Leben. Schreiben. Hinfallen.

“Escribir es la manera más profunda de leer la vida”
(Schreiben ist die tiefste Art, das Leben zu lesen)

[Francisco Umbral]

Warum schreiben Autoren eigentlich? Was ist denn das Ziel? Sind sie sich ihrer Selbst sicher? Dient es der Selbstreflexion? Oder wollen sie einfach nur Bestätigung? Berühmt werden? Sich in den Mittelpunkt rücken? Unterhalten? Zum Nachdenken anregen? Die Welt verändern?
Und… geht das eigentlich „einfach so nebenher“? Wie schaufelt man sich denn die Zeit dafür frei? Geht das vielleicht nur als Fulltimeautor oder auf dem Rücken anderer, die einem durch das Geben von Zeit und Geld erst ermöglichen, sich dieser Sache auch vollkommen befreit widmen zu können? Wo nimmt man sie denn sonst her, diese Zeit zwischen Beruf, Hauhalt, kochen, einkaufen (Alltag), den paar Sozialkontakten und was noch so zum Leben gehört? Woher nimmt man die Kraft, wenn man sie mal nicht hat, weil alles andere eben wichtiger für das Überleben ist und oft keinen Spielraum für etwas Anderes lässt? Und… in wie weit kann ich denn selbst entscheiden, wie groß dieser Spielraum ist?

Mich stresst es ja, wenn ich nicht wirklich zum Schreiben komme. Oder wenn ich zwar so vor mich hinschreibe, aber auch nicht so recht weiterkomme und daher auch mit nichts fertig werde, obwohl sich alles in mir nach einem Abschluss sehnt.
Darum frage ich mich: Wie sieht eigentlich gerade meine Prioritätenliste aus… ganz ganz grob?

 

1. auf meinen Körper achten.

Der sagt mir gerade deutlich, wie k.o. ich eigentlich bin… deshalb habe ich es mir heute erlaubt, mir „frei“ zu nehmen. Leicht fiel es mir nicht, aber dadurch, dass ich mich versichert habe, dass nichts Wichtiges anbrennt, ging das. Wäre das anders gewesen, so wäre ich selbstverständlich hingegangen. In der Regel stelle ich mich auch all dem einfach ohne wenn und aber. Heute jedoch hat mir die Kraft dazu gefehlt und so hätte ich wohl für alles zehnmal länger gebraucht und mich für diese gefühlte Unproduktivität dann auch noch verflucht. Zusätzlich hätte es mich enorm viel Kraft gekostet den normalen Alltagswahnsinn zu bewältigen.

Ich weiß, das Wochenende hätte eigentlich erholsam genug sein sollen, aber es hat nicht ausgereicht, um mich von der letzten Woche zu erholen, die einfach so gar nicht gut lief. Ich war total schlapp, gefühlt am Limit und zur Krönung habe ich es am Freitag (den 13.) auch noch geschafft mit dem Scooter (zu deutsch: Tretroller) den Asphalt zu küssen. Mit meinem Knie, was dann mit vier Stichen in der Notaufnahme genäht werden musste… (ja, wenn schon, dann richtig!)
Jeder normale Mensch hätte sich gleich krank schreiben lassen. Ich natürlich nicht… Die Vernunft in mir hat dann allerdings gesiegt und so bin ich nun doch zu Hause und versuche mich zu erholen,  abzuschalten und die Zeit in erster Linie mir selbst zu widmen. Dabei versuche ich kein schlechtes Gewissen zu haben, was aber leider doch nicht so ganz ausbleibt…

 

