„Café-Empfindungen“

Wenn man nicht weiß, wohin man gehen soll und eine Blockade zu Hause einen daran hindert, irgendetwas Produktives zu machen, dann setzt man sich eben in ein Café, blickt durch die Glasscheibe und beobachtet die Leute, die vorbeigehen.

Mein Tisch ist fast frei, drei Plätze sind nicht besetzt und werden es wohl auch nicht mehr werden. Ich rauche und blicke auf die Straße. Ich stelle mir folgende Situation vor:
Jemand kommt herein. Irgendjemand, der mich nicht kennt und den ich nicht kenne. Ich stelle mir vor, dass an jedem Tisch jeweils 1-2 Personen sitzen. Das Café scheint also voll, denn normalerweise setzt man sich nicht einfach irgendwo dazu. Normalerweise will jeder für sich sein und separat sitzen.
Doch diese Person, die ich nicht kenne, fragt mich, ob sie sich zu mir setzen dürfe. Was denke ich? Was würden andere in dieser Situation denken? Würden sie sich belästigt fühlen? Würden sie diese Person schräg ansehen oder einfach schweigen?
Ich würde mich jedenfalls freuen, weil es sicherlich ein nettes Gespräch werden würde. Außerdem sind die Zeiten, in denen ich in den Cafés noch Freunde oder Dates an dem freien Stuhl erwartet habe vorbei, also wird der Stuhl auch frei bleiben. Provozierend frei?
Ich stelle mir vor: Wäre ich in der Rolle dieser Person, so würde ich vermutlich nicht fragen. Ich würde einen Weile lose meinem Blick durch den Raum schweben lassen und anschließend direkt auf die Bar zusteuern. Ich würde denken, dass das Fragen nach diesem freien Platz doch unhöflich wäre, obwohl an sich nichts Unhöfliches daran ist. In einer Kneipe wäre mir das wiederum egal. Aber warum bildet es eine Ausnahme? Ist sich an einen Tisch mit zu setzen persönlicher und „aufdringlicher“, als sich neben jemanden an die Bar/Theke zu setzen?

Posted by Journey

Kategorie: (Kurz)geschichten, Lerntagebuch

Autor: Journey

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1 comment

Tisch-Bar-Frage: Ich würde sagen, dass es mindestens zwei Gründe hat, die dieses unterschiedliche Verhalten zur Folge hat. Zum einen hat ein Tisch (meist) eine geschlossene und überschaubare Form – ‚mein Territorium‘-, während eine Bartheke weniger überschaubar und einfach zu groß ist, als sie komplett für sich alleine in Anspruch zu nehmen (Konvention). Ich muss bereit sein, die Bar zu teilen, wenn ich mich dort setze. Der Tisch signalisiert: meins, privat! Ich habe ihn erjagt.
Dann wäre da die Sitzanordnung. Bei einem Tisch kommt man kaum umhin, sich so zu setzen, dass man den anderen ständig im Blickfeld hat. Beobachtung, und das in geringer Entfernung! An einer Bar sitzt man sich entweder, wenns um die Ecke geht, meist mit gebührendem Abstand gegenüber (Nähe-Distanz-Problem gelöst) oder – noch ‚besser‘ – man sitzt nebeneinander und muss sich nicht beobachtet fühlen. Die Hemmschwelle, sich neben eine/n Unbekannte/n zu setzen, ist damit vermutlich deutlich niedriger. Man kann bei einem anschließenden Gespräch immer noch unverbindlich die Flaschen oder Barangestellten anstarren statt dem Gesprächspartner in die Augen.

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