Logbuch #48

Ich finde es nach, wie vor erschreckend wie krass unterschiedlich Menschen denken und auch in ihrer Denkweise immer radikaler werden können, wenn sie auf das entsprechende Gegenstück treffen, das sie triggert. Hello confirmation bias, hello filter bubble! Hello kognitive Verzerrung!

Am besten kann man dieses Verhalten – wie sollte es auch anders sein –  im „sozialen Netz“ beobachten. Ganz besonders ist dies der Fall in irgendwelchen Facebook-Gruppen, die sich nicht von vornherein schon thematisch festgelegt haben (z.B. politisch), sondern ganz allgemein gehalten sind.

Ich selbst schreibe meist nichts in diese Gruppen und sehe nicht mal wirklich regelmäßig rein, weil mir für das meiste „Allgemeine“ meine Zeit zu schade ist und ich festgestellt habe, dass ich mit den meisten Menschen eigentlich recht wenig teile außer dieselbe Stadt.
Gelegentlich scrolle ich dennoch etwas umher und bin heute auf einen Beitrag gestoßen, in welchem eine Frau aus meinem Ort fragt, was wir aus der Krise persönlich für uns positives ziehen, welche Erfahrungen wir gemacht haben und ob sich unsere Werte verändert haben.

Und ich dachte mir: ‚Hey, das ist jetzt mal ein Posting nach meinem Geschmack!‘ und begann interessiert die Beiträge darunter zu lesen, auch wenn ich nach einer Weile leider wieder feststellen musste, dass die Menschen sich mal wieder spalten…

Hier mal einige ausgewählte Antworten, sowohl die negativen als auch die positiven… wobei die aussichtslosen irgendwie überwiegen:

Mehr auf die Natur zu achten, denn sie ist cleverer wie wir.

Der Mensch vergisst leider zu schnell….

Der „moderne“ Mensch ist, wenn überhaupt, ein Symptombekämpfer, kein Ursachenbekämpfer. Nix wird sich ändern.

Die Werte sind schon verschwunden nach der Krise die Wirtschaftskrise

Ich persönlich habe gelernt, dass die Menschheit verarscht wird.

meine privaten Vorsätze habe ich vor Jahren schon geändert und umgesetzt. Für mich heißt das:
– keine Fleisch und Milchprodukte mehr zu konsumieren.
– unser Gemüse selbst anbauen
– keinen unnötigen Konsum (ich schmunzle mittlerweile,wenn mir die Werbung erzählen will, was ich nicht unbedingt alles brauchen würde)
Usw.
Das allein würde jetzt alles auch in diese Coronazeit passen.
Ich merke dass einige in meinem Umfeld umdenken, was Fleisch angeht. Da dürfen gerne noch mehr aufwachen.
Sie bemerken, dass wir viel zu wenig Nahrung im eigenen Land produzieren, dafür Unmengen an Fleisch und dass Konsum doch nicht so glücklich macht wie gedacht ?

Ich werde meine Zeit in Zukunft nicht mehr an Dinge verschwenden, auf dich ich nicht 100% Lust habe und werde dankbar sein, für alles was im Moment unmöglich ist. Ich werde wieder mehr Zeit mit der Gesamten Familie verbringen, sie fehlt mir momentan sehr. Ich werde meine Gesundheit mehr schätzen… Und ich habe in der Zeit auch gelernt, dass es ab und an nötig ist auf die Bremse zu drücken und sich mit sich und den Menschen, die man liebt intensiver zu beschäftigen anstatt sich immerzu im Freizeitstress /Hamsterrad zu befinden…

– keine Über-40-Stunden-Woche
– mehr Regional kaufen
– mich dafür einsetzen, dass wir eine Öko-Soziale-Wirtschaftsordnung bekommen
– gelernt das USA den Kapitalismus in Reinform praktizieren
– mich für mehr Wertschätzung der „systemrelevanten Berufe“ einsetzen

Natürlich gab es auch einige Kommentare von jenen, die abstreiten Verschwörungstheoretiker zu sein, da sie ja nur die Wahrheit sagen/schreiben. Und all jene, die sich nicht gleich mit echauffieren über die große Ungerechtigkeit, bezeichnen sie wahlweise als blind, schlafend oder tot…
Ich glaube ich werde dieses Phänomen wohl nie ganz verstehen… und bin wieder einmal mehr dankbar für mein überwiegend positives Leben.