2. Arbeit

Auch wenn man nach meiner obigen Schilderung der Situation (fliegt voll hin, muss genäht werden, erwähnt das nur beiläufig und geht trotzdem arbeiten) meinen könnte, dass ich total spinne…meine Arbeitsmoral hat sich wirklich vom superkrassen Workaholic auf ein normaleres Maß reduziert. Allerdings bin ich wohl doch noch etwas weiter entfernt von normal, denn dieser zweite Punkt („Arbeit“) steht immer noch sehr weit oben und befindet sich nach wie vor öfters mal mit dem ersten („Ich“) in einem widersprüchlichen Konflikt…
Ganz so leicht lässt sich der Drang, alles andere über mich zu stellen, dann doch nicht aus der Welt schaffen. Mit Sicherheit bin ich um einiges vernünftiger geworden und „opfere“ mich bei weitem nicht mehr so wie damals für die Arbeit, mache auch mal eher Mittagspause, habe ein Leben etc… Aber leicht fällt es mir eben nicht immer. Wenn ich das Gefühl habe, dass es mir zu leicht fällt, meldet sich nämlich nach wie vor auch ein ebenso leichtes schlechtes Gewissen…
Ich weiß natürlich, dass ich es nicht haben muss… dass ich immer noch mehr leiste als viele andere Arbeitnehmer… und dass keiner dieses extreme Arbeitsverhalten von damals verlangt und will außer meinem alten Muster. Und so verhalte mich demnach heute zwar anders, habe auch vieles verinnerlicht und achte wirklich verdammt penibel darauf mich um mich zu kümmern (essen, schlafen, Ausgleich durch Freizeit, Sozialkontakte,…), aber der ursprüngliche Automatismus im tiefsten Inneren bleibt dann irgendwie doch bestehen.
Dass ich meinen Job im Übrigen liebe und dass ich dort die letzten Jahre sehr viel Bestätigung erhalten habe und immer noch erhalte, macht es nicht leichter, mich da nicht so reinzusteigern bzw. mich davon zu lösen. Immerhin habe ich mittlerweile ein Leben außerhalb der Arbeit, das ich genau so liebe und bin sehr bestrebt für mich selbst zu sorgen und mich um mich zu kümmern, was ich damals 2015 nicht geschafft habe. Da hat Mr. Chocolate alles für mich gemacht. Dieses Verhalten hat ihm selbst das Gefühl von „Gebrauchtwerden“ gegeben. Mich hat es zum einen in meiner Ausbildung sehr weit gebracht und im Grunde erst ermöglicht überhaupt zu funktionieren, andererseits hat er mir dadurch aber auch den Raum geschaffen mich so krass in meiner Arbeit zu verlieren.

der gefühlt letzte Punkt: Schreiben

Dieser Punkt ist auf der realistischen Prioliste zwar ganz unten, aber auf der, die meinen inneren Wunsch widerspiegelt der erste… Und ich würde soooo gerne einfach mal wieder ausbrechen aus allem um mich herum! Keine Arbeit. Keine Anrufe. Kein einkaufen und kochen. Kein Facebook, kein Instagram und kein Linkedin. Keine Menschen. Keine Nachrichten. Keine Dokus. Kein schlechtes Gewissen allen unvollendeten Gedanken, Bücherstapeln, offenen Ordnern mit Ideen, angefangenen und geplanten Blogeinträgen und Geschichten gegenüber. Ich würde mich einfach gerne wieder mal in einen Zug setzen und stundenlang einer ganz neuen Geschichte widmen ohne mich ständig unterbrechen zu lassen vom „Leben“…

Doch wie? Das was zum Leben gehört und das mich am Leben erhält hat nun mal Prio 1 und die Arbeit Prio 2…

 

Ich habe mir ja in letzter Zeit oft ausgemalt, was andere so mit einem Grundeinkommen machen würden… aber… was würde ich eigentlich damit machen? Auch weiterhin arbeiten gehen, keine Frage! Aber weniger. Viiiiel weniger. Und ich könnte das auch reinen Gewissens und entspannt tun. Es wären zwar nicht weniger Jobs zu erledigen, aber man könnte die ganz anders angehen… ich könnte besser lernen locker zu lassen ohne natürlich unzuverlässig zu werden. Ich könnte mehr schreiben!

