Luna

Früher habe ich öfters mal über meine Katze Luna gebloggt, als sie noch bei mir gewohnt hat. Uns hat damals sehr viel verbunden, vor allem eine Zeit, die für mich alles andere als leicht gewesen ist.

Seitdem ich jedoch alleine wohne (01.01.2016) bzw. eigentlich schon etwas früher, wohnte sie bei meinen Eltern. Geplant war, sie dort kurzfristig einzuquartieren damit ich in Ruhe umziehen konnte. Daraus wurden dann zehn Jahre. Und obwohl ich es ihr versprochen hatte, sie zu mir zu holen, habe ich es nie gemacht. Ich war auch nie da und hätte es psychisch nicht hinbekommen, mich um mich, um sie und um meinen Job zu kümmern. Für mich war das somit die richtige Entscheidung. Für sie eigentlich auch, weil es ihr bei meinen Eltern um einiges besser ging als bei mir. Dass ich sie nie zu mir geholt habe, hat sie mir jedoch nie verziehen und mich das bei den wenigen Besuchen bei meinen Eltern auch spüren lassen, indem sie mich mehr oder weniger ignoriert hat.

Am Montag, den 16.03., sind Observer und meine Mum zur Tierärztin mit ihr gefahren, weil sie nicht mehr gegessen hat, total geschwächt war und sich kaum mehr bewegt hat. Ich hatte zum Glück einen "kurzen" Schultag, sodass ich nach der Schule und dem Ausdrucken meiner Projektarbeit bei meinem Bruder dann auch dabei sein konnte. Allerdings war im Van vorne kein Platz mehr und so bin ich mit dem Bus hingefahren und gelaufen. An diesem Tag habe ich sie dann das letzte Mal gesehen...
Nun, es war kein richtiger Abschied, weil noch nicht klar war, was ihr fehlt. Aber… irgendwie war es das schon, weil ich gespürt habe, dass sie am Aufgeben ist, nicht mehr mag. Mit Moritz, unserem Kater, hatte ich mehr Zeit. Von ihm habe ich mich „angemessener“ verabschieden können. Alleine. Nur wir beide. Mit Luna hatte ich das nicht. Nur ein kurzer Moment, als ich mich neben sie auf den Boden gesetzt und ihr sanft durchs Fell gestreichelt habe. Aber wir waren eben nicht ganz alleine. Alleine hätte ich mit ihr geredet. Mehr geweint. Mich in ihr Fell gekuschelt und noch mehr geheult. Ihr versichert, wie leid es mir tut, dass ich mein Versprechen gebrochen habe. Ihr von meinen Schuldgefühlen erzählt, die ich seither habe.
Die Tierärztin fand bei den Untersuchungen heraus, dass Lunas Milz extrem vergrößert war. Und da das ein sehr empfindlches Organ (quasi an einem seidenen Faden) ist, war nun auch klar, weshalb sie sich wohl nicht mehr bewegen wollte. Um jedoch mehr zu erfahren, wurde ihr noch Blut abgenommen.

Zwei Tage später erhielt meine Mum dann das Ergebnis vom Bluttest: Blutkrebs plus zwei weitere tödliche Krankheiten, die infrage kämen. Observer und meine Mum sind noch am selben Tag zur Ärztin gefahren, um sie zu erlösen. Ich konnte nicht dabei sein, da ich Unterricht hatte, hätte es aber auch nicht gepackt. Musste auch kurz das Klassenzimmer verlassen, um mich zu beruhigen, als ich die SMS von Observer gelesen habe. Und obwohl ich ja schon geahnt hatte, dass es für sie zu Ende ging, sie mich gar nicht mehr mochte und ich nichts mehr groß mit ihr zu tun hatte, hat es mich doch sehr getroffen.
Ich war also nicht dabei, als sie eingeschläfert wurde...

