Find’s heraus“

„Wie billig.“

„Wissen ist teuer.“

„Hm…interessant. Die meisten Frauen haben zu dem Zeitpunkt bereits aufgelegt. Da hat das Gespräch aber auch anders angefangen…“

„Du verallgemeinerst das alles zu sehr…“

„Ich bin eben auch liebesbedürftig und suche die Frau fürs Leben in Kontaktanzeigen…nur lesen tut man ja immer das selbe…und wenn man sie dann anruft und fragt, ob sie keine anderen Themen kennen als Familie und den Kram, z. B was sie gerade lesen, legen sie auf.“

„Na Sie sind ja direkt!“

„Ich rede nicht gerne lange um den heißen Brei…Was lesen Sie – außer Kontaktanzeigen?“

„Momentan lese ich eine philosophische Analyse zum Thema Liebe…“

„Und was denken Sie?“

„Hm?“

„Was ist Liebe?“

„Ich weiß es nicht, erzählen Sie’s mir!“

„Ich denke, dass das nichts wird…mit uns.“

„Na ein Gespräch war es wert…“ gebe ich zurück und versuche meine Enttäuschung zu verbergen.

„Dann werde ich nun auflegen…“

„Nein!“ Mist, überleg dir was…

„Wie bitte?“

„Wollen Sie bis an ihr Lebensende mit fremden Menschen reden, aber keinem näher kommen?

„So sei es. Sie scheinen in der Hinsicht nicht besser zu sein…“

„Aber…ich meine…es muss doch einen Grund haben, warum Sie mich angerufen haben! Warum Sie mich fragen, was ich als Liebe bezeichne und…“

„Nein. Ich will einfach nur Unterhaltung, mehr nicht. Was wollen denn Sie? Haben Sie etwa gedacht, wir würden miteinander warm werden?“

„Sie sind ganz schön unverschämt! Am liebsten würde ich Ihnen das ins Gesicht sagen!“

„Okay. In zehn Minuten im Park.“

Er legte auf. Ich sah in den Spiegel, meine Schminke war verlaufen. Ich war schockiert, sauer, und natürlich enttäuscht. Ich hatte mir mehr erhofft von Mr. X. Aber warum eigentlich?

Zwei Minuten überlegte ich weiter, hin und her. Dann beschloss ich, doch in den Park zu gehen. Es war bereits 22 Uhr, stockdunkel und alles wie ausgestorben. Ich setzte mich auf den Brunnen in der Mitte des kleinen Parks. Keiner kam. Ich wartete. Vielleicht ist ihm noch was dazwischen gekommen? Ich wartete also weiter. Und als nach einer halben Stunde keiner kam, zog ich mein Buch aus der Tasche und begann in dem spärlichen Licht zu lesen, die ganze Nacht. Am nächsten Tag war ich müde, las aber weiter, gestand mir immer mehr ein, dass ich ein unperfekter fehlerhafter Mensch bin, der doch wartet, immer und immer wieder….aber was sollte ich tun? Ich schüttelte den Kopf gegen Morgen, legte das Buch zur Seite, sah mich um. Immer noch keiner da. Ich hätte einfach gehen können, es aufgeben können. Aber ich wollte es wohl wissen…was immer es auch sein mag.

Ach, man beginnt immer wieder an so etwas Abstruses wie Seelenverwandtschaft zu glauben…bis die Realität einen einholt?

Mann, 39, rational, weiß nicht, was er sucht, es soll aber nicht wehtun.

Am nächsten Morgen saß die Irre immer noch da. Ich stand die ganze Nacht am Eingang zum Park und sah ihr zu, wie sie las und immer wieder um sich blickte. Irgendwie tat sie mir Leid. Sie wartete auf ein Arschloch, wie alle Weiber eben. Und ich wartete wohl nur darauf, dass sie aufstand und endlich ging. Warum, das weiß ich nicht. Wollte ich sie beschützen? Nein, oder? Ich hätte sie dann zumindest aufgeben können, weil sie mich dann aufgegeben hätte. Aber so…sie stand einfach nicht auf. Also rief ich sie an, als es bereits hell wurde. Es waren sage und schreibe nur 10 Meter zwischen uns. Naja, der mutigste war ich noch nie…

„Ja, bitte?“ meldete sie sich.