Ich glaube wir wären alle etwas entspannter, wenn wir nicht so gedrillt wären, um jeden Preis zu funktionieren, um zu überleben. Und das alles nur für den Moment und wenn wir Glück haben in einem Job, den wir gerne machen. Aber was die Zukunft bringt? Wer weiß das schon?
Für mich wird das mit dem Grundeinkommen als Allroundlösung irgendwie immer mehr zu einer fixen Idee…von der ich mich wohl etwas lösen muss, da sie wohl nicht so schnell umgesetzt wird…

Es bleibt also die Frage: Wie kann ich das tun, was mir so sehr am Herzen liegt in einer Welt, die es mir nur gelegentlich ermöglicht und in der ich die meiste Zeit mit routinierten Abläufen beschäftigt bin, um zu funktionieren?

 

Um nochmal meinen „Unfall“ zu erwähnen:
Dass ich so dermaßen hingefallen bin, ist bestimmt kein Zufall gewesen. Ich wollte rechtzeitig auf der Arbeit sein, da ich mich mit meinem Chef verabredet hatte, um Rechnungen zu schreiben… Ähm… 2h früher. Warum? Schlechtes Gewissen. Und weil ich ihm unterstützend beistehen will. Weil ich vielleicht auch etwas Bestätigung brauche… Klasse Leistung!
Lustiger Funfact: Mein Chef hat mich dann tatsächlich angerufen, um mir mitzuteilen, dass er noch eine Stunde schlafen wird.
Ironie des Schicksals: dass ich diesen Anruf um wenige Minuten verpasst habe… vermutlich hat er in dem Moment angerufen, als es mich hingehauen hat…

Also… was lerne ich jetzt daraus?!

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

«      |      »

5 comments

Eines meiner Lieblingsbilder ist Spitzwegs armer Poet: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_arme_Poet
Dieser Dichter hat seine Prios jedenfalls anders gesetzt als Du. Oder als ich :-)
Ich mag das Bild, weil es meine Zweifel an der Kunst ausdrückt, so wie sie sich vielfach präsentiert. Sprich: geldorientiert, oder auch nur: für den Lebensunterhalt dienend. Den größten Respekt habe ich vor Künstlern, die mit ihrer Kunst kein Geld verdienen (wollen). Die ihre Kunst aus Leidenschaft machen. Denen kaum etwas wichtiger ist als ihre Kunst. Die ihre Prios also setzen, wie der arme Poet.
Ich kann das nicht. Ein so leidenschaftlicher Künstler bin ich nicht. Das heißt aber nicht, dass ich nicht dennoch Kunst machen kann und dass ich nicht dennoch Zweifel am Urheberrecht oder dem Sinn gängiger Konzertkarten-Preise pflege :-)
Tja, auch ich muss in meinem Alltag immer wieder um Freiraum für meinie Kunst kämpfen. Das ist anstrengend. Aber mein Leben besteht halt nicht nur aus der Kunst, Gott sei Dank, und Deines auch nicht.
Allerdings kann ich sicher besser als Du mal alles liegen lassen, mal nicht so viel arbeiten, mal ne Woche lang keine eMails lesen und social media ignorieren. Da habe ich dann ein dickes Fell – zu dick für manche, die dann etwas von mir wollen.

Den größten Respekt habe ich vor Künstlern, die mit ihrer Kunst kein Geld verdienen (wollen). Die ihre Kunst aus Leidenschaft machen. Denen kaum etwas wichtiger ist als ihre Kunst. Die ihre Prios also setzen, wie der arme Poet.

Ja, davon gibt es wirklich sehr wenige… denn ein Mensch muss ja überleben. So auch der Künstler, der Kompromisse eingehen bzw. Prioritäten setzen muss, um eben kein armer Poet zu werden bzw. für die Kunst zu sterben…
Ich frage mich hierbei: Wie viel geniale Kunst gäbe es wohl, wenn jeder die Möglichkeit hätte, sich ungehindert ohne Existenzängste zu entfalten? Wie ehrlich würde Kunst werden? Wie viel ungenutztes Potential geht eigentlich verloren in dieser Welt, weil sie es den Künstlern so schwer macht? Ich finde es erschreckend, dass es reine Glückssache zu sein scheint, ob du als Künstler davon leben kannst.Mit Glück und einem Namen kannst du eben auch überirdische Preise verlangen. Oft hat das dann nicht mal etwas mit Talent oder Ehrgeiz zu tun und so bleibt die Kunst eben für die meisten so unverlockend brotlos, dass sie sich ihr lieber nicht widmen (können)…