Dafür habe ich dann eine Woche später am Donnerstag alleine ihre Urne abgeholt, obwohl ich einen langen Schultag hatte und wie jeden Donnerstag nach der Maurerwerkstatt voll beladen war mit meiner Arbeitstasche. Aber ich wollte das machen, denn irgendwie war ich das Luna schuldig...
Kurz bevor mein Bus am Bahnhof ankam, fing es dann an zu schneien. Erst ganz leicht und als ich ausstieg richtig heftig. Vielleicht ein Abschiedsgeschenk? Luna wusste, wie sehr ich Schnee liebe. Dass diese Aktion dadurch allerdings zu einer Herausforderung für mich wurde, könnte auch ein Teil des Abschiedsgeschenks gewesen sein. Sie hat es mir nie leicht gemacht, mich immer auf Trab gehalten, ebenso meine Mum. Luna ist also noch über ihren Tod hinaus... speziell... Immerhin hatte ich Handschuhe und einen Schirm dabei, der sich jedoch im weiteren Verlauf der Geschichte als nutzlos erwies...
Etwas eingeschneit betrat ich also das Wartezimmer, in dem zwei Frauen mit ihren Hunden saßen. Wir grüßten uns und ich ging an ihnen vorbei zu der Praxistür und klingelte. Eine Arzthelferin öffnete freundlich lächelnd und blickte dann mitfühlend, als ich meinte, dass ich die Urne von Luna abholen möchte. Sie verschwand im Zimmer und ich ging im Geiste durch, wie ich die Urne gleich liebevoll und sicher in einer meiner Taschen verstauen würde. Als sie wiederkam, zerplatzte all das wie eine Blase. Sie überreichte mir einen Karton um die 40 cm. Ich nahm ihn entgegen und schluckte erst mal. Verdammt. Ich hatte mit einer Urne gerechnet, die vielleicht 15 cm groß ist und die ich in meinem Rucksack oder meiner offenen Werkstatttragetasche verstauen konnte. Aber wie sollte ich mit diesem Karton aus Pappe und den ganzen anderen Sachen nach Hause kommen? Im Schneesturm ohne freie Hand für meinen Schirm?!
Vorsichtig legte ich den Karton auf einen Wartezimmerstuhl. Die zwei Frauen mit Hunden unterhielten sich nun über die ähnlichen Symptome ihrer Lieblinge und hofften das Beste. Ich nahm es nur am Rande wahr, stand erst mal einfach nur da und starrte auf den Karton auf dem Stuhl vor mir. Zu Füßen mein restliches Gepäck. Mein Kopf suchte fieberhaft nach einer Lösung, fand aber keine. Ich blickte aus dem Fenster hinter den beiden Frauen, die irgendwann verstummten. Dann sahen wir uns alle an und ich meinte nervös: "Ähm, ich stehe gerade vor einem logistischen Problem. Ich hatte mit einem kleineren Karton gerechnet... und bin zu Fuß hier..." Wir sahen unisono auf die weißen, eigentlich wunderschönen Flocken. "Oh", kam es nur von den beiden zurück und sie sahen mich ehrlich mitfühlend an. Gerne hätten sie mir irgendwie geholfen, fanden aber auch keine Lösung. Betretenes Schweigen machte sich breit. Ich blickte wieder aus dem Fenster und in meinem Kopf rotierte es nach wie vor. "Vielleicht warte ich einfach, bis es aufhört...", meinte ich seufzend und sah mich schon in der Praxis übernachten.
Es verging allerdings keine Minute, als ein Mann mit einem weiteren Hund die Praxis betrat und sich über die Klingel anmeldete. Die Arzthelferin trat heraus, meinte, er solle nochmal kurz Platz nehmen und rief eine der beiden Frauen mit ihrem Hund ins Zimmer. Ich suchte ihren Blick und sie erwiderte ihn irritiert angesichts der Tatsache, dass ich immer noch da war. Ich fühlte mich so schüchtern wie noch nie in meinem Leben, nahm aber all meinen Mut zusammen, erklärte ihr die Situation und bat um so etwas wie eine Plastiktüte.
Daraufhin brachte sie mir zwei Müllbeutel. In einen packte ich den Karton, den anderen legte ich über meine Werkstatttasche, damit der Inhalt nicht nass werden würde. Als ich fertig war und meine Handschuhe angezogen hatte, blickte ich zu der anderen Frau, die mich mit großen mitfühlenden Augen ansah und ganz lieb fragte, ob sie mir denn irgendwie helfen könne. Gestärkt für das Kommende und zufrieden mit meiner Lösung lächelte ich sie an und fragte, ob mir einer denn die Tür aufhalten könne, was der Mann auch tat. Beide wünschten mir alles Gute. Das wünschte ich ihnen ebenso.
Und ja, ich schaffte es irgendwie den sehr, SEHR großen Karton mit der Urne mit umwickelter Plastiktüte, meiner Werkstatttasche und meinem großen Rucksack zu Fuß von der Praxis heim zu bekommen. Trocken. Im Schneesturm.