Beim Lesen mancher Kommentare hat es aber oft in meinen Fingern gekribelt, etwas dazu zu scheiben. Doch ich habe mich (vorerst) zurückgehalten und erst mal den Verlauf beobachtet.
Warum eigentlich? Ich weiß es nicht so genau… vermutlich aus Angst vor dem Konflikt und dem Negativen, das auf mich einprasslen könnte… Aber das wirklich Traurige daran ist, dass ich nach meinem letzten Versuch der Kommunikation und dem, was ich allgemein so lese, nun selbst so langsam glaube, dass es vermutlich verschwendete Energie ist, anderen was zeigen zu wollen, das sie vermutlich gar nicht sehen können.
Ich bewundere hierbei wirklich die Themenstarterin, die sich damit auch noch auseinandersetzt und sich nicht auf ein niedrigeres Niveau begibt, sondern Fragen stellt und versucht beim Thema des Positiven zu bleiben. Unter jeden Beitrag, der abschweift, hat sie auch noch mal die Grundfrage gepostet und worum es eigentlich geht. Chapeau! Ich ziehe meinen Hut vor ihr.


Letztendlich habe ich mich dann doch dazu entschieden, auch etwas über meine Erfahrungen zu schreiben:

Also ich habe für mich persönlich überwiegend positive Erfahrungen gesammelt. Ich bin kreativer, achte mehr auf mich, meine Ernährung, was ich lese und mir ansehe und bin den Menschen, die ich liebe, trotz des Abstands durch intensive Telefonate sogar noch näher gekommen.

Vor Corona war ich privat und beruflich eigentlich ziemlich am Limit, was mir jedoch im Flow nicht so aufgefallen ist. Diese Zeit schafft nun Kapazitäten, die ich vorher nicht hatte und (soweit möglich) versuchen will beizubehalten. Daher möchte ich auf jeden Fall auch nach Corona mehr im Homeoffice arbeiten. Es entspannt mich nämlich ungemein, mittags kochen und ansonsten in Ruhe arbeiten zu können!

Aber ich sehe leider auch Negatives… wie z.B. eine gespaltene Gesellschaft, in der sich einige Menschen nur auf ihre Sicht fokussieren und meinen die einzige Wahrheit zu wissen, während all jene, die das nicht so sehen wie sie, in ihren Augen Idioten sind. #confirmationbias

Posted by Journey

Kategorie: Logbuch

Autor: Journey

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4 Kommentare        

Moin Lui!

Ich lese Deine vielen Einträge mit großem Interesse, vor allem auch deshalb, weil Du Dir die Mühe machst, Deine Gedanken und Überlegungen mit so viel Leidenschaft (vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes …) zu formulieren, aufzuschreiben und hier mit Deinen Lesern zu teilen. Und ich finde, Du machst das richtig gut, denn Du stellst viele interessante Fragen, machst Dir eine Menge Gedanken in die verschiedensten Richtungen, wobei Du nicht in den „Standpunkte verteidigen Modus“ verfällst, wie so viele andere.

Dabei kann ich die meisten Deiner Gedanken und Fragen sooo gut nachvollziehen, das tut einfach gut und Du bist damit ganz sicher nicht alleine, ich weiß nur zu gut, wie sich das Gedankenkarussell anfühlt und wie anstrengend das sein kann.

Diese Form der Selbstreflexion, wie Du sie betreibst, nimmt einen immer auch ein Stück mit auf Deiner ganz persönlichen Reise durchs Leben, das gefällt mir sehr. Gerne würde ich Dir zu fast allen Deinen Beiträgen auch etwas schreiben, aber ich habe den Eindruck, dass ich Dir kaum etwas mitteilen könnte, worüber Du Dir nicht schon längst selbst Gedanken gemacht hast. Dazu kommt, dass viele Themen sehr komplexe Gebilde sind, die sich kaum in ein paar Sätzen erschöpfend greifen lassen. Mein Eindruck aber ist ohnehin der, dass Du selbst bereits am meisten davon profitierst, Deine Beiträge zu verfassen. Quasi als schriftlicher „Abschluss“ vieler Gedanken, wenn auch vielleicht nur für den Moment. Interessant finde ich die Tatsache, dass Du beruflich in der Fotografie „zu Hause“ bist, das könnte kaum besser passen, wie ich finde … 🙂

Moin Observer!

Vielen Dank für deinen Kommentar. Zu lesen, dass ich jemanden so „mitnehmen“ kann und auch eine Freude damit mache, tut richtig gut! Es ist auch nicht schlimm, wenn du ansonsten ein eher stiller Leser bist. Mich freut es daher umso mehr, so ein tolles Feedback zu bekommen! : )

Über den Vergleich zur Fotografie habe ich so bewusst noch gar nicht nachgedacht, aber er passt echt gut, denn ich halte die Momente wirklich wie in einem Bild/einer Momentaufnahme fest. Ich schreibe auf, worüber ich im Jetzt nachdenke und was mich beschäftigt und gleichzeitig verarbeite ich es durch das Formulieren und Umformulieren bis zur Version, die für mich „richtig“ klingt. Am nächsten Tag ist es dann wieder etwas Anderes, das mir durch den Kopf geht. Mit der Zeit wiederholt sich da ja auch einiges, aber eher im Rahmen einer Entwicklung.