„Guten Morgen, schöne Frau!“

„Was?!“

„Sie können gehen und das Buch bei Gelegenheit in den Brunnen werfen, die Liebe gibt es nicht.“

„Oh doch…sagen Sie bloß, sie waren noch nie verl…“

„Nein! Das ist doch alles Quatsch! Dieses ganze Gedöns kann sich doch keiner antun…und wozu das ganze?! Am Ende tut’s eh nur weh, man berügt sich, es wird langweilig und…“

„…man hat immerhin eine schöne Zeit miteinander verbracht!“

„Na das sehe ich nicht so.“

„Sie können sie nicht in Frage stellen, die Liebe liegt in der Luft und sie wartet ewig…nicht immer, aber ab und zu.“

„Was meinen Sie denn jetzt damit?“

„Ich werde so lange an diesem Brunnen sitzen, bis Sie mich abholen.“

„Ach was, gehen Sie Heim und ihrer Arbeit nach, ich werde dann meiner nachgehen, sie werden mich vergessen, hassen und gut ist!“

„Nein,“

„Wie nein?“

„Ich will mit Ihnen ausgehen, unter Leute, Sie sehen, Sie verstehen, Mit Ihnen philosophieren…wir scheinen uns doch so ähnlich, das kann man nicht einfach wegwerfen, als wäre es nichts!“

„…Ach…Warum habe ich sie bloß angerufen?!“

Ich legte auf, ließ sie alleine sitzen und ging wieder meiner gewohnten Arbeit nach. In den Kontaktanzeigen gab’s nichts Neues. Die Frau saß immer noch auf dem Brunnen, bestellte ihre Bücher über den Lieferservice dorthin, wartete immer noch. Ich dachte mir, dass sie irgendwann zu sich kommen würde.

Doch dem war nicht so. Es sprach sich herum, dass sie die Mrs. X. war. Und dass sie auf mich alias Mr. X. wartete. Die Story landete natürlich auf der Titelseite der Zeitung, weil sie ja so rührend war. Ich schmiss sie nur in den Müll ohne mir wie gewohnt die Kontaktanzeigen durchzulesen. Hatten die Leute denn nichts Besseres zu tun?

Irgendwie müde vom Leben legte ich mich hin. Ich schlief drei Tage durch, wurde richtig depressiv und das Gewissen nagte. Als ich einkaufen ging, saß die Frau in ihrem Kleid immer noch da. Ich ging vorbei. Sie las Liebesbücher.

Es verging ein halbes Jahr.

Mein Hobby machte mir schon lange keinen Spaß mehr, da die Kontaktanzeigen mich aufforderten, Mrs. X. endlich vom Brunnen abzuholen. Ich bestellte die Zeitung ab, wurde noch verwahrloster und einsamer, während die Frau da draußen bei Wind und Wetter wartete.

Es verging noch eine Weile, doch sie ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, wie sehr ich auch versuchte, sie zu verbannen. Es war wohl zu spät. Also raffte ich mich letztendlich doch noch auf…

Sie saß immer noch da, schaute ab und zu auf und erblickte mich. Ich ging auf sie zu, denn ich hatte ja eigentlich nichts zu verlieren. Als ich vor ihr stehen blieb schien zum ersten Mal seit langem wieder die Zeit still zu stehen. Sie ließ das Buch fallen, stand auf und fiel mir in die Arme, als wüsste sie, wer ich bin.

‚Man ich war einsam, was sollte ich tun!’ versuchte ich mir noch einzureden Und dennoch schaffte es der Applaus der Menschenmenge um uns herum, mir ein Lächeln abzuringen.

Wir heirateten sehr schnell. Ich machte ihr natürlich den Antrag, selbstverständlich um Steuern zu sparen. Diese Frau würde ich sowieso nicht mehr so schnell loswerden…

Man müsste also meinen, dass ich all dem nicht sehr positiv gestimmt war. Aber dem war nicht so. Meine Liebe hatte nur nie gelernt, sich auszudrücken. Ich hatte nur gelernt, nicht zu lieben, um Schmerz zu vermeiden. Das sollte sich nun ändern. Denn so langsam verstand ich.

All das Lesen über die Liebe an dem Brunnen in dem halben Jahr hat Mrs. X. zwar nicht weitergebracht, aber ich konnte nun etwas verstehen, was Liebe ist. Weder Wissenschaft, noch Glaube, noch sonst irgendetwas konnte mir das jemals erklären. Da musste erst eine Frau kommen und ein halbes Jahr auf mich warten…

Mit Mrs. X. erlebte ich eine sehr schöne Zeit, auch wenn sie mir oft zu schwer schien. All das Bewältigen der Konflikte, all das Fühlen will gelernt sein. Und zwar Schmerz wie Freude. Vor allem war sie besonders. Das lernte ich von Tag zu Tag mehr zu schätzen. Kontaktanzeigen lasen wir beide nicht mehr. Es stand immer wieder dasselbe darin, auf wenig Papier zusammengequetscht. Wie einfallslos.

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten

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2 Kommentare        

WOW ö.ö

Das ist richtig gut … ich bin beeindruckt, ehrlich. Super Idee.

Leider kann ich dir nichts wirklich Konstruktives dalassen, weil ichs einfach nur toll finde – bleib dabei! :)

Lg

Danke! : )

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