Am darauffolgenden Samstag habe ich dann den Karton in einer passend großen Tasche mit dem Bus zu meinen Eltern gebracht. Fun Fact: Die Urne an sich war wirklich sehr viel kleiner als der Umkarton... ich hätte es aber niemals gewagt, den Karton in der Praxis zu öffnen und wollte das mit meiner Mum zusammen machen.

Wir hatten daraufhin ausgemacht, dass wir eine kleine Beerdigungszeremonie abhalten, sobald das Wetter wieder schöner sein würde. Meine Mum hatte schon seit einer Weile eine Stelle ausgesucht, wo wir Lunas Asche verstreuen konnten, was wir am vergangenen Donnerstag, den 09.04. auch gemacht haben. Es hatten zwar nicht alle aus der Familie Zeit, aber es war der letzte schöne Tag und für mich wäre es danach viel schwieriger geworden, da dann meine Ferien vorbei gewesen wären. Nun, im Gegensatz zur Woche davor, als ich die Urne abgeholt hatte, war das Wetter an diesem Tag echt warm. Schön für Luna, die dieses Wetter weitaus mehr gemocht hat als ich. Einen Tag später wäre es zwar eher mein Wetter gewesen, aber nicht so schön für sie.

Der gepflanzte Baum, an dem sie nun ihre letzte Ruhestätte hat, ist an einer echt tollen Stelle. Meine Mum hat ein kleines Herz aus Holz aufgehängt und wir konnten sogar etwas Schnittlauch neben dem Baum einpflanzen. Symbolisch, da sie Schnittlauch über alles geliebt hat...

Es war unglaublich rührend für mich zu sehen, wie viel Mühe und Gedanken sich meine Mum gemacht hat und dass da eine große Verbindung ist, obwohl Luna ihr in den letzten Jahren sehr viel Stress bereitet und sie so oft über sie geschimpft hat. Und es tat irgendwie auch gut zu hören, dass auch meine Mum Schuldgefühle hat, weil die Katze bestimmt schon länger still gelitten hat und all ihre Verfehlungen wie das Hinpinkeln, wo sie nicht hinpinkeln sollte, und der Psychoterror vielleicht wirklich Ausdruck eines Leidens waren. (Leider war Luna manchmal wirklich ein kleiner Psycho, weshalb es im Nachhinein schwer zu sagen ist, was manipulative Absicht und was wirklich Ausdruck eines Leidens gewesen ist...)
Noch mehr hing jedoch mein Vater an Luna und sie fehlt ihm extrem. Etwa 90 % der Gespräche, die er geführt hat, handelten davon, was die Katze macht, wo sie ist, wie schön sie ist,... Ohne sie bricht sein Bezugspunkt und auch ein wichtiges Bindeglied zwischen meinen Eltern weg.

Es ist auch echt komisch, bei ihnen zu sein, wenn die Katze nicht da ist... das war schon so, als Moritz gestorben ist. Luna hat sich zwar selten blicken lassen, ist aber immer mit ins Wohnzimmer gekommen, wenn man sie an einer der wenigen Stellen, wo sie gerne ruhig lag, besucht hat... sie war immer irgendwie da..

Ja... sie fehlt... : (

Posted by Journey

Kategorie: Allgemein

Autor: Journey

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1 Kommentar        

Moin Lui,

deine Zeilen zeugen davon, dass Luna sehr viel Liebe, Respekt, Aufmerksamkeit und Fürsorge bekommen hat. Sie wird vermisst werden, in Erinnerung bleiben und was sie uns hinterlässt, ist noch vieles mehr als das, denn all die Geschichten, die man erzählen kann, zeugen auch davon, was sie bewirkt hat, welche Emotionen sie in einem hervorgerufen hat und welche Gedanken man sich gemacht hat. Das alles ist auch ein Teil der eigenen Entwicklung, mit all den Erkenntnissen, die uns zu denen machen, die wir sind und die uns ein Stück weit erzählen können, wer wir waren.   
Mir fehlt die kleine Luna auch und ich bin froh, dass ich sie auch noch ein wenig kennenlernen durfte, schließlich war sie ein Familienmitglied und somit auch ein Teil von euch allen. Ich finde es schön, dass ihr Luna gemeinsam die letzte Ehre erwiesen habt und dass es auch einen Ort gibt, an dem man sich ihr am nächsten fühlen kann.
Memento Mori, Carpe Diem.

 

Alles Liebe

Observer

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