Moin Lui!

Das mit der Fotografie ist wirklich eine spannende Sache. Es ist nicht nur das Festhalten eines Moments, es ist vor allem die Art und Weise, wie man eine Sache betrachtet. Ein und dasselbe Motiv lässt sich aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, Perspektiven, Entfernungen betrachten. Was im Bild davon zu sehen ist, hängt maßgeblich davon ab, wie man das Motiv inszeniert. Licht, Brennweite, Blende, das Spiel mit der Schärfentiefe, Umgebungslicht, künstliches Licht usw. usf. Variiert man all diese Dinge von Bild zu Bild, dann entstehen viele z.T. völlig unterschiedliche Ergebnisse, doch das fotografierte Objekt bleibt dasselbe. Das ist die hohe Kunst der Fotografie, das zu beherrschen, zu erkennen, zu sehen! Und so ist es eben auch mit den vielen Situationen im Leben, mit denen man tagtäglich konfrontiert wird, man kann sie aus der reinen „Ich Perspektive“ sehen, man kann aber auch versuchen, andere Standpunkte anzuschauen, die eigene Blickrichtung zu hinterfragen, weitere interessante Perspektiven finden. Es ist genau das, was Du hier in Deinem Blog so fleißig machst, Dinge hinterfragen, Antworten suchen, Gedanken formulieren, Meinungen austauschen u.v.m.

Die Fähigkeit, wie ein Fotograf zu sehen und zu denken kann ungemein hilfreich sein auf der Suche nach Antworten zu all den vielen Fragen des Lebens. Dabei sind eigene Bilder ja immer auch ein Spiegelbild von einem selbst, es ist unglaublich, was man alles in den Bildern über sich selbst wiederfindet, mit der Zeit liest sich das wie in einer Autobiographie. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass andere Menschen da manchmal mehr drin erkennen können als ich selbst. Bilder sind eine ganz eigene Form der Kommunikation, mit sich selbst und mit anderen. So sind z.B. Brücken sehr häufig als Motive in meinen Bildern zu finden, ich fand sie optisch schon immer interessant, bin aber nie darüber gestolpert, was das vielleicht noch bedeuten mag, bis mich jemand darauf angesprochen hat … 🙂

Moin Observer!

Der Vergleich zur Fotografie gefällt mir immer besser, denn er beschreibt so gut, wie unterschiedlich man etwas bewerten kann, indem man seinen „Fokus“ auf einen anderen Aspekt legt bzw. ihn anders „beleuchtet“! Und dass wirklich immer ein neues „Bild“ von der Situation herauskommen kann, selbst wenn das Objekt und der eigentliche „Standpunkt“ identisch sind.

In meinem Fall geht das sogar noch weiter, denn ich schaffe ja sehr gerne in meiner Fotografie eine Art Grundkonstante, an der ich mich quasi festhalten kann und von der aus ich weiterarbeite. Zuerst lege ich also die Ansicht fest – entweder durch meine Position oder durch die Positionierung des Objekts, das sich meist nur durch mich bewegt (sofern es sich denn bewegen lässt, ansonsten muss ich mich eben bewegen). Und dabei bevorzuge ich Dinge, die sich eben nicht von selbst bewegen und somit auch nicht stetig neue Situationen schaffen. Denn ich ändere gerne selbst etwas an den Bedingungen.
Spinne ich das nun gedanklich etwas weiter, lässt sich darin wohl auch die Tendenz erkennen, dass ich nicht unbedingt ein spontaner Mensch bin und mich zu viel Unvorhergesehenes eher überfordert. Ich plane und analysiere viel lieber und bevorzuge Klarheit bzw. eine klare Richtung. Das Ergebnis kann zwar endgültig erscheinen, ist aber nicht in Stein gemeißelt. Es kann sich ändern und entwickeln bzw. in der Neufotografie auch ganz anders aussehen. Dass es mir im Moment gefällt und stimmig ist, heißt also nicht, dass meine Sicht in Zukunft so bleiben muss, auch wenn ein gewisser Bildstil natürlich bestehen bleibt.

Dazu fällt mir der Lieblingssatz meines Chefs ein: „Perspektive ist ausschließlich eine Frage des Standpunkts.“

Ich danke dir wirklich sehr für diesen Vergleich! Mir ist das vorher nämlich nicht aufgefallen. : )
So wie andere die Brücken in deinen Bildern erkennen, erkennst du oft auch sehr viel mehr in meinen Texten!

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