Tja, auch ich muss in meinem Alltag immer wieder um Freiraum für meine Kunst kämpfen. Das ist anstrengend. Aber mein Leben besteht halt nicht nur aus der Kunst, Gott sei Dank, und Deines auch nicht.
Allerdings kann ich sicher besser als Du mal alles liegen lassen, mal nicht so viel arbeiten, mal ne Woche lang keine eMails lesen und social media ignorieren. Da habe ich dann ein dickes Fell – zu dick für manche, die dann etwas von mir wollen.

Nicht schön, aber beruhigend zu lesen dass es dir mit dem Kampf um den künstlerischen Freiraum nicht anders geht als mir. Und ich kann es durchaus verstehen, sich eine Woche auch mal komplett aus allem rausnehmen zu wollen. Ja, das würde ich wirklich auch gerne mal wieder tun… Dass du dann so gar nicht erreichbar sein willst, spricht übrigens sehr für deine Leidenschaft! : )

> Wie viel geniale Kunst gäbe es wohl,

>wenn jeder die Möglichkeit hätte, sich

>ungehindert ohne Existenzängste zu entfalten?

Ich bin da skeptisch. Es gäbe mehr Kunst. Noch mehr als ohnehin schon. Aber geniale? Ich glaube eher, noch viel mehr un-geniale.

Das Brotlose an der Kunst sehe ich eher positiv, es ist wie eine Art Gesundschrumpfen, ein Eindampfen des Künstler/innen-Pools auf diejenigen, die wirkliche Leidenschaft haben, um selbst ein Leben als armer Poet in Kauf zu nehmen. Gäbe es keinerlei Geld für Kunst, gäbe es jeglichen kommerziellen Müll nicht mehr (klingt etwas hochnäsig). Es gäbe auch schlicht weniger Kunst, aber die, die überlebt, ist dann wirklich voller Leidenschaft – und ist das nicht ein Merkmal für Genialität?

Und ein Grundeinkommen: es würde ebenfalls mehr Kunst nach sich ziehen, ganz sicher. Aber geniale? Da bin ich skeptisch.

Uiuiui, das war ja mal ein Freitag der 13. Gute Besserung! Mal abgesehen davon, dass ich nicht abergläubisch bin, seh ich den Tag eher positiv, da sich meine Eltern an einem Freitag, den 13. kennengelernt (bzw. das erste Mal live getroffen) haben. Gut, dass es genäht wurde, ich hab immer noch ein „Andenken“ an meinem Knie, weil das damals in der Kindheit nicht genäht wurde 😉

Sehr gut, dass du dir deines Verhältnisses zur Arbeit bewusst bist und daran arbeitest (und bereits gute Fortschritte gemacht hast).

Ja, das bedingungslose Grundeinkommen ist ein „frommer“ Wunsch, für dessen Genuss wir leider ein wenig zu früh auf die Welt gekommen sind.

Schön, dass du es positiv siehst. ; ) Ich bin ja auch nicht abergläubisch. Hab erst hinterher das Datum bemerkt, als man mich darauf hingewiesen hat.
Und mal sehen, was davon zurückbleibt. Sieht immer noch etwas übel aus, aber es ist definitiv besser als ungenäht.

Mein Verhältnis zur Arbeit darf übrigens gerne noch lockerer werden, aber ich „arbeite“ ja daran. ; )

Ja, das bedingungslose Grundeinkommen ist ein „frommer“ Wunsch, für dessen Genuss wir leider ein wenig zu früh auf die Welt gekommen sind.

Da hast du wohl recht…es bedarf einen extremen Wandel und der braucht Zeit… Wie wir Menschen wohl in 100 Jahren leben werden? Ich habe ja nach wie vor den Glauben an eine bessere Welt…

Schreibe einen Kommentar