Wie geht’s, mein Liebster? Sollen wir ein bisschen schauspielern?

„Wie geht’s“ ist die einfallsloseste Frage, um ein Gespräch zu beginnen. Aber seien wir einmal ehrlich: Wie sollte man sonst ein Gespräch in Gang bringen? Womöglich noch ein heikles oder eines mit einer völlig fremden Person? Wenn sich eben anderweitig keine Gelegenheit bietet, dann fragt man einfach, wie es dem Gegenüber geht. Aber „Wie geht’s“ ist mittlerweile so sehr in unseren Köpfen etabliert, dass es praktisch unvorstellbar wäre, es nicht zu fragen oder zurückzufragen. Es gibt sogar Abwandlungen davon, wie man unschön hören kann/muss/will. Die jüngere Generation zum Beispiel belässt es einfach bei „Was geht?“ Meistens jedoch geht nichts.

Und die Antwort auf „Wie geht’s?“ – „Gut“ hört man fast immer. Allerdings zweifle ich an, ob der Gegenüber wirklich immer darüber nachdenkt, wie es ihm eigentlich geht.
Anders der Maserati-Fahrer: Er überlegt erst fünf Minuten und meint zwischendurch nachdenklich, dass ich da eine wirklich gute Frage gestellt habe. Ich frage mich immer, ob er das ernst meint, finde es aber irgendwie auch amüsant. Dieter allerdings versinkt bei dieser Frage in Selbstmitleid. Jo ist immer anders. Wenn ihm eine blöde Antwort vorschwebt, dann muss er sie natürlich sofort äußern. Zurückzufragen kommt ihm allerdings eher selten in den Sinn bzw. das hängt davon ab, wie er gerade ist und welche Rolle er gerade spielt.
Ich persönlich denke auch nicht darüber nach und antworte automatisch „gut“, auch wenn es mir schlecht geht. Das ist zwar nicht der eigentliche Sinn dieser Frage, aber man will seinem Gegenüber ja nicht die negativen Gedanken auf dem abgewetzten Silbertablett vorlegen. Wenn es mir einfällt, antworte ich gerne auch „comme ci comme ca“.
Ich habe grundsätzlich nichts gegen diese Floskel. Aber ich würde viel lieber etwas Intellektuelles, Schlagfertiges und Unerwartetes sagen. Am Ende jedoch, nach übertrieben langem Überlegen, frage ich wieder nur: „Wie geht’s?“ Es ist praktisch zum Verzweifeln.

Vor einiger Zeit war ich einmal Unterwegs gewesen – mit meiner mittlerweilen endgültig Ex-besten Freundin M. – und traf auf einen Mann. Wobei treffen es nicht so ganz trifft. Ich sah ihn an der Theke sitzen, gespielt gelangweilt, beschäftigt, wie eben ein Mann so aussieht, der sich wohl auf eine mir unbekannte Weise interessant machen will. Der Fisch biss jedoch an und somit schlenderte ich wie unabsichtlich zu ihm und lehnte mich ebenso gespielt lässig an die Theke. Wie eine dieser Frauen, die sich wohl auf eine bestimmte Art und Weise interessant machen will. Er schien jedoch nicht interessiert und tat immer noch beschäftigt mit seinem iPhone oder was das auch immer sein mochte. Seit diesem Tag ist er ein Charakter in meinem Hirn voller Geschichten und ist irgendwo abgespeichert unter „Stadtfotograf“. Seinen Namen jedenfalls werde ich wohl nie erfahren. Aber vielleicht hat er diesen bereits erwähnt und ich habe ihn nur vergessen.
Ein „Wie geht’s“ springt einem in dieser Situation jedenfalls praktisch von den Lippen. Viel erfuhr ich allerdings nicht. Nur, dass er freiwillig Fotos in Kneipen für’s Internet macht. Aber das auch nur nach minutenlangem nachhaken. Seither habe ich diesen Kerl jedenfalls nie wieder gesehen, bis mir vor ein paar Tagen ein an meinem Gedächtnis klopfender Mann seine Hand zur Begrüßung ausstreckte. Ich machte natürlich gute Miene zum bösen Spiel und grüßte freundlich. Es versteht sich von selbst, dass ich keine Ahnung, wer der Kerl war.
Nach genauerer Beobachtung fiel mir jedoch auf, dass er der Kerl von der Theke war. Und blöd bzw. lustig, wie ich war, „machte ich ihn noch einmal an“ (Ein besserer Ausdruck trifft es dies wohl nicht…). Ich saß auf dem zweiten Hocker von rechts. Er stand den Bedienungen im Weg und somit unvorteilhaft im Gang. Also stütze ich mich auf dem Barhocker rechts von mir leicht ab, beugte mich vor und fragte, ob er sich denn nicht neben mich setzten wolle. Wir würden uns bestimmt gut unterhalten. Er sagte nein, aber ich rang ihm ein Lächeln ab. Dann nahm er sein Glas und lief beschäftigt umher. Ich saß somit alleine an der Bar vor meinem Glas Wasser und fragte mich, ob ich eigentlich noch ganz dicht sei. Aber ein anderer Teil in mir fragte sich wiederum, warum ich mir die Fragen des ersten Teils überhaupt anhöre und meinte, dass reden doch kein Verbrechen sei. Und ich wollte wirklich nur reden, auch wenn es nicht danach aussah.
Während sich also in meinem Kopf die Medaille drehte und wendete, legte sich eine Hand von hinten sanft auf meine Schulter. Der Fotograf musste wieder gehen, flüsterte mir allerdings aus dieser Position ein gemurmeltes „sorry“ und ein überdeutliches „mach‘s gut“ ins Ohr. Dann zog er von dannen. Ich tat natürlich uninteressiert.

Mein Schlusssatz:
Ich bekomme dank solchen Geschichten und meinen Mitmenschen immer mehr den Eindruck, dass wir alle Schauspieler sind und keiner eigentlich eine Ahnung hat, wer er ist, wie er ist und was er eigentlich will..

Um noch einmal auf das „wie geht’s“ vom Anfang zurückzukommen:
Ich kann letzten Endes nur sagen, dass es nicht immer ausreicht, um ein Gespräch zu beginnen…genauso wenig, wie etwas Pfiffiges…ich werde wohl in nächster Zeit einige Nachforschungen anstellen, was das Einleiten eines ordentlichen Gesprächs betrifft und wer mehr und mit welchen Themen dazu beiträgt.

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

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1 Kommentar        

„Ich bekomme… immer mehr den Eindruck, dass wir alle Schauspieler sind und keiner eigentlich eine Ahnung hat, wer er ist, wie er ist und was er eigentlich will..“

„You know someone said that the world’s a stage. And each must play a part.“ („Are you lonesome tonight“; Elvis Presley)

Traurig, aber wahr…

PS
Wenn‘ e mal nach Berlin kommst und Lust auf’n Gespräch bei’nem Kaffee hast, mail einfach…

LG
stranger

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